Digitalisierung und Professionalität

Keine Zeit zu haben, heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden. Dieser Satz, der als Weisheit den Chinesen zugeschrieben wird, scheint vielen, die übervolle Terminkalender haben, manchmal wie ein Hohn in den Ohren. Denn vieles, womit wir uns beschäftigen müssen, entspricht den Funktionen, die wir wahrnehmen. Und letzteres ist kein Schicksal, das uns gegen unseren Willen ereilt. Auf der anderen Seite haben wir das Recht und die Pflicht, uns das, wofür wir uns engagieren oder engagieren lassen, sehr genau anzusehen. Denn vieles, was traditionell mit diesen Funktionen verbunden wird, bedarf einer radikalen Revision, wenn nicht gar einer Neuerfindung. Die digital-zivilisatorische Crux, der wir unterliegen, hat viele Funktionen und Berufsbilder ihrerseits radikal verändert und ihnen nicht selten die Wurzeln geraubt.

Vieles, was durch den Einsatz der Informationstechnologien möglich geworden ist, hat dazu beigetragen, dass immenses Fachwissen vor Ort existiert. Die Eruierung dieses Wissens und die damit verbundene notwendige Protokollierung, die ihrerseits aus einer Verrechtlichung vieler Prozesse resultiert, hat dazu geführt, dass sich viele Funktionen von ihrem eigentlichen Fokus abwenden. Es geht um die Dokumentation all dessen, was getan wird und nicht um die Untersuchung und Betreuung derer, um die es geht. Ein Besuch beim Arzt ist das beste Beispiel. Welcher Mediziner hat noch die Muße, sich einem Patienten zu widmen, ihn anzusehen, ihm in die Augen zu blicken und herauszufinden, worüber er sich eigentlich beklagt. Sie schauen auf den Bildschirm und bedienen die Routine. Und so ergeht es vielen Berufen, und besonders schlimm denen, die eigentlich von der Interaktion leben.

Auch das, was generell mit Management bezeichnet wird, unterliegt derartigen Prozessen. Die IT-Routinen sind besonders für jene, deren einziges Mittel die Kommunikation ist, zu einem regelrechten Fluch geworden. Das sich wie eine Seuche vermehrende Schriftgut, das weder gut noch Schrift ist, sondern ein Konvolut aus bürokratischem Analphabetismus und Alliteratentums, vermehrt sich wie die schwarze Pest im Mittelalter und überflutet die Accounts, Postfächer und Plattformen, auf denen die Informationen liegen müssten, um die es geht. Das Absurde dabei ist, dass die entscheidenden Informationen bzw. die Informationen, die notwendig sind, um gute Entscheidungen zu treffen, bei diesen Datenmassen gar nicht liegen. Sie zu finden, ist die eigentliche Qualität, die ein vernünftiges Management erfordert. Und die These sei hinzugefügt, auch die anderen Berufs- und Funktionsgruppen finden in den dokumentierten, leblosen Routinen nicht das, was sie brauchen, um gute Arbeit zu leisten.

Der Wahn, alles zu dokumentieren, um nach innen zu reglementieren und gegen Rechtsansprüche von außen gewappnet zu sein, hat zu einer gleichzeitigen De-Qualifizierung der eigentlichen Professionalität geführt. Eskortiert wird dieser Prozess von dem, was eingangs beschrieben wurde, vom konsequenten und unersättlichen Raub der Zeit. Und wenn es eine Wahrheit gibt, die in dem chinesischen Sprichwort liegt, dann ist es die, dass anderes, für wen auch immer Relevantes das ist, was es den meisten Menschen verwehrt, das zu machen, was ihre eigentliche Professionalität oder Berufung ist. Daher ist die einzig logische Konsequenz die, sich seinerseits im Rahmen der existenziellen Möglichkeiten für das zu entscheiden, was tatsächlich wichtig ist. Auch wenn die allgemeine digitale Reglementierung sehr harte Rahmen setzt, es ist mehr, als viele denken. Die Grenzen finden aber nur die, die es versuchen. Die Freiheit der Entscheidung ist eine praktische Übung, sie läßt sich nicht theoretisch erörtern.

Regie weltweit

Der Einfluss der USA und der NATO auf das Verhältnis der EU mit China
von Manlio Dinucci
Als Teilnehmer an einem internationalen Forum fasst der italienische Geograph Manlio Dinucci seine Analyse über die Waffen zusammen, die die Vereinigten Staaten aufgebaut haben, um die ganze Welt zu beherrschen. Dieser Artikel ist wichtig, weil es genau diese eindeutige gewollte Vorherrschaft, diese unipolare Organisation der Welt ist, die Syrien, Russland und China heute mit Waffen in der Hand in Frage stellt.

