Von Gewinnern und Verlierern

In der Empörung sind sich viele einig. Das ist legitim. Wenn es jedoch dabei bleibt, sich über das Resultat einer Entwicklung zu echauffieren, ohne diese selbst zu analysieren, dann ist das entschieden zu wenig. Danach sieht es leider auch diesmal aus. Die viel beschworene demokratische Kultur funktioniert immer nur dann, wenn alle einer Meinung sind. Von wem diese Konzeption der modernen Massendemokratie stammt, kann man sich denken. Dieser so oft beschworene Konsens ist, schlicht gesprochen, die Bestätigung der herrschaftlichen Meinung. Und die Werte, die so viel beschworenen, sind die des freien und nochmals freien Welthandels. Ob das den Interessen aller Nationen entspricht, die auf diesem Planeten existieren, ist nicht nur zu bezweifeln, sondern als Unsinn erwiesen. Dass sie den Interessen derer entspricht, die in der hiesigen Wertschöpfung ihre Existenz fanden und nun zu Disposition stehen, weil die Produktionsstätten verlagert wurden, ist ebenfalls eine Mär.

Diejenigen, die sich nun am heftigsten empören, sind jene, die vom globalisierten Freihandel profitiert haben. Damit sind nicht diejenigen gemeint, die man nie sieht und deren Reichtum Dimensionen erreicht hat, die kaum noch ohne Hilfsmittel darzustellen sind. Gemeint sind jene, die oft sogar unter eher schwierigen materiellen Bedingungen leben, dafür aber eines erleben durften, das die menschliche Motivation extrem begütert. Sie durften sich durch ihr Tun in Kompetenzbereiche emporarbeiten, die ein hohes Maß an Befriedigung mit sich brachten. Sie verfügen über ein hohes, international kompetitives Fachwissen, sie sprechen mehrere Sprachen und sie erwarben interkulturelle Kompetenz. Die Bedingung ihrer Existenz ist einfach und klar zu beschreiben: Sie brauchen Freizügigkeit und wechselnde, projektartige Tätigkeiten in unterschiedlichen Kontexten. Schwindet dieses, dann sinken sie zurück in einen Zustand der aus ihrer Sicht Eindimensionalität, den sie werden nur schwer ertragen können. Ihre Ängste sind es, die momentan den Nährstoff für die Empörung liefern. Und diese Ängste sind genauso ernst zu nehmen wie die Wut derer, die in diesem Prozess abgehängt worden sind.

Wie ersichtlich hilft es, sich mit den einzelnen Akteueren zu beschäftigen wie auch mit dem Ganzen. Bei der Betrachtung der Verlierer und der Gewinner der freien, ungezügelten, nicht politisch gesteuerten Globalisierung stehen sich jenseits der wirklich Mächtigen gegenwärtig zwei Kohorten gegenüber. Und allein numerisch sind die Verlierer in der Überzahl. Insofern deutet sich ohne Zweifel an, dass die Gesellschaften, in denen durch Wahlen ein Roll Back eingeleitet werden wird, die Gewinner der beschriebenen Globalisierung sehr schnell auf der Strecke bleiben werden. Sie sind in der Minderheit und sie verfügen über keinerlei Erfahrungen im Kollektiv ihre Interessen zu vertreten. Es wird vermutlich dazu führen, dass viele der Globalisierungsgewinner käuflich werden für eine neue Art des Terrorismus, dessen Formen noch nicht bekannt sind.

Und die Verlierer, vor allem in dieser unserer Republik, die werden erst das ganze Ausmaß dieser Niederlage noch kennenlernen, wenn der Freihandel auf Grenzen stösst und das Surplus aus anderen Ländern durch Lasten im eigenen Land ausgeglichen werden soll. Da steigt der Arbeitsdruck, da sinken die Löhne und da werden die Steuern in die Höhe schnellen. Letztere, die Verlierer, haben zumindest noch in der Erinnerung die Erfahrung von organisierten Kämpfen. Ob sie das in eine praktische Konsequenz werden verwandeln können, steht noch dahin. Es ist zu hoffen, dass es sich dabei verhält wie beim Fahrradfahren oder Schwimmen und man es nie verlernt.

Sicher scheint nur zu sein, dass im Moment für Zukunftsvisionen keine Zeit ist. Ob Gewinner oder Verlierer, es geht bei allen um alles.

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