Selbstwert und Selbstachtung

Als ich Ende der neunziger Jahre nach Indonesien kam, befand sich das Land in einer tiefen Finanzkrise. Die so genannten Tigerstaaten waren mit dem Börsencrash zu dieser Zeit in die Knie gegangen. Umso erstaunlicher erschien es mir, dass die Emissäre des Internationalen Währungsfonds wie der Weltbank, die mit Koffern voller Geld auf dem Archipel landeten, zähen Verhandlungen ausgesetzt waren und nicht selten frustriert und samt Geld zurück in die Flugzeuge schlichen, mit denen sie gekommen waren. Dabei hätte alles so schön sein können. Das Land lag am Boden und der Staat benötigte unbedingt frisches Geld, um überhaupt die laufenden Kosten begleichen zu können. Schnell waren die Geldgeber vom Dienst zur Stelle, nur hatten sie kaum Erfolg. Die Ursache dafür war das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl einer jungen, im Kampf gegen den Kolonialismus entstandenen Nation. Nicht, dass die Eliten dazu gezählt hätten, die waren in fortgeschrittenem Maße korrupt. Aber das Volk besaß in seiner großen Mehrheit einen Konsens und der bestand in der nationalen Selbstbestimmung. Denn eines hatten die damals 220 Millionen Menschen, die 200 verschiedene Sprachen sprechen und zu den verschiedensten Göttern beten gemein: Es waren dreihundert Jahre gemeinsame Kolonialgeschichte.

Immer wieder konnte ich in den folgenden Jahren beobachten, welchen Stellenwert die Begriffe von Selbstachtung und Selbstwertgefühl hatten. Und nachdem der Diktator Soeharto gestürzt war, wurden mit diesen Begriffen sogar Wahlkämpfe geführt und gewonnen. Der Zusammenhalt der Nation, die heterogener nicht sein konnte, wurde geprägt durch die Maßnahmen, die dazu beitrugen, den Respekt vor sich selber zu fördern. Und wenn es ein Band gab, das diese junge, von zahlreichen Problemen massiv herausgeforderte Nation zusammenhielt, dann war es die nationale Identität. Das Geheimnis, das sich dahinter verbarg, lag vermutlich in der Tatsache, dass die Unabhängigkeit und der damit verbundene Gewinn einer Identität zu einem hohen Preis erkauft worden war. Jahrelanger bewaffneter Kampf und zahlreiche Opfer waren erforderlich gewesen, um die junge Nation vom Joch des Kolonialismus zu befreien.

In unsere Tage und nach Europa transferiert, bieten sich Vergleiche an, die so abstrus wie sie klingen mögen nicht sind. Wenn ein Land, das den Faschismus mit allem, was diesen ausmacht, Rassismus, Demokratiezerstörung und Terror nach innen wie nach außen, diesen Zustand überwunden hat, dann sollte es in der eigenen Befindlichkeit einen Abwehrmechanismus gegen alles haben, was nur von der Kontur her mit diesem zu vergleichen ist. Und hätte Deutschland den Faschismus aus eigenen Kräften bezwungen, so bestünde vielleicht auch so etwas wie Selbstwert und Selbstachtung. Da es allerdings nicht durch eigene Kräfte, sondern durch Besatzer befreit wurde, ist dieser nationale Minimalkonsens nicht gegeben. Insofern ist es kein Wunder, dass zumindest ein Großteil der agierenden Funktionäre nicht vehement gegen die Autonomieverstöße und Beleidigungen durch eben jene türkischen Politiker vorgehen, die sich bei voller Beleuchtung auf dem Pfad der Faschisierung ihrer Gesellschaft befinden. Wer sich so verhält, der hat das harte Brot des Widerstandes selbst nie gegessen und für den bleiben Attribute wie Selbstwert und Selbstachtung leere Worte.

Die Nonchalance, mit der die Nutznießer der Befreiung aus zweiter Hand mit einer echten Bedrohung vorgehen, dokumentiert ihre Ahnungslosigkeit vor den Bedürfnissen derer, die ihnen ein Mandat erteilt haben. Der Wunsch nach einer Identität und das Verlangen nach Selbstwert sind größer, als sie glauben. Und das Phänomen zieht sich durch viele soziale Schichten.

 

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