Living in the Past

Das mit der Modernität ist so eine Sache. Unzählige Definitionen konkurrieren miteinander und es könnte gegensätzlicher nicht zugehen. Fest steht, dass mit der Moderne die Bewertung derselben einherging. Diejenigen, die von der rasanten Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der Allzugänglichkeit von Wissen und der Gewerbefreiheit profitierten, interpretierten die Moderne als das Endziel der Gattung, und diejenigen, die Privilegien verloren oder der messerscharfen Konkurrenz nicht standhalten konnten, verfluchten sie von Anfang an. Seit langem, spätestens seit dem, was Adorno und Horkheimer in ihrer Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ benannt hatten, gilt die Moderne als eine bereits historische Epoche, die potenziell Grausames wie Befreiendes hervorbringen konnte und die vorbei ist. Was wir heute durchleben, ist zwar noch umstritten, aber die Moderne mit ihrer großen Erlösungsbotschaft ist es nicht mehr, aber modern, so das gemeinsame Urteil aller, modern sind die Zeiten immer noch.

Ja, es ist widersprüchlich, und ja, an dem Begriff der Modernität scheiden sich immer noch die Geister. Für die einen ist es eher eine Denkweise, die sich in den radikalen, aber toleranten Kategorien der Aufklärung bewegt. Für die andern ist es die sich ständig revolutionierende Technik, die mit ihren Halbwertzeiten atemberaubende Erneuerungen mit sich bringt. Fest steht, dass zu viel polarisiert wird, und das Maß zwischen technischer Machbarkeit und Vernunft eine zu geringe Rolle spielt. Der Mensch in der Moderne an sich ist ein überfordertes Rudiment aus dem Dreißigjährigen Krieg, das sich anmaßt, mit elaborierter Technik Prozesse steuern zu können, deren Ende offen ist. Die Offenheit wiederum hält es nicht aus, deshalb wird aus der Steuerung noch ein besonderes Desaster.

Aber die Aporien der Moderne sind bekannt, und es wird noch vieler Erfahrungen und glücklicher Umstände bedürfen, um sie und ihre Folgeperioden vernünftig beurteilen zu können. Was jedoch heute bereits gelingt, sind bestimmte diagnostische Versuche auf bestimmte konkrete Erscheinungen. So schnell, wie die Technik entwickelt wird und diese auf die konkreten Lebens- und Arbeitsumstände wirkt, genauso schnell werden Theorien geboren, die die Menschen auf die konkreten Existenzbedingungen einschwören sollen. Vor allem die Managementtheorien sind ein unerschöpflicher Fundus für Erkenntnisse über das Verhältnis von Produktionsbedingungen zu den in ihnen zu beobachtenden menschlichen Unzulänglichkeiten.

Als versucht wurde, durch Regulierung und Bürokratisierung der Dynamik Herr zu werden, kam der Zeigefinger mit der Propagierung des Lean Management, als zu sehen war, dass die wachsende Komplexität der Prozesse dazu führte, die partikularen Interessen in den Vordergrund zu schieben und eine Eigendynamik zu entwickeln, wurde mit dem Management By Objectives daran gemahnt, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Ein ganzer Wald von Theorien durchzieht die jüngere Geschichte, und alle beschreiben eher die Defizite, an denen die Entwicklung leidet, als dass sie analytisch eine Lösung böten. Sie wirken eher wie Appelle an die Vernunft, als Konzepte für ein anderes Vorgehen.

Der Appell, der momentan als jüngste Theorie durch die Werkshallen, Büros und Labors hallt, ist der der Agilität. Und wenn ein Theorem diagnostischen Charakter hat, dann ist es dieses. Es appelliert an die Beteiligten, durch Aktivität und Impulsivität die Arbeit zu bereichern und die Prozesse voran zu treiben. Wenn so etwas gefordert wird, dann scheint es nicht mehr präsent zu sein. Das ist der eigentliche Befund. Produktive Prozesse erfordern prinzipiell agile Subjekte, sonst sind sie nicht produktiv. Aber die zur Theorie erhobene Tautologie macht deutlich, dass die Konstellationen eher so sind, dass die Subjekte zu sehr dominiert werden von Faktoren, die menschliche Kreativität unmöglich machen. Und das wäre alarmierend.

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