Versailles

Versailles – A peace to end all peace

Vortrag von Thorsten Samland, Mannheim, 30.01.2020

Vorwort

Nicht der Versuch, die gesamte Komplexität des 1. Weltkrieges, seiner Ursachen und Folgen im Detail zu beschreiben, oder gar das Deutsche Reich von seiner Mitverantwortung für diesen Krieg freizusprechen ist mein Ziel. Vielmehr einige faktische Zusammenhänge darzustellen, die leider noch immer nicht oder nicht mehr den Einzug in unsere Geschichtsbücher und unser Verständnis gefunden haben und den Blick auf die wirklichen Opfer und die Lehren aus diesem Vertrages zu lenken.

Das Deutsche Reich marschiert Anfang August 1914 durch das neutrale Belgien und überfällt seinen Nachbarn Frankreich, wodurch der Krieg ausgelöst wird. Dahinter steckt die machthungrige und kriegslüsterne Generalität Deutschlands und Kaiser Wilhelm II, der nach der Weltherrschaft greifen will.

Soweit schildern es uns deutsche Lehrbücher, die bis heute unser Geschichtsverständnis prägen. Doch wie passt dieses Ereignis mitten im bereits Jahrzehnte andauernden Frieden zur Realität? Diese Fragen hatten sich einige internationale Historiker bereits unmittelbar nach dem Krieg gestellt.

Was war die Situation vor Ausbruch des Krieges? Kaiser Wilhelm II feiert 1913 sein 25jähriges Thronjubiläum. Er regiert nun bereits 25 Jahre in Frieden und wird in In- und Ausland glanzvoll gefeiert. Im Jahr zuvor hatte ihn Emanuel Nobel (Neffe des Stifters Alfred Nobel) sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Die Hochzeit seiner einzigen Tochter Viktoria Luise vereint noch einmal alle gekrönten Häupter Europas in Berlin. Ein Krieg scheint alles andere als nahe liegend. Die drei Vettern aus London (Georg V), St. Petersburg (Nikolaus II) und Berlin ( Wilhelm II) redeten sich seit Kindheitstagen in Briefwechseln und bei Begegnungen mit „Georgie“, „Nicky“ und „Willy“ an.

Und nun sollte das Deutsche Reich unter eben diesem Kaiser ein knappes Jahr später ansatzlos einen derartigen Krieg vom Zaun brechen, der die friedlichen Nachbarn überraschend trifft?

Historische geopolitische Betrachtung

Vielen Menschen ist heute nicht die Karte Europas und des Mittleren Ostens vor 1914 bekannt, als Österreich/Ungarn als Vielvölkerstaat das größte Staatsgebilde Europas darstellte. Gemeinsam mit dem Deutschen Reich, Bulgarien und später dem Osmanischen Reich (Türkei) bildeten diese die sogenannten Mittelmächte (Viererbund) in Europa. Deutschland und Österreich hatten gemeinsam mehr Einwohner als ganz Nordamerika. Deutschland war der wirtschaftliche Motor Europas, welches sich zunehmend um diesen herumdrehte und enorme Wirtschaftsbeziehungen zu ihm pflegte.

„Deutschland entwickelt sich im Laufe der Regentschaft Wilhelms II. zur wirtschaftlichen Supermacht. Das industrielle Wachstum ist enorm, der gesamte Wirtschaftsaufschwung stabil und von Dauer. Breiteste Bevölkerungskreise profitieren vom Aufstieg. „Made in Germany“ wird zum Gütesiegel. Deutsche Wissenschaft ist weltweit führend. In der Physik und Chemie erzielen deutsche Forscher bahnbrechende Erfolge (z.B. Albert Einstein und Max Planck). Unzählige Entdeckungen und Erfindungen (z.B. die des weltweit ersten selbsttätigen Waschmittels, „Persil“) gehen auf deutsches Konto. Innerhalb von 17 Jahren erhalten deutsche Preisträger nicht weniger als 21 Nobelpreise“.

