Ein Berliner Weihnachtsmarkt und Picassos Guernica

Auch wenn sich die Formulierung im Deutschen schon so anhört wie ein preußischer Objektivismus, sei sie hier erlaubt: Aus gegebenem Anlass. Aus gegebenem Anlass will ich auf die gestrigen Ereignisse auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in West-Berlin eingehen. Oder genauer, ich möchte mich auslassen über die Ereignisse entlang der eigentlichen Ereignisse. Nach einer Meldung, die ich auf dem Smartphone las, als ich noch unterwegs war, schaltete ich kurz nach 22.00 Uhr zuhause das TV ein, genauer gesagt, es lief das heute journal auf dem ZDF. Nach einer kurzen Schilderung der unbezweifelbaren Ereignisse bat die Moderatorin Slomka das Publikum, bitte keine privaten Videoaufnahmen der Geschehnisse ins Netz zu stellen und sich zudem nicht an der Gerüchtebildung zu beteiligen. Das ZDF selbst, so weiter, hätte sich entschieden, auch keine Bilder von dem Szenario zu senden, vor allem aus Respekt vor den Opfern. Das schien mir alles sehr vernünftig zu sein, auch wenn der Respekt vor den Opfern in Aleppo nicht so groß gewesen sein muss, denn in den vergangenen Wochen wurden gerade die Bilder von Opfern dem Publikum immer wieder kredenzt, ganz so wie die abschmeckenden Bilder auf den Zigarettenschachteln. Dennoch, so weit, so gut.

Umso erstaunlicher war, dass nach dieser Ansage eine Orgie der Spekulation begann. Und obwohl der Pressesprecher der Berliner Polizei weder zur Person des Fahrers/Täters noch zu den Ursachen der Katastrophe eine Aussage machen wollte, wurden alle möglichen Experten befragt, wie denn die ganze Angelegenheit zu interpretieren sei. Neuigkeiten kamen dabei nicht zutage, spekulative Szenarien eine ganze Menge. Als ich auf Facebook schrieb, dass mich genau das öffentliche Spekulieren begänne mächtig zu ärgern, fragte prompt ein Leser, ob ich allen Ernstes der Meinung sei, dass es sich nur um einen Unfall handele. Ich antwortete ihm, meine Meinung sei völlig unerheblich. Entscheidend seien die autorisierten Fakten der Ermittlungsbehörden.

Und genau an diesem Punkt wird es gefährlich. Wenn die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diese Spielregeln nicht mehr einhalten, dann wird von einem staatlich garantierten Monopol ein frontaler Angriff gegen die Autonomie der ermittelnden Staatsorgane geritten. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang, der nicht das erste, sondern das x-te Mal zu beobachten war. Der von öffentlichen Sendern betriebene Voyeurismus ist das Resultat einer langen Entwicklung, die mit der Etablierung der privaten Fernsehstationen begann, die ihnen aber nicht zur Last gelegt werden kann. Denn Auftrag wie Monopol sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Institutionen verpflichten, im Sinne der vierten Gewalt einen qualitativ anspruchsvollen und ernst zu nehmenden Journalismus zu liefern.

Was die Nachrichtenselektion anbetrifft, so sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten regierungstreu. Das werden auch noch die bemerken, die das momentan goutieren, aber nicht mehr in der nächsten Regierung sitzen werden. Der Voyeurismus hingegen ist nur ein weiteres Indiz dafür, was alles schief gelaufen ist. Man stelle sich vor, an einem Abend wie dem gestrigen sagte die Moderatorin, es lägen aktuell keine neuen Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden vor und man melde sich zurück, sobald das der Fall wäre, spätestens aber in einer Stunde. Dann erschiene ein Bild, zum Beispiel Guernica von Pablo Picasso und dazu liefe eine Klaviersonate von Chopin in Moll, oder von mir auch Beethovens Neunte, um uns daran zu erinnern, dass unsere Welt immer unvollendet bleiben wird. Vielleicht würden einige dann richtig nachdenken, statt zu schwatzen und alle lernten zu warten, während die, die dazu bestimmt sind, ihre Arbeit machten. Was für eine Illusion!

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