Lügen im Netz

Ein frühes Mysterium der Neuzeit war das Erscheinen des Kaspar Hauser im Jahr 1829 in Nürnberg. Der damals 17jährige junge Mann gab viele Rätsel auf. Die meisten sind bis heute gelöst, zumindest diejenigen, die die weit verbreiteten Legenden anbetrifft. Seit seinem Auftauchen und mehr noch, seit seinem frühen Tod 1833 regte er immer wieder die Phantasie an und schuf dadurch so manchen Mythos. Unter anderem wurden ihm bei seinem Auftauchen zwar wenig ausgebildete Sprachkenntnisse attestiert, dafür aber eine außergewöhnliche Intelligenz. Diese, so die bereits einsetzende Kolportage, habe zu vielen Untersuchungen und Examinierungen durch renommierte Ärzte und Wissenschaftler jener Zeit geführt.

Eine dieser Untersuchungen, die ein solches Gremium durchführte, sollte das logische Vermögen des Jungen auf die Probe stellen. Und die Aufgabe, die die Kommission ihm stellte, hatte es in sich. Sie lautete: Du stehst an einer Weggabelung. Die beiden Wege, die sich an dieser Gabelung treffen, kommen aus zwei verschiedenen Dörfern. In einem dieser beiden Dörfer sind die Bürger verpflichtet, immer die Wahrheit zu sprechen und in dem anderen, sie nie zu sagen, sprich immer zu lügen. Du weißt aber nicht, welcher Weg zu welchem Dorf führt. Nun kommt ein Mann aus einem der beiden Dörfer an deine Gabelung. Du hast nur eine Frage, um herauszubekommen, aus welchem der beidem Dörfer, dem der Wahrheit oder dem der Lüge, der Mann kommt. Was fragst du ihn?

Bis heute ist das sicherlich keine einfache Frage, und, das sei zugestanden, eine, die aktueller ist als je. Es ist damit zu rechnen, dass die sich aus weisen und wissenschaftlich denkenden Menschen zusammengesetzte Kommission mit einer die formale Logik würdigenden Antwort rechneten, oder dass sie zumindest darauf hofften. Es ist damit zu rechnen, dass dabei Gedankenspiele eine Rolle spielten, die sich mit einer einfachen Negation oder sogar der Negation der Negation beschäftigten. Doch der Mythos um Kaspar Hauser wäre kein Mythos, wenn nicht auch bei dieser legendären Spekulation etwas heraus gekommen wäre, das verblüfft. Denn Kaspar Hauser schoss die Antwort frontal in die denklastige Formation: Ich würde ihn fragen, ehrwürdige Herren, bist du ein Laubfrosch?!

Die Schlagfertigkeit, die von einer hohen sozialen Intelligenz und einem tiefen Bezug zum Leben spricht, ist genau das, was in hohem Maße verloren geht, wenn das Leben immer weniger von unmittelbaren Erfahrungen gespeist wird. Insofern kann die Kaspar Hauser zugeschriebene Antwort auch in das Reich der Legende verwiesen werden, denn nachweislich hat sich dessen Leben im ersten Jahrzehnt in einem Keller abgespielt, aus dem er nicht herauskam. Wichtig ist die Beobachtung, dass ein Großmaß an unmittelbarer Erfahrung davor bewahren kann, nicht jeder Lüge auf den Leim zu gehen. Oder anders herum betrachtet, wer in der rein virtuellen Welt sozialisiert wird, hat die bodenständigen Bezüge zum Leben nicht errichtet und mag insofern zugänglicher sein für die Adaption von Informationen, die aus dem Rech der Spekulation oder Manipulation stammen.

Auch hier, bei dem momentan heiß diskutierten Umstand der Desinformation im Netz, der sich auch die nun sehr echauffierten großen Medien in hohem Maße schuldig machen, ist die soziologische, psychologische wie pädagogische Deutung wie Gegenstrategie der einzig gangbare Weg. Nun nach Verboten und Polizei zu rufen, ist Populismus pur. Grüße nach Berlin!

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