Diese aufstrebende Macht Deutsches Reich und Österreich/Ungarn mit ihrer enormen Wirtschafts- und Forschungskraft stellte zunehmend für die angrenzenden Mächte Frankreich und vor allemEngland eine ernstzunehmende Konkurrenz dar. Frankreich hatte den Verlust Elsaß-Lothringens 1871 an das Deutsche Kaiserreich nicht verwunden und England, das damals über rund 25% der Welt durch das Commonwealth herrschte, sah eine Bedrohung seiner Weltmärkte durch die Deutsche Handelsflotte und die deutschen Kolonien. Das Deutsche Reich seinerseits strebte kraftstrotzend nach größerer Macht

Spätestens seit 1912 gärte es beständig unter den Nachbarn, wozu auch eine Annäherung Deutschlands an das wirtschaftlich und militärisch ebenfalls stark prosperierende Russland beitrug. 1912 reiste Wilhelm II zu seinem Vetter Nikolaus II nach Russland, was vor allem England stark verunsicherte. Man hatte große Angst vor einem Ausscheren Russlands aus dem Bündnis der Entente (Dreierbündnis Frankreich, Russland, Großbritanien) und andererseits vor der militärisch zunehmender Stärke Russlands, welche England in Angst um seine östlichen Kolonien bis nach Indien versetzte. Zudem fürchteten sowohl England als auch Frankreich, dass es zu einem Bündnis zwischen Russland und den Mittelmächten kommen könnte.

Man muss das geopolitisch betrachten, denn im Westen isoliert hätten beide Kolonialmächte der neuen Macht im Osten wenig entgegen setzen können.

Unerwähnt bleibt auch oft, dass die Mittelmächte während des Krieges am 12.12.1916 aus der Position der militärischen Stärke heraus ein Friedensangebot an die Kriegsgegner (Entente) machten, da man nach dem Sieg über die Zarenarmee Russlands überlegen war. Dies wurde seitens der Westmächte abgelehnt.

Ende 1917 schied Russland wegen der Oktoberrevolution als Gegner aus und ein Sieg der Mittelmächte schien greifbar. Unter einigen Propagandavorwänden (Lusitania, Mexiko) stiegen die USA in das Kriegsgeschehen ein. Vermutlich um die Milliardenkredite zu sichern, welche man an die Entente vergeben hatte. Erst der Eintritt der USA in den Krieg brachte die Wende im Westen.

Und erst der sogenannte 14 Punkte Plan Wilsons mit der Zusicherung eines gerechten Friedens in Europa brachte das Deutschen Reich zur Kapitulation und Aufnahme von Friedensverhandlungen im Vorfeld des Versailler Vertrages. Denn trotz großer wirtschaftlicher Not im Deutschen Reich, gelang den Westalliierten der militärische Durchbruch im Stellungskrieg nicht. Leider hielt sich die alliierte Seite in Paris und Versailles nicht mehr an die Zusicherungen des Wilson Abkommens.

 

 

Der Vertrag von Versailles (28.06.1919), Waffenstillstand Compiègne 11.11.1918

Archibald Wavell, ein hoher britischer Offizier und der damalige Vizekönig von Indien sagte bereits unmittelbar nach Abschluss des Versailler Vertrages 1919: „After the war to end the war (H.G. Wells) they seem to have been pretty successful in Paris at making a peace to end all peace“.

Dieser Satz zeigt wie kaum ein anderer in aller Prägnanz, dass durchaus ein Bewusstsein dafür da war, dass mit diesem Vertrag eben kein Friede in Europa geschaffen werden sollte.

Der Vertrag stieß in Deutschland, ebenso wie der vorausgegangene Waffenstillstand auf große Ablehnung (Raubfrieden, Schandfrieden) bei allen Parteien von ganz rechts bis ganz links. Dies einmal, weil keinerlei Änderungen an dem Vertragswerk durch die deutsche Delegation zugelassen wurde und man bei Nichtunterschrift mit dem Einmarsch nach Deutschland drohte und damit, die Bevölkerung durch die weiter Seeblockade aushungern zu lassen (Es gab bereits hunderttausende Hungertote unter der Zivilbevölkerung im Deutschen Reich). Zum anderen wurde Deutschland in Versailles die Alleinschuld am Krieg zugeschrieben, was von Anfang an auf große Kritik innerhalb und außerhalb Deutschlands stieß. Nicht zuletzt waren natürlich die Reparationszahlungen (bis sage und schreibe 2010) und die Demontage von Industrieanlagen eine schwere Hypothek, die für das vom Krieg gebeutelte Land nicht leistbar waren. Der Aufstieg des Nationalsozialismus ist inzwischen historisch unbestritten damit verknüpft.

