Yanis Varoufakis. Der globale Minotaurus

Selten wurde eine Person in der deutschen Öffentlichkeit derartig verzerrt dargestellt. Es hatte weniger mit ihm, als mit seiner Rolle zu tun. Und die Legende in Deutschland stand von den faulen Griechen, die über ihre Verhältnisse gelebt hatten und jetzt nicht die Zeche bezahlen wollten. Und dann kam aus der Syriza-Regierung plötzlich ein neuer griechischer Finanzminister daher, selbstbewusst, ohne Krawatte, aber mit Motorrad und lachte das vereinigte Konsortium der tatsächlichen Bankenretter einfach aus. Das war für viele der Zunft unerträglich und dabei ging die Wahrheit über Varoufakis unter. Er seinerseits hatte eine unzweifelhafte Reputation als Wirtschaftswissenschaftler und bereits in Sydney, Glasgow und Cambridge gelehrt. Und was die Zusammenhänge der Weltfinanzkrise anbelangte, da gehörte er wohl zu den versiertesten Analytikern.

In seinem Buch „Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft“, das 2015 erschien, wandte er sich zum ersten Mal an ein größeres Publikum und versuchte die Begebenheiten, die nicht nur sein Land und Europa, sondern vor allem die USA und den Rest der Welt in eine massive Finanzkrise gestürzt hatten, zu entschlüsseln. Das ist ihm gelungen, obwohl alles sehr komplex ist und trotz der einfachen und erklärenden Sprache dadurch nicht einfacher wird.

Methodisch brilliert Varoufakis durch den Umstand, dass er zwei mit einander verbundene systemische Krisenfaktoren analysiert, sie historisch einordnet und daraus abgeleitet die richtigen Fragen stellt.

Beim ersten Faktor handelt es sich um den Globalen Mechanismus zum Überschussrecycling (GMÜR). Dabei handelt es sich um den globalen Plan der USA nach den vorangegangenen Weltfinanzkrisen. Mit der Etablierung Deutschlands und Japans wurden wareproduzierende Länder geschaffen und protegiert, die global die Konsumgüternachfrage befriedigen konnten, ihre Kapitalüberschüsse aber dennoch in der Wall Street anlegten, was die USA, den globalen Minotaurus, trotz Handelsbilanzdefizits dazu befähigte, Dollars nach Belieben zu drucken.

Und der zweite Faktor ist einer der Kernsätze der Kapitalanalyse von Karl Marx, der bis heute wirkt und den immer höheren Kapitalaufwand immer weniger entschädigt. Es handelt sich um den tendenziellen Fall der Profitrate. Der durch die Konkurrenz und den technischen Fortschritt begünstigte permanente Rationalisierungsprozess dezimiert die am Wertschöpfungsprozess beteiligten Menschen und reduziert somit die Quellen des Gewinns.

Obwohl alle bisherigen Weltfinanzkrisen die gleichen Ursachen hatten und obwohl sie immer damit endeten, dass die Regierungen der ramponierten Länder versuchten, die Banken und ihre außer Rand und Band geratenen Zocker an die Leine zu nehmen, muss das Jahr 2008 als Scheitelpunkt betrachtet werden. Die Systemkrise hat eine derartige Qualität angenommen, dass ein systemimmanentes Krisenmanagement keine Luft mehr verschaffen kann. Ganz im Gegenteil: Von Washington bis Berlin wurden Hilfspakete für die Banken geschnürt, statt sie zur Räson zu rufen. Die Quintessenz aus Varoufakis´ Szenario ist das Ende des kapitalistischen Finanzmarktes in seiner jetzigen Form und damit das Ende der kriegerischen Pax americana. Ob damit ein chinesisches Zeitalter anbrechen wird, ist nach Varoufakis noch ungewiss.

Der globale Minotaurus ist eine exzellente Analyse der Weltwirtschaft, die trotz ihrer Verständlichkeit nicht darauf verzichtet, komplexe Details zu beleuchten. Und das Buch zeigt durch seine Qualität auch, wie wenig in der propagandistisch verpesteten Berichterstattung noch darauf verzichtet wird, dem seriösen Bild der handelnden Akteure gerecht zu werden. Noch ein Grund, sich der Lektüre zu widmen.

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