VOLTAIRE NETZWERK | ROM (ITALIEN) | 29. OKTOBER 2016

Ich gehe direkt zum Kern der Sache. Ich denke, dass man nicht von den Beziehungen zwischen der EU und China sprechen kann, ohne den direkten und über die NATO ausgeübten Einfluss der Vereinigten Staaten auf die Europäische Union miteinzubeziehen.

Heute gehören 22 der 28 Länder der EU (21 von 27 nach dem Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU), mit mehr als 90 % der Bevölkerung der Union, der NATO an, die durch die EU als „Fundament der kollektiven Verteidigung“ anerkannt wird. Und die NATO steht unter US-Kommando: Der alliierte Oberbefehlshaber in Europa wird immer durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ernannt und alle anderen wichtigen Befehle sind auch in den Händen der USA. Die Außen- und Militärpolitik der Europäischen Union ist also grundsätzlich der US-Strategie untergeordnet, auf die die europäischen Großmächte konvergieren.

Diese in offiziellen Dokumenten klargelegte Strategie, wird im historischen Moment geschrieben, als sich die Weltlage nach dem Zerfall der UdSSR ändert. Im Jahr 1991 erklärt das Weiße Haus in National Security Strategy of the United States: „Die Vereinigten Staaten bleiben der einzige wirkliche globale Staat mit einer Kraft, einem Umfang und einem Einfluss in allen Dimensionen – auf politischer, wirtschaftlicher und militärischer Ebene -.“ Es gibt keinen Ersatz für die amerikanische Führung.“ Im Jahr 1992 unterstreicht das Pentagon in der Defense Planning Guidance: „Unser erstes Ziel soll verhindern, dass irgendeine Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen ausreichen könnten, um eine Weltmacht zu werden.“ Diese Regionen sind Westeuropa, Ostasien, das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und das südwestliche Asien.“ Im Jahr 2001, in dem Quadrennial Defense Review-Bericht, der eine Woche vor dem USA/NATO Krieg in Afghanistan – von erster geostrategischer Bedeutung in Bezug auf Russland und China – veröffentlicht wurde, kündigt das Pentagon an: „Es besteht die Möglichkeit, dass in der Region eine militärische Konkurrenz mit gewaltigen Ressourcen entsteht. Unsere Streitkräfte müssen die Fähigkeit behalten, jedem möglichen Gegner, auch Staaten und nichtstaatlichen Einheiten, den Willen der Vereinigten Staaten aufzuzwingen, das Regime eines gegnerischen Staates zu ändern oder fremdes Territorium zu besetzen, bis die amerikanischen strategischen Ziele erfüllt sind.“

Auf Grundlage dieser Strategie hat die NATO unter US-Kommando ihre Offensive an der Ostfront gestartet: nachdem sie durch den Krieg die Föderation Jugoslawien zerstört hatte, bemächtigte sie sich von 1999 bis heute aller Staaten des Warschauer Paktes, dreier des ehemaligen Jugoslawiens, dreier der Ex-UdSSR, und wird in Kürze andere umfassen (von Georgien bis zur Ukraine, wobei letztere de facto bereits in der NATO ist), indem sie Stützpunkte und Streitkräfte, selbst atomare, immer näher zu Russland in Stellung bringt. Zur gleichen Zeit, an der Süd Front, eng verbunden mit der östlichen Front, hat die NATO unter US-Befehl den libyschen Staat durch Krieg zerstört und versucht, das gleiche mit Syrien zu tun.

Die USA und die NATO haben die ukrainische Krise entfesselt und, unter der Beschuldigung von Russland „die europäische Sicherheit zu destabilisieren“, haben sie Europa in einen neuen Kalten Krieg verwickelt, einen vor allem von Washington gewünschten (auf Kosten der europäischen Volkswirtschaften, denen die Sanktionen und Gegen-Sanktionen geschädigt haben), um die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der EU und Russland zu zerschlagen, die für die amerikanischen Interessen schädlich sind. Es ist die gleiche Strategie, die bei der wachsenden Verlegung von US-militärischen Kräften in die Asien-Pazifik Region, in einer anti-chinesischen Funktion, auftritt. Die US-Navy hat angekündigt, dass sie in 2020 ihren Schwerpunkt in diesen Bereich mit 60 % ihrer See- und Luftstreitkräfte verlegen werde.