Ganz entscheidend ist dabei, dass dieser Versailler Vertrag eben nicht zwischen den gegnerischen Parteien verhandelt worden war, sondern ein Diktat darstellte, welches mit einer Tradition brach, die es in Europa seit dem Westfälischen Frieden 1648 gab, in der man die Schuldfrage außen vor ließ und in Verhandlungen eine Art Generalamnestie für alle Kriegsbeteiligten hinsichtlich der moralischen Verantwortung erließ. So trennte man die Kategorien Moral/Schuld und praktische Friedensvereinbarungen für die Zukunft der Völker.

In dem Vertrag des Westfälischen Friedens heißt es auszugsweise: „Es soll auf beiden Seiten in ewige Vergessenheit geraten und eine Amnestie all dessen eintreten, was von Beginn dieser Unruhen an nur irgendwie und irgendwo von denen einen oder den anderen Teilen hinüber oder herüber an Feindseligkeiten geschehen ist. Vielmehr sollen alle und jede von beiden Seiten sowohl vor dem Kriege als im Kriege durch Wort, Schrift oder Text zugefügten Unbilden, Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten, Schäden und Kosten ohne jedes Ansehen der Person oder der Sache gänzlich abgetan sein, dass alles, was immer der Eine gegen den Anderen in diesem Titel vorgeben könnte in ewiger Vergessenheit begraben sei.“

Auch Napoleon Bonaparte, der 1814 seine Abdankung unterschrieb, wählte die Insel Elba für sein Exil selbst aus, ging ehrenhaft in die Verbannung mit einer Ehrenkolonie, baute dort Häuser und unterhielt einen kleinen Königshof. Seine gesamte Generalität und alle Marschälle wurden weiter in den Dienst des französischen Königs übernommen.

 

Selbst beim Wiener Kongress 1815, der den endgültigen Sieg über das Napoleon Frankreich besiegelte (nach Waterloo), wurde Frankreich mit einbezogen und erhielt im Wesentlichen wieder seine Grenzen der vor Napoleon Ära. Auch Napoleon selbst wurde nicht etwa hingerichtet, sondern „nur“ in die Verbannung nach St. Helena geschickt, wo er noch einige Jahre lebte und seine Memoiren diktieren konnte.

Zwar gab es auch in der Vergangenheit Reparationsverpflichtungen für Unterlegene, wenn der Aggressor eindeutig feststand, jedoch nicht diese moralische Dimension als ideologischer Rachefeldzug, die der Unterlegene quasi als erneute Demütigung zugeben und unterzeichnen muss. Die Vermutung liegt hier nahe, dass dieses Element von den Amerikanern mit eingebracht wurde, die ihrerseits diese Tradition bereits seit den Sezessionskriegen kannten, als dem unterlegenen Gegner Bürger- und Wahlrechte zusätzlich zur Niederlage aberkannt wurden. Der unterlegene Feind musste in diesem Geist nun auch noch moralisch geächtet werden und dazu seine Alleinschuld unterschreiben.

Der Blick von außen auf die Kriegsentwicklung

Bereits nach dem Vertrag von Versailles schrieb im Jahr 1926 Georges Demartial, ein französischerVerwaltungsbeamter, Offizier der Ehrenlegion und Ehrenminister für Kolonialfragen ein in Frankreich vielbeachtetes Buch mit dem Titel L’Evangile du quai d’Orsay. In diesem Buch deckt er schonungslos die Auslassungen und Fälschungen auf, welche während und nach dem Krieg im offiziellen Kriegs(tage)buch (Livre jaune) des französischen Außenministeriums vorgenommen wurden, um die Kriegsschuld alleine auf das Deutsche Reich zu lenken. In seiner profunden Kenntnis der französischen Administration und unter Heranziehung anderer Kriegstagebücher aus Russland und England zeigt er in minutiöser Kleinarbeit, dass die russische und französische Mobilisation und alle Kriegsvorbereitungen weitgehend abgeschlossen waren, noch ehe die Mobilmachung im Deutschen Reich Anfang August 1914 erging. Ebenso wies er darauf hin, dass bewusst die Regionalkrise zwischen Österreich/Ungarn und den serbischen Nationalisten, welche mit dem Attentat von Sarajewo auf Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin am 28. Juni 1914 ihren Höhepunkt fanden, bewusst dazu verwendet wurde, eine künstliche gesamteuropäische Krise zu konstruieren, sodass des Bündnisfall der Entente ausgerufen werden konnte.

