Die Rezession der Demokratie und die Krise der Identität

Während derzeit ein rhetorisches Feuer zwischen Deutschland und der Türkei lodert, könnte es ratsam sein, sich nicht auf eine Seite zu stellen und eine Position zu vertreten, was trotzdem sein muss, denn das Privileg des Nicht-Verhaltens genießen hierzulande nur noch Regierungsvertreter. Dennoch ist es für einen Augenblick ratsam, sich das Auseinanderdriften einer Welt genauer anzuschauen, die noch vor zehn Jahren homogener gewesen zu sein schien. Da es nun auch die ersten offiziellen Journale sagen durften, so kann es getrost thematisiert werden, ohne sich direkt dem Vorwurf des Populismus auszusetzen: Das politische System der parlamentarischen Demokratie befindet sich, gelinde gesagt, in einer Art Rezession. Vor allem der Sieg Donald Trumps in den USA hat die Gültigkeit dieser Feststellung besiegelt. Obwohl, ja, obwohl das nicht die positive Beantwortung der Frage beinhaltet, wie das alles zu erklären ist und wer die Guten und wer die Bösen sind.

Jedes Management, das mit einem Unternehmen in die Krise gerät, muss sich fragen lassen, inwieweit die eigenen Entscheidungen und das eigene Verhalten mit dieser Entwicklung korrespondieren. Auffälliger Weise wird diese Frage selten an die politisch Verantwortlichen gestellt. Stattdessen klagen die Verantwortlichen ihrerseits die Nutznießer der Krise an. Angesichts zweier Merkmale, die nicht aus den Augen verloren werden dürfen, führt dieser Disput jedoch zu nichts. Erstens, die demokratische Rezession begann im Jahre 2008 mit dem Börsencrash und zweitens haben wir es dadurch mit einem international auftretenden Phänomen zu tun, das nicht isoliert und national erklärt werden kann. Hierzulande wird das oft versucht, da ist Merkels Entscheidung zur Öffnung der Grenzen immer auf dem Tableau oder die nahezu mythische, durch Topographie begründete Rückständigkeit Dresdens zu hören, aber das führt alles zu nichts. Insofern haben die Verteidiger der Zustände, die immer reklamieren, die Welt sei eben komplex und nicht einfach zu erklären, zumindest diese Weisheit auf ihrer Seite.

International betrachtet hat der konkrete Anlass, die Weltfinanzkrise, die ökonomische Tendenz der letzten Globalisierungsphase noch einmal beschleunigt und das Auseinanderdriften von Arm und Reich national wie international gestärkt. Damit einher gingen die Umleitung der Geldströme und eine markante Schwächung der USA. Letztere ist nun das angeschlagene Imperium, von dem niemand weiß, wohin es sich entwickelt, zu einem Mosaik in einer nun multi-polaren Welt oder zu einem Kriegstreiber, um die Verhältnisse noch einmal zurecht zu rücken. Gewiss ist, dass die Kriegsgefahr gestiegen ist, und zwar nicht exklusiv aufgrund derartiger Tendenzen in den USA, sondern aufgrund wie auch immer zu verstehender Aggressionsschübe ihrer Vasallen, inklusive der BRD.

Einmal abgesehen von den hier angeschnittenen, unappetitlichen Fragen, wenn man die armen Teufel, an denen die Geschichte in den meisten Ländern dieser Welt wie ein irrer Film in höllischem Tempo vorbeirauscht, wenn man sie fragt, was ihnen am meisten fehlt, dann ertönt die Antwort in nahezu allen Sprachen, dass es die Identität sei, die ihnen bei dem Tempo und der Auflösung von Traditionen, Kulturen und Gewissheiten verloren ginge. Das politische System, so meine Behauptung, ist wesentlicher Bestandteil der Identität eines Menschen in der Moderne. Wird ihm die geraubt, dann gerät er sehr schnell in die Krise.

Und so schließt sich eigenartiger Weise wieder der Kreis: Wer sich von einem Diktator Faschist schimpfen lassen darf, weil die Repräsentanten der Demokratie jede Art von Führung vermissen lassen, der erleidet großen Schaden an der eigenen Identität. Und die Prolongierung der Krise ist gewiss.

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