Das duale Bewusstsein

Es scheint eine Korrelation zu existieren zwischen der gefühlten Entfernung zu einem Unrecht und der moralischen Entrüstung darüber. Ist etwas sehr weit weg, entweder tatsächlich geographisch oder von den zu befürchtenden Konsequenzen für die eigene Lebenspraxis, dann ist zu beobachten, dass ein regelrechter Entrüstungsorkan über etwas, das dem eigenen Weltbild nicht entspricht, entstehen kann. Je näher allerdings einen politischen Widerspruch erzeugen müssendes Ereignis rückt, desto reservierter wird die Reaktion. Und das, was sehr nah ist und das eigene Leben unmittelbar betrifft, wird regelrecht ignoriert.

Momentan ist das sehr deutlich zu beobachten und zu illustrieren. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist so eine Angelegenheit, die den besagten Orkan entfachte. Über die Qualität des Mannes herrscht ein großer Konsens und viele verfallen sogar in einen bei solchen Fällen nicht selten auftretenden Fehler. Sie werden ihn unterschätzen, weil sie ihn nur noch als einen psychisch fragwürdigen Kretin ansehen. Dennoch ist der Konsens da, alle finden ihn schrecklich und wiegen sich mit der Entrüstung über Trump gleichzeitig in einen Schlaf, der verhindert, die hiesigen Verhältnisse kritisch zu betrachten. Das ist ideologisch grandios, von denen, für die, die es nicht merken nahezu tragisch und von denen, die es inszenieren, zynisch. Wem es gelingt, hier einen Entrüstungssturm über die geplante Mauer zwischen den USA und Mexiko zu inszenieren, gleichzeitig die Befestigungsanlagen der EU in Ceuta im Fernsehen zu zeigen, ohne dass die hier formulierte Kritik an Trump auch Merkel trifft, der hat einen guten Job gemacht. Oder, das Publikum hat gewaltigen Nachholbedarf in Sachen Aufklärung.

Auf der anderen Seite stehen genügend Informationen zur Verfügung, die das Abdriften der Türkei in die Diktatur betreffen. Der große Strom derer, die sich an Trumps Präsidentschaft reiben, bleibt eigentümlich passiv bei diesem Thema. Es ist jedoch geographisch näher und betrifft die eigene Verantwortlichkeit für Politik direkt. Erstens leben hier einige Millionen Türken, die eine Meinung zu den Geschehnissen in ihrer Heimat haben und zweitens haben wir hier ein Mandat, gegen die Etablierung von Diktaturen zu sein. Doch da herrscht bis auf wenige Ausnahmen Ruhe. Es könnte ja sein, dass man mit der Verurteilung der türkischen Entwicklung auf Widerstand stößt. Also besser schweigen. Oder worin liegt das Motiv?

In den letzten Jahren, immer, wenn bestimmte politische Entwicklungen zu verzeichnen waren, die dazu Anlass gaben, sich Sorgen zu machen, verwiesen viele auf das Gros der Bevölkerung, das wisse, wie es sich zu verhalten habe, wenn es hart auf hart ginge. Das scheint einerseits zweifelhafter denn je, andererseits ist die Scheinheiligkeit des Protestes gegen bestimmte Phänomene noch nie so groß gewesen wie heute. Glaube niemand, dass die Trump-Kritiker, die heute so laut zu vernehmen sind, sich mit der eigenen Regierung anzulegen bereit wären, um ihre Rolle als Steigbügelhalter der türkischen Diktatur zu beenden. Da herrscht das berühmte Schweigen im Walde. Sie mögen weiter ihre Trump-Witze erzählen, als demokratische Opposition stehen sie dennoch nicht zur Verfügung.

Das beschriebene Phänomen kann vielleicht am treffendsten als eine Art duales Bewusstsein beschrieben werden, bei dem der protestative Gestus gegen eine Politik ohne eigene praktische Relevanz einer Passivität und Unterwürfigkeit gegenübersteht, die sich auf den eigenen Verantwortungsbereich bezieht. Wie erschreckend, wie armselig.

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