Das Buch von Georges Demartial, welcher sich selbst in der Tradition Voltaires, der Aufklärung und der Menschenrechte sah wurde leider in Deutschland nie bekannt und erst 2018 durch den Historiker Stefan Scheil übersetzt. Es erschien unter dem Titel: „Die dreiste Fälschung“. Demartial selbst wurde in Frankreich, obwohl man ihm keine Fehler in seinem Werk nachweisen konnte, die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion für fünf Jahre aberkannt.

In den schweizerischen Monatsheften für Politik und Kultur erschien bereits im Jahr 1922 eine Rezension eines anderen Buches von Geoges Demartial: „Les responsabilités de la guerre, le patriotisme et la verité“. Hierin wird deutlich, dass im Sommer 1914 das Schicksal Europas und der Welt im Grund genommen in den Händen nur weniger Entscheidungsträger lag und die Bevölkerungen und Parlamente in Wahrheit fast vollständig außen vor waren und getäuscht wurden.So wurde etwa die französische Presse mit millionenschweren Bargeldzahlungen Russlands gekauft.

Der renommierte italienstämmige Wirtschaftswissenschaftler, Jurist und Philosoph Lujo Brentanohat bereits 1922 ein Buch unter dem Titel: „Die Urheber des Weltkrieges“ herausgegeben. Beachtlicher Weise entstand das Buch aus einem Vortrag für den „Bildungsausschuss des Gewerkschaftsvereins und der Betriebsräte Münchens“. Hierin legt er zunächst unter historischer Vorbetrachtung der Geschichte des Frankenreichs Karls des Großen, des Deutschen Reiches und deren Rivalitäten nach und nach minutiös anhand vieler Quellen dar, dass Europa insgesamt unter tätiger Mithilfe französischer, russischer und englischer Politiker und Diplomaten unausweichlich auf einen Krieg zu bewegte, welcher durch bestimmte Eliten gewünscht wurde. Brentano war ursprünglich in der deutschen Delegation, die nach Versailles reiste, schied dann aber aus. Er ist ebenfalls ein Zeitzeuge.

Dem Australier Christopher Clark gebührt der Verdienst 2012 das umfangreiche Buch „Die Schlafwandler-Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ herausgegeben zu haben, welches zum Bestseller wurde und medial ein großes Echo mit sehr geteilten Meinungen erfuhr. Bei aller Blindheit, die man ihm für die Verantwortung der deutschen Politiker und Militärs 1914 vorwirft, enthebt er die Kriegsschulddebatte endlich aus ihren nationalstaatlichen Verengungen und liefert einen glaubhaften Gegenentwurf zu den Thesen des Historikers Fritz Fischer, der mit seiner rein deutschen Betrachtung bis heute die offizielle Version von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands, welche sich seit den  1960ern durch setzte, stützt und nährt.

Auch einen  interessanten Beitrag aus dem letzten offiziellen Geschichtbuch der DDR von 1987halte ich für erwähnenswert. Natürlich unter der Doktrine des Staatssozialismus zu sehen heißt es dort zum 1. Weltkrieg: „ Wie die deutschen Imperialisten, so heuchelten auch die Imperialisten der anderen Völker ihrer Bevölkerung vor, es gelte das Land vor den Angreifern zu verteidigen. In Wirklichkeit wollten die Herrscher aller Staaten mit Hilfe des Krieges imperialistische Ziele verwirklichen. Frankreichs Kriegsziele waren: Elsaß-Lothringen, das Saargebiet, deutsche Kolonien und die Zerstückelung Deutschlands. Englands Kriegsziele waren: Deutsche Kolonien, Auslieferung der deutschen Handelsflotte und die Vernichtung der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt.

