Deutsch sein

Peter Siebenmorgen. Deutsch sein

Sich in Krisen seiner Identität zu besinnen ist eine wichtige Sache. Wer das nicht macht, verliert sehr schnell den Überblick und ergreift zuweilen Optionen, die zu nichts Gutem führen. So sind Krisen auch immer die Gelegenheit, Dinge nachzuholen, die im Verlauf der Routinen untergegangen sind. Insofern ist das zwar vom Umfang kleine, aber vom Anspruch große Buch von Peter Siebenmorgen mit dem schlichten Titel „Deutsch sein“ ein Impuls zur richtigen Zeit. Zwar steht das Land in keiner dramatischen wirtschaftlichen Krise, aber es hat in den internationalen Kontexten, in denen es sich bewegt, im letzten Jahrzehnt mächtig Federn lassen müssen und ist zur Zeit recht isoliert.

Der Titel suggeriert auch, dass sich der Autor mit der Frage direkt befasst, was allerdings nicht der Fall ist. Es geht also nicht darum, herauszufinden, was die wesentlichen Merkmale deutscher Identität sind. Das wäre vielleicht auch ein zu hoher Anspruch, wenn man sich vor Augen führt, wie brüchig gerade diese Diskussion in deutschen Gefilden ist, bedingt durch die Traumata der jüngsten deutschen Geschichte. Siebenmorgen zeigt in seiner kleinen Schrift auf, wie schwierig es für die geteilte und dann vereinte deutsche Nation war, die Frage nach ihrer Identität frei von Psychodruck zu diskutieren. Auf der anderen Seite appelliert er, dieses jetzt zu tun. Diese Teile seiner Aufführungen sind nachvollziehbar und scheinen vernünftig.

Sollte jedoch jemand das Buch ergreifen, um herauszufinden, was mit der Fragestellung gemeint ist, so wird er nur einen einzigen, relativ abstrakt gefassten Satz finden, der sich tatsächlich dieser Fragestellung widmet: „Deutsch sein heißt, sich den guten Traditionen verpflichtet zu fühlen, sich in deren Dienst zu stellen, sie fortzuführen.“ So banal und trivial dieser Satz auch daherkommt, sich darüber zu unterhalten, was dann dort stehen müsste, wäre schon einmal ein guter Ansatz. Dass Siebenmorgen hier nicht weiter macht, ist vielleicht mit der Vorsicht zu erklären, die er in seinen Ausführungen beklagt. Die Angst, sich auf unsicherem Terrain zu exponieren, um nicht von irgend einem durchgedrehten Geschwärm in eine moralisch verfängliche Ecke gestellt zu werden.

Neben dem Appell, dass es Zeit sei, sich der Frage nach dem Deutsch sein zu stellen, handelt es sich um Exerzitien auf der Metaebene, die nicht falsch sind, aber auch nicht weiter bringen. Phänomenologisch ist dabei vieles richtig getroffen, zum Beispiel die Beobachtung, dass das Deutschland nach dem II. Weltkrieg immer dann besonders gut dastand, wenn es sich an Modernisierungsprojekten beteiligt hat. Wobei die Frage berechtigt ist, ob der Impuls und die Fähigkeit zu modernisieren im internationalen Vergleich nicht schon immer zu Vorteilen geführt hat.

So dezidiert der Autor die Versuche der Rechten als Beispiel für die Möglichkeit des manipulativen Missbrauchs von Unklarheiten beschreibt, so klischeehaft diskreditiert er auch die berechtigte Kritik an bestehenden Verhältnissen. Das geht ganz schnell und passt in die Verfasstheit des gegenwärtigen Diskurses um die Zukunft Deutschlands. Die Differenzierung zwischen dem, was notwendig ist, und einer Regierung, die fundamentale Fehler gemacht hat, lässt der Autor nicht zu. Auf Europa als Perspektive zu verweisen, ohne Europa als Perspektive zu diskutieren ist kein seriöses Angebot. Das lässt die Kritik zurück als Feindoperation gegen die Demokratie. Diese Art der elitären Selbstüberhebung ist schwer zu ertragen, wird aber wohl in den vielen Think Tanks, denen der Autor auch angehört, intensiv gelehrt.

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