Ist die Welt noch erklärbar?

Internationalisierung, Globalisierung. Digitalisierung und Beschleunigung, Digitalisierung, und Beschleunigung der Kommunikation. Technisierung aller Lebensbereiche. Wachsende Interdependenzen. Wachsende Ambiguität, wachsende Komplexität, wachsender Rationalisierungsdruck. Deregulierung, wachsender Druck auf die Institutionen der Politik.

Die allgemeine Tendenz der Bewegung ist nichts für Ruhe suchende, nach Kontemplation strebende Menschen. Sie und ihr Weltbild scheinen auf dem absteigenden Ast zu sein. Es ist die Zeit der Macher, der coolen Typen, die die Schalter bedienen und sich mit Koks das Hirn wegblasen. Wer da nicht mehr mitkommt, dem haftet auch noch das Stigma des Langsamen an. Und es stellt sich die Frage, die sich immer schon gestellt hat: Wer hat hier eigentlich den Verstand verloren? Ja, früher, früher war das immer klar. Da waren es die Dropouts, die schnell identifiziert werden konnten, die als nichtmehr ganz koscher galten. Heute, heute scheint das anders zu sein.

Diejenigen, die sich selbst immer als die Basis gesehen haben, als Basis der Gesellschaft, als Basis des Zeitgeists, als Basis überhaupt. Diejenigen, die als Otto Normalverbraucher galten, die sind heute das, was früher die Dropouts waren. Sie sind die Sonderlinge, auch wenn sie sich vermeintlich in der Mehrheit fühlen, sie sind die Sonderlinge, die mit voller Wucht aus der Zeit fallen. Im Gegensatz zum beschleunigten Mainstream brauchen sie noch Zeit zum Denken, und im Gegensatz zum trendigen Rest surfen sie nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten rum. Sie gehen immer wieder ins richtige Dasein und verbringen dort, so flüstert man sich zu, manchmal sogar mehrere Stunden am Stück! Außerhalb des Internets! In der langweiligen Scheiße des Seins! Ist es da ein Wunder, wenn die koksinspirierten Hirne der Prozessbeschleuniger ausrasten? Was ist das für ein Affront gegen den Trend. Zeit ist Geld, Zeit ist Rausch!

Es ist schon sehr verwunderlich, dass so etwas wie alte Wahrheiten herhalten müssen, um die Zurückgebliebenen vor der urteilenden Vernichtung der beschleunigten Geister schützen zu müssen. Sind die alten Bedürfnisse tatsächlich passé? Strebt der Mensch noch etwas an, was außerhalb der lockenden Möglichkeitsform liegt? Ist die Welt, in der wir leben, wirklich um so viel komplizierter geworden als die, die hinter uns liegt?

Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Jede Zeit, das lässt sich belegen, nimmt sich sehr wichtig und nur selten gehen die Zeitgenossen mit ihrer eigenen Zeit gelassen um. Immer wurde gedacht, man stünde kurz vor der neuen Zeit, zumindest seit der Moderne. Was beruhigt, ist, dass es so etwas wie einen Weltfrieden gibt, der sich in den Routinen des Alltages manifestiert. Unabhängig vom Datum, unabhängig vom Zivilisationsgrad und unabhängig von Ethnie oder Religion. Korn wird weltweit geerntet und Brote weltweit gebacken, Beschleunigung hin, Kommunikation her, die basalen zivilen Prozesse und die hinter ihnen stehenden Besitzverhältnisse haben einer größere Wirkkraft auf das gesellschaftliche Dasein als die Tools der Beschleunigung.

Wer weiß, wie Werte geschaffen werden, wer weiß, wer es letztendlich vollbringt und wer weiß, wie diese Werte tatsächlich verteilt werden, der hält es auch aus, nicht gleich auf allen anderen Blödsinn eine Antwort zu bekommen, der hält es auch aus, dass manches komplizierter  ist al es scheint und der lässt sich auch nicht hetzen von denjenigen, die die Werte gar nicht schaffen. Manche Zusammenhänge entschleunigen ungemein und manche Kausalitäten erklären alles.

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