Es gibt noch eine Reihe anderer Autoren, welche immer wieder auf die gesamteuropäische Verantwortung dieses Kriegsausbruches hingewiesen haben. Beachtlich hier z.B. das Buch aus 1989 von David Fromkin, einem Professor an der Boston Universität mit dem Titel: „A peace to end all peace“ (nach Archibald Wavell) mit einer umfassenden Betrachtung der Zeit von 1914 bis 1922 auchunter Einbeziehung des Nahen Ostens. Das Werk wurde bezeichnender Weise nicht auf Deutsch übersetzt, obwohl es in den USA ein Bestseller war. Er beschreibt darin sehr detailliert, wie der Imperialismus der damaligen europäischen Kolonialmächte geradezu unausweichlich in einen Krieg münden musste, den niemand mehr beherrschte.

In Frankreich war der Großteil des Parlamentes und der Parteien im Vorfeld des Krieges vom Präsidenten (Raymond Poincaré), Regierungschef (René Viviani) und russischen Botschafter (Maurice Paléologue) nicht über die wirklichen Begebenheiten der Entwicklungen, die zum Krieg führten informiert. Auch der Inhalt des Geheimvertrages zwischen Russland und Frankreich blieb vor dem Parlament verborgen. Weite Teile der Nationalversammlung, vor allem die Linke,  waren gegen den Krieg und konnten nur durch massive Täuschungen und Verfälschungen zum Eintritt bewogen werden.

In England wurde Kaiser Wilhelm noch 1913 als Freund in der Presse gefeiert, 1914 galt er dagegen als unberechenbares und bedrohliches Monstrum, 1918 behauptete man, er habe 20 Millionen Menschen ermordet und der Premier Lloyd George gewann die Wahlen mit dem Slogan „Hängt den Kaiser auf“. Auch in England hatte man bis 1914 weitgehend positive Beziehungen zum deutschen Nachbarn und die Stimmung im Parlament war zunächst gegen einen Krieg. Auch hier lässt sich der Anteil der Medien in Europa ablesen, welche wohl bereits damals das heute bekannte Framing als Handwerkszeug hatten.

Bereits 1940 beim Einmarsch der Nazis in Holland bot Winston Churchill dem im Niederländischen Exil lebenden Kaiser Wilhelm II politisches Asyl in England an. Warum wohl? Und Ende der fünfziger Jahre rückten Historiker in England von der Kriegsverbrecherthese ab und Ex Diplomat Christopher Sykes stellte im Fernsehen einen freundlichen und etwas sentimentalen Kaiser vor, der für diesen Krieg nicht alleine verantwortlich gemacht wurde. Und auch der Versailles Kritiker Nicolson urteilte in den fünfziger Jahren, dass die Schuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges nicht den Kaiser treffe, sondern die aggressiven Außenminister Russlands und Österreichs.

Die Bedeutung des Vertrages für Europa nach 1945 und bis heute

Sowohl in Präsident Wilsons 14 Punkte Plan für Europa als auch in der offiziellen Vorstellung sollte es eine neue Friedensordnung weltweit geben, welche auf Offenheit, Freiheit des Handels, Sicherheit der Staaten, geringer Rüstung und territorialer Selbstbestimmung gründet. Insbesondere in Europa sollten die Staatsgrenzen nach Nationalitäten und Volkszugehörigkeiten neu gezogen werden.

In der Realität geschah das aber nicht, sondern es wurde ein Frieden der Schuld und der Sieger. Während Deutschland relativ wenige seiner Territorien abgeben musste, dafür aber wirtschaftlich vollkommen ausgeplündert wurde, verlor Ungarn zwei Drittel seiner Territorien. Österreich wurde der Anschluss an Deutschland verweigert, obwohl in einer Volksbefragung 1919 eine sehr große Mehrheit der Österreicher dafür stimmte.

 

Fazit

Der Krieg, der bei objektiver historischer Betrachtung heute unmöglich alleine dem Deutschen Reich oder Österreich/Ungarn zugeschrieben werden kann, brachte Gewinner, aber keine Sieger hervor. Im anschließenden Vertrag von Versailles wurde die historische Chance vergeben, nach diesem Kulturbruch einen dauerhaften und gerechten Frieden zu initiieren, welcher der humanistischen Idee Wilsons gerecht geworden wäre.