Die US-Strategie konzentriert sich auf das Südchinesische Meer, für das Admiral Harris, Chef des US Pacific Command, die Bedeutung hervorhebt: „es ist da, wo der Seehandel mit einem jährlichen Wert über 5000 Milliarden US-Dollar fährt, mit 25 % des Welt-Exports von Öl und 50 % von Erdgas.“ Die USA wollen diesen Seeweg kontrollieren, im Namen jener Freiheit, die Admiral Harris für die „grundlegende Schifffahrts-Freiheit für unser Lebens-System hier in den Vereinigten Staaten“ hält, indem sie China beschuldigen, „aggressive Aktionen im Südchinesischen Meer zu betreiben, ähnlich denen von Russland auf der Krim.“ Deshalb „patrouilliert“ die US-Navy im Südchinesischen Meer. Im Kielwasser der Vereinigten Staaten kommen die europäischen Großmächte: im Juli letzten Jahres hat Frankreich die Europäische Union gebeten, „die chinesische Südsee Marine-Patrouille zu koordinieren, um eine regelmäßige und sichtbare Präsenz in diesen von China illegal beanspruchten Gewässern“ zu sichern. Und während die Vereinigten Staaten in Südkorea „Raketenabwehr-Systeme“ aber auch nukleare Raketen installieren, ähnlich wie die in Rumänien und Polen gegen Russland installierten, zusätzlich zu denen, die auf Kriegsschiffen im Mittelmeer kreuzen, empfängt der Generalsekretär der NATO Jens Stoltenberg am 6. Oktober in Brüssel den südkoreanischen Minister für auswärtige Angelegenheiten Yun Byung-se, zur „Stärkung der Partnerschaft der NATO mit Seoul“.

Diese Tatsachen und andere zeigen, dass die gleiche Strategie in Europa und in Asien an der Arbeit ist. Dies ist der extreme Versuch der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Mächte, um die wirtschaftliche, politische und militärische Vormachtstellung in einer Welt im starken Wandel beizubehalten, in der neue staatliche und gesellschaftliche Einheiten aufkommen. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), aus dem chinesisch-russischen strategischen Abkommen entstanden, verfügt über Ressourcen und Arbeitsfähigkeit die ermöglichen, den größten integrierten Wirtschaftsraum der Welt zu schaffen. Die SCO und die BRICS-Staaten sind mit ihren Finanzinstitutionen in der Lage, die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds weitgehend zu verdrängen, die den USA und den großen westlichen Mächte seit mehr als 70 Jahren ermöglichten, durch wuchernde Kredite an verschuldete Länder und andere Finanzinstrumente, die Weltwirtschaft zu beherrschen. Die neuen Organisationen können zur gleichen Zeit die Entdollarisierung des Handels erreichen, indem sie den Vereinigten Staaten die Möglichkeit entziehen, ihre Schulden weiterhin durch Drucken von Dollar-Papiergeld, das als internationale Währung fungiert, auf andere Länder abzuwälzen.

Um ihre immer mehr wankende Vormachtstellung zu erhalten, verwenden die Vereinigten Staaten nicht nur Waffengewalt, sondern oft wirksamere als die wirklichen Waffen.

– Die erste Waffe: die so genannten „Free Trade Agreements“, wie die „transatlantische Handels- und Partnerschaft“ (TTIP) mit der EU und die „Trans-Pazifische Partnerschaft“ (TPP), deren Zweck nicht nur wirtschaftlich, sondern geopolitisch und geostrategisch ist. Deshalb bezeichnet Hillary Clinton die USA — EU Partnerschaft als „das große strategische Ziel unserer transatlantischen Allianz“, mit dem Ziel einer „NATO-Wirtschaft“, die die politische und militärische Allianz integriert. Das Projekt ist klar: einen politischen, wirtschaftlichen und militärischen USA — EU Block bilden, immer unter amerikanischem Kommando, der sich dem aufkommenden eurasischen Raum, basierend auf der Zusammenarbeit zwischen China und Russland widersetzt; der sich den BRIC-Staaten widersetzt, dem Iran und anderen Ländern, die sich der Vorherrschaft des Westens entziehen. Da die Verhandlungen über die TTIP wegen der unterschiedlichen Interessen und einer weit verbreiteten Opposition in Europa schwer weiterkommen, wird das Hindernis mit dem „umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommen “ (CETA) zwischen Kanada und der EU umgangen: eine getarnte TTIP, da Kanada mit den Vereinigten Staaten Teil der NAFTA ist. Das CETA wird wahrscheinlich, während des Besuchs vom kanadischen Premierminister Trudeau in Brüssel von der EU am 27. Oktober unterzeichnet werden.

