Raoul Peck. Der junge Karl Marx

Mit Raoul Peck hat sich ein wahrer Kosmopolit an ein Thema gewagt, das seit dem magischen Jahr 1990, welches mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als das Ende der Geschichte gefeiert wurde, im Beinhaus der Geschichte zu liegen schien: Der Marxismus. Indem Peck, der sieben Jahre an der Konzeptionierung des Filmes gearbeitet hat, eine kurze Sequenz aus dem Leben des jungen Karl Marx nimmt, nämlich der entstehenden Beziehung zu dem Industriellensohn Friedrich Engels, trifft er den Scheidepunkt in Marxens Werk: Der Film beginnt im Jahr 1843, in dem Marx in seinem Pariser Exil auf Friedrich Engels trifft und er endet im Jahr 1848 mit dem Druck des Kommunistischen Manifests. Es ist der Weg des Philosophen zum Politiker, danach kam der des Ökonomen.

Etwas, das als wohl die geistesgeschichtlich intensivste Phase der Neuzeit bezeichnet werden kann, auf die dialogischen Handlungen weniger Personen zu reduzieren, ist ein riskantes Geschäft. Misslingt es, so ist nicht nur eine Chance vertan, die wesentlichen Denkrichtungen zu dokumentieren und deren Auflösung dramatisch zuzuspitzen, sondern das Ansinnen ist schlechthin diskreditiert. Raoul Peck ist es mit den Akteuren August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps und Hanna Steele gelungen, Weltgeschichte in ein filmisches Kammerspiel zu gießen.

Der junge Marx erscheint als der politische Redakteur, Jurist und Hegelianer seiner Zeit, auf der Schwelle zu dem steht, was später als der dialektische Materialismus genannt werden sollte. Ihm zur Seite steht seine Frau Jenny, eine geborene von Westphalen aus gutem Hause, die ihn fordert, fördert und inspiriert. Und diese beiden treffen auf Friedrich Engels, den Jungindustriellen, der in Manchester lebt und dort auf die irische Fabrikarbeiterin Mary Burns trifft, die ihm die Korridore in die Arbeiterklasse weist. Dieses Quartett mischt die Karten, die nicht über nur die Zukunft des wissenschaftlichen Sozialismus, sondern auch die Organisation der neuen Klasse des Proletariats entscheiden werden.

Peck dekoriert um diese vier Protagonisten das ganze Panoptikum ihrer Zeit, zumindest die thematisch relevanten, von dem französischen Sozialisten Proudhon bis zum russischen Anarchisten Michail Bakunin und dem irisch-englischen Bund der Gerechten. Peck gelingt es, die theoretischen Fragen der Zeit transparent zu machen, ohne das Profane auszublenden, das das Handeln der Menschen ausmacht. Marx stand, mittellos, am Beginn eines nahezu vierzigjährigen Exils, das in London schließlich endete, Engels stand vor dem Verlust seines Wohlstandes, weil der Bruch mit dem industriellen Vater zu erwarten war. Engels, der wohlhabende, heiratete die mittellose Fabrikarbeiterin Mary Burns, während Marx mit einer Adeligen verheiratet war, die ohne Mittel ihre Familie verlassen hatte. Die Freiheit, die sich alle Beteiligten gegenüber der Konvention nahmen, marginalisierte sie in der Gesellschaft des Ancién Regime und schweißte sie gleichzeitig zusammen.

Aus sich selbst heraus, nämlich aus der marxistischen Theorie, erklärt sich auch die Aktualität des Filmes. Ein System, das die Globalisierung mit dem Antrieb des Finanzkapitalismus beschleunigt, ist 2008 mächtig ins Stocken geraten. Es wirft damit genau Fragen auf, die Marx in seinem Werk beantwortet hat: Nach welchem Gesetz bemisst sich der Wert? Wie verhält es sich mit dem tendenziellen Fall der Profitrate? Und was bedeutet es, dass der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen zerstört? Die Aktualität ist und bleibt brisant, auch wenn die Versuche, geschichtlich einen anderen Weg zu gehen, gescheitert sind. Wer das Kino verlässt, ist sich bewusst, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

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