Gewonnen hatten Finanzeliten, die an diesem Krieg Milliarden verdienten, verloren haben ihn die Völker Europas, welche mit Millionen von Toten, Verelendung, Hunger und Vertreibung einen unermesslichen Preis bezahlt haben.

Die Frage der Kriegsschuld erscheint zunächst sekundär angesichts der gewaltigen Vernichtung und des Elends von Millionen Menschen. Doch umgekehrt ist gerade dies eine Verpflichtung zu klären, wie ein ganzer zivilisierter Kontinent in ein derartiges Chaos abgleiten konnte.

„Die Industrie des Tötens, Epochenbruch, Auftakt eines Zeitalters der Extreme, entgrenzter Krieg“ sind einige Zitate, die diesen „Grande guerre“, wie die Franzosen sagen, bis heute begleiten. Fast 40 Nationen waren daran beteiligt. Rund 20 Millionen Tote, darunter gut die Hälfte Zivilisten. Ebenso viele Verwundete, zum Teil schwerst gezeichnet oder mit dem Verlust von Gliedmaßen.

Panzer, Maschinengewehre, Kampfflugzeuge, Bomber, U-Boote und Giftgas waren neue Waffen, welche hunderttausende Menschen töteten und die bis dahin allgemein gültigen Regeln für militärische Schlachten außer Kraft setzten. Aber auch ein Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung, etwa durch die alliierte Seeblockade, Gewalt gegen Kriegsgefangene, Missachtung von Neutralität, liefen den Prinzipien der Haager Landkriegsordnung zuwider.

Der britische Außenminister Edward Grey prophezeite bereits vor dem Krieg 1914 eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes: „In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“

All dem hätte ein echter Friedensvertrag Rechnung tragen können. Leider bestand seitens der maßgeblichen Verhandlungsführer auf französischer und englischer Seite kein Bewusstsein hierfür.

Die Welt wurde vielmehr durch die Macht- und Geldgier einer kleinen elitären Oberschicht in ganz Europa und Nordamerika getäuscht und in die bis dahin größte Katastrophe hineingetrieben, welche bis in die heutige Zeit völkerrechtliche und politische Auswirkungen hat. Diese Gruppe diktierte auch bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag das Geschehen, wodurch nicht nur Hitlers Aufstieg vorbereitet, sondern die Grenzen in Europa willkürlich neu gezogen und Völker getrennt bzw. neu zugeordnet wurden, was zu neuerlichen Spannungen führte, welche u.a. auch Anlass zum Ausbruch von WK 2 wurden. Aber das wäre ein eigenes Thema.

 

 

Lehren? Wiederholt sich die Vergangenheit?

Wer sich weigert, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. So weit die berühmte Aussage des amerikanischen Philosophen George Santayana.

Wie ich hoffentlich ein Stück weit darstellen konnte, war es noch bis ins Jahr 1914 nicht so, dass sich zwei waffenstarrende Blöcke und deren Bevölkerungen feindselig gegenüberstanden und es niemanden erstaunt hätte, wenn ein Krieg losgebrochen wäre. Nein, es herrschte im Gegenteil Frieden in Europa und lediglich hinter den Kulissen bereiteten Machtstrategen aus Militär, Politik und Finanzwirtschaft jahrelang die Aufrüstung vor, benutzten die Medien, um die Bevölkerungen der Länder zu spalten und spielten aus Furcht vor eigenen Macht– und Vermögensverlust insgeheimihre Kriegsszenarien durch. Zu diesen gehörte auch eine bewusste Eskalation eines serbisch-österreichischen Regionalkonfliktes bis hin zu einem europäischen Bündnisfall der Entente. Die russische Regierung investierte Millionen in bar in die Bestechung der französischen Presse, um den Lesern in Paris einzupflanzen, dass der Konflikt zwischen Österreich und Serbien am anderen Ende Europas eine Frage von gesamteuropäischer Dimension wäre. Der russische Außenminister Sasonow selbst übergab dem französischen Staatspräsidenten Poincaré Taschen voller Bargeld, welches dann von dessen Mitarbeitern diskret an Journalisten verteilt wurde.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Zbigniev Brzezinski veröffentlichte 1997 ein Buch unter dem Titel: „The Grand Chessboard: American Primacy and its Geostrategic Imperatives“. Auf Deutsch wurde es mit „Die einzige Weltmacht“ herausgegeben. Er beschreibt darin eine Strategie der Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in Europa. Dieses von seiner Seite durchaus in vielen Bereichen zivilisatorisch gut gemeinte Werk schildert im Sinne der Heartland Theorie (Der Schlüssel zur Weltherrschaft) des britischen Geologen Sir Halford Makinder aus 1904 die Wichtigkeit der Kontrolle über das sogenannte Herzland Europas, welches die ehemaligen Staaten der Sowjetunion umfasst und von der Wolga bis zum Jangtsekiang und vom Himalaya bis zur Antarktik reicht.Demnach beherrscht die Welt, wer das Herzland beherrscht.

