Der Iwan und die Brunnenvergifter

Das Wesen eines gesellschaftlichen Diskurses besteht in der Kontroverse. Allein diese Feststellung wird schon bei einigen dazu führen, dass sie sich nicht mehr wohl fühlen. Das hat jedoch nichts mit dem Diskurs an sich zu tun, der vom Austausch unterschiedlicher Sichtweisen, unterschiedlicher Interessen und unterschiedlicher Meinungen lebt. Das Unwohlsein im Kontext mit einem Disput resultiert aus dem Verlernen, in einer Kontroverse zu bestehen und in dem Missverständnis, unterschiedliche Positionen seien etwas Unangenehmes. Ohne letztere gäbe es keinen Fortschritt, keine Entwicklung und, lassen wir sogar einmal das philosophische Feuer lodern, ohne Kontroverse hörten wir auf zu sein.

Letzteres, die Nicht-Existenz, ist, polemisch formuliert, eine gesellschaftliche Massenerscheinung geworden. Weil mit einem Kanon, der dem inquisitorischen Hexenhammer nicht unähnlich ist, bestimmte kritische oder oppositionelle Positionen per se tabuisiert werden. Wer das Tabu bricht, wird ausgegrenzt. Und das mit einem Tempo, wie es noch nie da war. Das Resultat ist eine totalitäre Logik, die offiziell gar nicht existiert und gerade deshalb so wirkungsvoll ist. Man weise einem Kodex nach, dass er existiert, wenn er von jenen, die ihn anwenden, kollektiv geleugnet wird.

Das einzige Mittel, das sich als geeignet erweisen könnte, den Diskurs wieder zu beleben, ist die Kritik. Kritik ist das Medium überhaupt, mit dem sich die Kontroverse re-installieren lässt. Wer sich jedoch bereits der totalitären Logik verschrieben hat, der wird sich gegenüber der Kritik nicht anders verhalten als die frühen Inquisitoren gegenüber dem Zweifel: Sie werden die Kritik brandmarken und diskreditieren.

Illustriert werden kann die beschriebene Entwicklung an der Metapher des Kalten Krieges. Der alte, historische Kalte Krieg, die Konfrontation zwischen USA und UdSSR, zwischen Ost und West, zwischen Staatsmonopolismus und Privatkapitalismus, lieferte beiden Seiten einen Hexenhammer, ein  Buch der Inquisition. Im Osten wanderten diejenigen, die die Kritik als ultima ratio eines erstorbenen Diskurses widerbelebten, in den GULAG. Das Kamtschatka des Westens war die Ausgrenzung und der wirtschaftliche Ruin. Im Osten hießen die Oppositionellen Agenten des Imperialismus, im Westen schlicht Brunnenvergifter.

Dass der Kalte Krieg zurückkehrt, wird nicht nur an den noch symbolisch-militärischen Handlungen beider Seiten deutlich. Die zwei sich wiederum gegenüberstehenden Fraktionen, die sich systemisch nicht mehr so gravierend unterscheiden, wetteifern auch im innergesellschaftlichen Totalitarismus. Die Rückkehr wird deutlich angesichts der Terminologie wie der Entfernung von gedanklichen Nuancen. Wer sich anmaßt, die Perspektive der „anderen Seite“ nur zu beschreiben, hat sich der Blasphemie bereits schuldig gemacht und wird diskreditiert. Die Benennung der Mechanismen, die die herrschende, bellizistische Stimmung schaffen und fördern, gilt bereits als Landesverrat. Die Inquisition ist bereits in vollem Gange und eine Zuspitzung der inquisitorischen Vorgehensweise innerhalb des eigenen Landes ist zu erwarten.

Auch wenn es nicht mehr lange dauern dürfte, dass neben dem bedrohlichen Iwan, der längst wieder da ist, auch die einheimischen Brunnenvergifter auftauchen, existiert nur ein Mittel, sich des Buches der Inquisition zu bemächtigen und dahin zu bringen, wohin es gehört, nämlich ins Museum. Das wird nur mit den Mitteln der unerschrockenen Kritik möglich sein. Letztere wird zunehmend erschwert, weil es gelungen ist, aus einem formal demokratischen Gebilde ein mentales Inquisitionstribunal zu formen. Das Quantum an Courage, das erforderlich ist, um sich dieser dekadenten Entwicklung entgegenzustellen, wird inflationär wachsen. Aber kein Preis ist zu hoch, um den mentalen Totalitarismus an den Pranger zu stellen.

 

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