Komplexität, Information und Fokussierung

Was macht ein Hochleistungssportler an dem Tag des entscheidenden Wettkampfes? Diese Frage, direkt gestellt, ist seltsamerweise relativ einfach zu beantworten. Er oder sie wird aufstehen wie immer, sich an die vorgeschriebene Diät halten, sich lockern, die Ruhepausen einhalten und vor allem die entscheidende Phase der Leistung vor dem geistigen Auge abspielen lassen. Immer und immer wieder. Es werden dabei Details eine Rolle spielen. Sind die Schuhe die richtigen? Sitzt die Kleidung? Sind die Regeln präsent und die Regie, nach der alles ablaufen soll? Immer und immer wieder geht es um die wesentliche Sequenz, immer und immer wieder geht es um Details. Man könnte auch sagen, das ganze Unterfangen unterliege der Professionalität. Und genauer betrachtet stimmt es. Das Interessante daran ist, dass in diesem Prozess der Professionalität auf sehr vieles verzichtet und sich auf weniges konzentriert wird.

Der Hochleistungssportler wird sich nämlich nicht beim Frühstück über die Zeitung beugen und sich langen Gedankengängen über die neue Steuerreform hingeben. Er wird sich nicht die Frage stellen, ob der Plan, so wie er ihn sich zurecht gelegt hat, tatsächlich den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht und er wird auch keinen Bericht darüber lesen, ob sich optimierte Verbrennungsmotoren oder E-Autos in den nächsten Jahren durchsetzen werden, auch wenn ihn die Frage brennend interessiert. Und er wird vor seinem geistigen Auge nicht die Frage erörtern, ob das Regelwerk, dem er sich später zu unterwerfen hat, nicht einer grundlegenden Reform bedürfte.

Und warum stellt sich der Hochleistungssportler diese Fragen, die allesamt interessant sind,  nicht? Wir wissen nicht, ob er sie sich nicht doch stellt, aber wir wissen mit Sicherheit, dass er sie sich nicht heute, am Tag des Wettkampfes, stellt. Und warum stellt er sie sich nicht? Er stellt sich diese Fragen nicht, weil er sich konzentrieren will. Weil er fokussiert ist auf das Entscheidende und weil es heute gilt!

Indem dieses einfache Beispiel betrachtet wurde, konnte damit ein wichtiges Problem illustriert werden, welches  in unserer aktuellen Welt einen prominenten Platz einnimmt. Es geht um die Notwendigkeit von Informationen, es geht um Kommunikation und es geht um das, was allgemein als Transparenz bezeichnet wird. Und, durch das gewählte Beispiel wird deutlich, dass es neben der Art und Weise wie neben dem Quantum an Informationen auch um das das Bewusstsein des Subjektes um seine eigene Situation geht.

Solange die Akteure wissen, welche Rolle sie spielen und welche Ziele sie verfolgen, desto genauer können sie bestimmen, welche Informationen für sie wichtig, welche sekundär und welche gar obsolet sind. Es stellt sich heraus, dass dem Mantra von der allumfassenden Information und Kommunikation auch etwas von einem Nebel anhaftet, der vom Wesentlichen ablenkt bzw. seine Sicht darauf behindert. Zusammengefasst sind die konkret formulierten Ziele und das Verständnis von der eigenen Rolle auch ein Synonym für das Interesse. Wer also definierte Interessen hat, der weiß auch, welche Informationen er benötigt und welche Art der Information ohne jegliche Relevanz ist.

Unter diesem Aspekt betrachtet, ist das Verlangen nach der extensivsten und intensivsten Information ein Ausdruck für den Wunsch, den lieben Gott zu spielen oder bereits mit der Identifikation der eigenen Rolle und des damit verbundenen Interesses hoffnungslos überfordert zu sein. Oder anders herum: Wer in der Lage ist, sich zu fokussieren, befindet sich auf dem richtigen Weg.

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