Brzezinski war Berater unter Johnson und Carter und galt als der wichtigste Politikberater von Obama. Insofern stellt er eine der grauen Eminenzen dieses Politikbetriebes dar. Aussagen seines Buches lassen sich wie folgt wiedergeben:

Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.

Eine Dominanz auf dem eurasischen Kontinent ist auch heute noch die Voraussetzung für eine globale Vormachtstellung.

Amerikas Vormachtstellung in Eurasien würde dramatisch schwinden, wenn die Staaten im mittleren Raum sich zu einer politischen Einheit zusammenschlössen und die Kontrolle über den Süden erlangten oder mit China ein Bündnis eingingen.

Deutschland wird darin als ein Vasal State, also Vasallenstaat bezeichnet.

Auch der amerikanische Geheimdienststratege George Friedman hat vor ca. 5 Jahren deutlich gemacht, dass seit der Bildung des Deutschen Reiches 1871, die amerikanische Politik nichts anderes getan hat als zu verhindern, dass es zu einer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland kommt. Dies ist nach Meinung vieler Beobachter einer der Hauptgründe für den Ausbruch der beiden Weltkriege. In neuerer Zeit kann dies beispielsweise an dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien und der Nato Osterweiterung mit amerikanischen Basen in Osteuropa bestaunt werden. Doch auch die aktuelle Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands bei North Stream 2 unter dem Vorwand des Verstoßes gegen NATO Interessen ist ein deutliches Zeichen hierfür.

Selbst die allgemeine Stoßrichtung unserer eigenen Presse lässt bei wachen Geistern kaum noch den Schluss zu, diese sei noch kritisch-unabhängig.

Leider erscheint es mir daher persönlich so, dass im Rahmen der Nato seit 1999 (Jugoslawien) alles getan wird, um Europa und die Welt unter ähnlichen Konstellationen wie 1914 erneut in blutige Konflikte unter falschen propagandistischen Vorwürfen zu treiben. Spätestens seit Bush Junior wurde der Nahe Osten, Afghanistan, Pakistan systematisch unter dem Vorwand des Terrorismus destabilisiert. Die Anzahl der amerikanischen Militärbasen vor der Haustür Russlands und die gesamte Propaganda gegen Russland, sowie der aktuelle Konflikt mit China machen leider einen Krieg auf dem – wie es Brzezinski sagt – Schachbrett Europa oder Heartland Eurasien eher wahrscheinlich. Die Osterweiterung der Nato ohne konkrete Bedrohung, der Versuch, Russland in der Ukraine von seinem Seezugang abzuschneiden, der in der Ukraine mit 5 Milliarden Dollar herbeigeführte Regimechange (Victoria Newland, fuck the EU) und die permanente Intervention mit Milliardenverträgen, etwa für die Familie Biden, sind ebensolche Anzeichen. Auch die Intervention Amerikas gegen North Stream 2 oder der Zwang Europas, die Russlandsanktionen aufrecht zu erhalten.

Die große Frage ist, wie es auch Willi Wimmer beschreibt, ob wir erneut schlafwandlerisch auf eine militärische Eskalation in Europa wie im 1. Weltkrieg zusteuern, weil bestimmte monetäre und politische Interessen es so wollen. Es scheint mir zumindest eine legitime Hypothese zu sein.

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