Nachher zuerst

Eigenartige Phänomene überschatten das menschliche Dasein. Dabei handelt es sich um solche, die durchaus positiv gewertet werden können, wie zum Beispiel die Fähigkeit, mit Frustrationen und Rückschlägen umgehen zu können, sofern eine klare Vorstellung von einem bestimmten Ziel existiert und der Wille vorhanden ist, dieses Ziel zu erreichen. Andererseits wiederum fällt auf, dass Menschen in bestimmten Situationen in der Lage sind, Ereignisse und Dinge, die für sie brandgefährlich sein können, erfolgreich auszublenden. Das kann sich in einer Katastrophe zuspitzen, sodass noch Jahrzehnte nach so einem Debakel selbst von Expertenpublikum darüber gerätselt wird, wie es überhaupt dorthin hat kommen können.

Das Phänomen, das neben vielen anderen und den beiden hier genannten momentan ganz besonders zu beobachten ist, hat etwas mit der Komplexität der Erscheinungen, die unser Leben bestimmen, zu tun. Da spielen weltwirtschaftliche, ökologische, politische, soziologische, kulturelle und rein monetäre Fragen eine Rolle, da hängen politische Entscheidungen davon ab, wie die Gremien besetzt sind oder bei den nächsten Wahlen besetzt werden, da müssen vielleicht Koalitionen geschmiedet werden, die vorher noch nie in dieser Form existiert haben, da fehlt vielleicht auch noch Wissen oder die Technik, um etwas machen zu können. Klar ist nur, dass es mit sehr viel Arbeit und sehr vielen unterschiedlichen Abhängigkeiten zu einem Ergebnis kommen kann. Das ist nicht jedermanns Sache.

Insbesondere jene Zeitgenossen, die bei Wahlen vor allem mit dem Slogan der Sicherheit abgeholt werden können, verfallen in einer solchen Situation in die sprichwörtliche Schockstarre. Sie tendieren in ganzen Kohorten dazu, auf die Interdependenz der Teilaspekte zu verweisen und genau damit zu begründen, dass es da das Sinnvollste zu sein scheint, zu warten und nichts zu tun. Erst, so ihre Argumentation, erst wenn der Wahlkampf zu Ende, erst wenn das Handelsabkommen geschlossen, erst wenn das Gesetz verabschiedet, erst wenn die ersten Testergebnisse vorliegen, erst wenn das neue Personal die Ämter besetzt hat etc. sei es geraten, sich, dann aber mit Schwung, in Bewegung zu setzen. Dann aber, so verkünden sie für ihre Verhältnisse sogar temperamentvoll, dann lege man los mit allem verfügbaren Schwung.

Es ist kein Geheimnis, dass die heute von uns bewohnte Welt, egal aus welchem Winkel betrachtet, an Komplexität alles Bisherige überbietet. Und es ist auch klar, dass wir uns den Interdependenzen genauso wenig widersetzen können wie die Tatsache akzeptieren müssen, dass sich die technische, wirtschaftliche, politische oder kulturelle Entwicklung auf diesem Planeten ungleichmäßig vollzieht. Das ist der Grund dafür, dass die Welt bunt und verschieden ist. Und genau an dieser Stelle hört man schon wieder die Stimme des Stillstandes, die reklamiert, man könne erst beginnen, wenn allgemein gültige Standards entwickelt und verabschiedet sind…

Das Phänomen der Erstarrung in Situationen der Komplexität ist eines, das sowohl psychologisch und individuell als auch sozial und kollektiv noch weiter betrachtet werden muss. Denn hinter diesem Phänomen verbirgt sich die Gefahr der politischen Lähmung, was meistens nur denen etwas nützt, die andere über den Tisch ziehen wollen. Nein, das ist kein Aufruf zu blindem Aktionismus, nein, das ist kein unreflektierter Fortschrittsglaube, sonders es handelt sich um eine einzige, aber entscheidende Karte: es geht darum, die Option des Handelns und Gestaltens in der Hand zu behalten. Wer passiv wartet, legt sie auf den Tisch und gibt sie her.

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