Ein Brief an meine türkischen Freunde

Liebe Freunde,

nun kennen wir uns seit vielen Jahren. In dieser Zeit haben wir uns schätzen gelernt. Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht über den Weg laufen. Und jedes Mal, wenn das der Fall ist, stellen wir insgeheim, oder besser gesagt, im Unterbewusstsein fest, dass ihr wie wir einen guten Job machen. Ihr seid froh, dass es uns gibt und wir sind froh, dass es euch gibt. Das ist so eine geistige Spielerei, denn de facto wie de jure sind wir gleich. Wir sind allesamt Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der eine Verfassung hat und sich zu den Grundrechten bekennt. Aber auch zur Gewaltenteilung und zum Primat des Rechtes.

Aber wenn wir gleich sind, was unterscheidet uns dann? Bis auf Kleinigkeiten wie das physische Aussehen oder die unterschiedlichen Essensgewohnheiten oder vielleicht auch der unterschiedliche Glaube unterscheidet uns im Wesentlichen nur eines. Es ist die Geschichte. Und, machen wir uns da nichts vor, eure Geschichte haftet euch genauso an wie uns die unsere. Der Unterschied zwischen uns ist, dass eure Familien einen anderen Weg an den heutigen Platz gegangen sind als die unseren. Während unsere Familien im selben Land blieben und in ihrer Sprache und Vorstellungswelt handeln konnten, musstet ihr oder eure Eltern oder eure Großeltern in eine andere, fremde Welt, in der eine andere Sprache gesprochen wurde, in der anders gedacht wurde, in der zu einem anderen Gott gebetet wurde und in dem die Familien anders strukturiert waren.

Das war für euch nicht einfach, und fürwahr, wir sind und waren immer ein stures Volk, das sehr kritisch auf diejenigen schaute, die neu hinzukamen, völlig unerheblich, aus welchem Sprach- oder Kulturkreis. Und, wenn wir uns aus dieser Erfahrung unsere gemeinsame Geschichte anschauen, dann habt ihr es geschafft. Ihr habt eine schmerzhafte Feuertaufe bestanden, denn schon lange gehört ihr dazu und keiner will euch missen. Und ihr werdet nicht nur geschätzt wegen eurer Leistungen in diesem unserem System, sondern auch, weil ihr vieles mitgebracht habt, das unser Leben bereichert hat.

Wie ich bereits sagte, wenn uns heute etwas unterscheidet, dann ist es unsere Geschichte. Und diese Geschichte hier, im alten wie im neuen Deutschland, die hat uns sehr geprägt. Das große Trauma, das dieses Land erlebt hat, war der Faschismus. Er hat die Gesellschaft gespalten, er hat das Recht außer Kraft gesetzt, er hat den Terror zum Regierungsinstrument gemacht und er hat einen Krieg angefacht, der die ganze Welt in Brand setzte. Einige von denen, die das erlebt haben, sind noch unter uns und ich empfehle euch, mit ihnen zu sprechen. Denn sie wissen noch sehr genau, nach welchem Regiebuch die Nationalsozialisten damals vorgegangen sind, um an die Macht zu kommen. Da, und die beiden Ereignisse lege ich euch wirklich ans Herz, weil ich euch so schätze und es gut mit euch meine, da waren ein Reichstagsbrand ein Ermächtigungsgesetz. Danach ging alles seinen Gang.

Ich habe Stimmen aus euren Reihen gehört, die kritisierten, dass bestimmte deutsche Behörden es türkischen Politikern untersagt haben, hier für etwas Werbung zu machen, dass wir mit unserer Geschichte als ein Ermächtigungsgesetz bezeichnen würden. Ihr, oder einige von euch, seht das als mangelnden Respekt vor eurer Herkunft. Das ist falsch. Es ist unsere Fürsorgepflicht euch und euren in der Türkei lebenden Familien gegenüber, dass euch eine Geschichte wie die unsere erspart bleibt. Begreift es! Ihr seid angekommen! Die Verbote sind eine Liebeserklärung an euch!

Wie immer, euer M.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s