Stefan Aust. Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden

Es ist kein Zufall. Hysterie ist nie ein guter Ratgeber in Krisensituationen, die alles Störende ausblendende Unbesorgtheit aber ebenso wenig. Und so trifft es sich, dass angesichts der politischen Zuspitzung der Verwerfungen in den sich demokratisch nennenden Staaten zunehmend mehr Menschen in der Vergangenheit nach Vorlagen suchen, die helfen könnten bei der Interpretation der festzustellenden Radikalisierung. Zunehmend werden wieder Romane gelesen, die in der Weimarer Republik oder dem späteren, nach der Machtergreifung der Nazis notwendigen Exil entstanden und die das thematisieren, was als der Niedergang des bürgerlichen Staates bezeichnet werden muss. Dazu gehören Phänomene von politischem Fehlverhalten der Eliten genauso wie Methode und Vorgehen derer, die die Diktatur auf der Agenda hatten.

Der bekannte Autor, Geschäftsführer und Herausgeber Stefan Aust hat in der Schatztruhe der vergessenen Koryphäen gegraben und tatsächlich einen Journalisten, Historiker und Biographen gefunden, der in der Bundesrepublik in Vergessenheit geraten ist, dessen Werke, deren Entstehung und deren Aufnahme uns heute noch sehr viel Nützliches vermitteln können. Unter dem Titel „Hitlers Erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden“ rettet er einen brillanten Journalisten, Chronisten und Historiker seiner Zeit vor dem Vergessen. Und er liefert Erkenntnisse, die wir uns sehr genau im Angesicht der mentalen Krise der bürgerlichen Demokratie anschauen sollten.

Konrad Heiden war seinerzeit Redakteur der Frankfurter Zeitung, lebte in München und erlebte dabei den Aufstieg Adolf Hitlers von einer schrillen Figur mit Lokalkolorit zu einem machthungrigen Politiker, der als Diktator in die Annalen der Weltgeschichte eingehen sollte. Die große Gabe und das große Verdienst Konrad Heidens waren seine genaue Beobachtung und die detaillierte Beschreibung der, so würde man heute sagen, Performance Adolf Hitler. Anhand der Mimik und Gestik erstellte Heiden nicht nur ein aufschlussreiches Psychogramm des pathologisch Machtorientierten, sondern er las auch dessen Schrift „Mein Kampf“ und war einer der Wenigen, die die dort formulierten Ankündigungen ernst nahmen. Das verlieh ihm im Nachhinein eine zutreffende Prognostik, was nicht sein Verdienst beschreibt, sondern das Versäumnis der gesamten kritischen Öffentlichkeit seiner Zeit.

Beginnend mit einer Biographie schrieb Heiden mehrere Bücher über Hitler, die aus dessen Sicht alles andere als schmeichelhaft waren und ihn somit auf die Liste der zu Verfolgenden brachte. Heiden floh über die Schweiz und Paris in die Vereinigten Staaten, wo er mit seinen Kenntnissen über das Phänomen Hitler die amerikanische Öffentlichkeit zutreffend wie erfolgreich ins Bild setzen konnte. Konrad Heiden gehörte zu denen, die trotz der Versuche von Politikern, in seinem Falle Carlo Schmids, nicht zurück nach Deutschland kehrten. Heiden starb 1966 an der amerikanischen Ostküste an den Folgen einer Parkinsonerkrankung.

„Hitlers Erster Feind“ ist ein wichtiger Beitrag bei der Suche nach Deutungsmustern in Bezug auf anti-demokratische Phänomene. Und jeder Versuch, die geistige Verfassung des Deutschlands zu entschlüsseln, das mit den Nazis unterging, ist eine wichtige Aufgabe, die zwar immer wieder in Festreden gewürdigt, aber kaum noch unternommen wird. Geschichtsvergessenheit ist bis jetzt von jeder Gesellschaft, die ihr verfallen war, teuer bezahlt worden. Stefan Aust, mit dessen Perspektiven man nicht immer kongruent sein muss, hat mit Konrad Heiden jemanden zurück nach Hause geholt, dessen Stimme bis heute wichtig, sogar sehr wichtig ist. Hätten mehr Menschen auf Heiden gehört … aber das ist der bekannte, verhängnisvolle Konjunktiv.

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