– Die zweite Waffe: das Eindringen in das angezielte Land, um es von innen auseinander zu nehmen. Unter Berufung auf die schwachen Punkte, das jedes Land besitzt: Korruption, Geldgier, politischer Karrierismus, durch lokale Gruppen geschürter Sezessionismus, religiöser Fanatismus, die Anfälligkeit der großen Massen zu politischer Demagogie. Sich auch manchmal auf eine Unzufriedenheit der Massen stützen, die durch die Führung ihrer Regierung gerechtfertigt ist. Instrumente der Penetration: die so genannten „nicht-Regierungsorganisationen“ (NGO) die eigentlich die Hand des Department of State und der CIA sind. Diejenigen, die enorme finanzielle Mittel besitzen, organisierten die „farbigen Revolutionen“ in Osteuropa, und versuchten auch die so genannte „Regenschirm-Revolution“ in Hong Kong: sie versuchten auch ähnliche Bewegungen in anderen Bereichen von China zu schüren, die von nationalen Minderheiten bewohnt sind. Die gleichen Organisationen, die in Lateinamerika operieren, mit dem Ziel, die demokratischen Institutionen von Brasilien auszuheben, um die BRICS-Staaten von innen zu unterwandern. Instrumente der gleichen Strategie: Terroristen, wie die bewaffneten und in Libyen und Syrien infiltrierten Gruppen, um Chaos zu säen, indem sie zum Abriss des gesamten Staates, der gleichzeitig von außen angegriffen wird, beitragen.

– Die dritte Waffe: die „Psyops“ (psychologische Operationen), initiiert durch globale Medien-Ketten, die vom Pentagon definiert werden: „geplante Operationen, um durch spezifische Informationen die Emotionen und Motivationen zu beeinflussen, und damit das Verhalten der Öffentlichkeit, der Organisationen und ausländischen Regierungen, um eine verstärkte Haltung zugunsten der vorangestellten Ziele zu induzieren „. Mit diesen Operationen, die die Öffentlichkeit auf die Eskalation des Krieges vorbereiten, lässt man Russland als das für die Spannungen in Europa verantwortliche Land erscheinen und China als verantwortlich für die Spannungen in Asien, mit dem gleichzeitigen Vorwurf ihrer „Verletzung der Menschenrechte“.

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Manlio Dinucci und seine Frau Carla, vor dem Geburtshaus von Mao Tsé Toung, 1965.
Eine letzte Überlegung: da ich mit meiner Frau in den 60er Jahren in Peking gearbeitet habe, und wir beide an der Veröffentlichung des ersten chinesischen Magazins in italienischer Sprache mitgewirkt haben, habe ich eine prägende, grundlegende Erfahrung miterlebt zu einem Zeitpunkt, als China – kaum fünfzehn Jahre vom Kolonialsystem und halb-feudalen Staat befreit, – komplett isoliert war und von dem Westen oder den Vereinten Nationen als souveräner Staat nicht anerkannt war. Von dieser Periode bleiben mir immer noch, wie aufgedruckt, die Widerstandskraft und das Bewusstsein der Menschen, damals 600 Millionen, die unter der Führung der kommunistischen Partei zum Aufbau einer völlig neuen wirtschaftlichen und kulturellen Gesellschaft beitrugen. Ich denke, dass diese Fähigkeit auch für das derzeitige China heute notwendig ist, das sein enorme Potenzial entwickelt, um den neuen Plänen der imperialen Herrschaft zu widerstehen: der Kampf für eine Welt ohne Kriege, in der der Frieden mit sozialer Gerechtigkeit verbunden triumphiert.

Manlio Dinucci
Manlio Dinucci Geograph und Geopolitiker. Letztes veröffentliche Werk : Laboratorio di geografia, Zanichelli 2014 ; Geocommunity Ed. Zanichelli 2013 ; Escalation. Anatomia della guerra infinita, Ed. DeriveApprodi 2005.
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Trump versus Clinton und die amerikanische Zukunft

Auch wenn alle so tun, als wäre es ein abscheuliches Spektakel, ich kann mir nicht helfen, irgendwie scheinen sie sich daran zu laben. Der US-Wahlkampf scheint sehr weit weg zu sein und uns hier, im piekfeinen Deutschland nicht zu berühren. Beides ist falsch, skandalös falsch, aber auch daran haben wir uns gewöhnt. Es geht nicht um richtig und falsch, sondern um Verkaufsaussichten oder nicht. Und einen Eklat verkauft man besser als biedere Fakten. Also das Theater um den Kampf zwischen Donald und Hillary scheint alle sehr zu begeistern. Denn eines ist klar: im nächsten Jahr wird auch hier gewählt und es wird auch hier unterirdisch zugehen, aber die Soap Opera, die in den Staaten mit einem solchen Debakel einhergeht, die werden wir nicht bekommen, vor allem wenn Mutti nochmal ins Feld zieht, dann wird es so bieder, dass klein Michel zwischendurch mal wieder einschläft und am Wahltag völlig durcheinander ist.

In den USA , dem Imperium schlechthin, ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine Menge schief gelaufen. Nach dem großen Durchbruch, dem Ende des Ost-West-Konfliktes, stellte sich sehr schnell heraus, dass der Konflikt eigentlich besser war als eine neue Welt, die eine neue Ordnung forderte. Bereits Bill Clinton inszenierte die Renaissance des Grundkonfliktes mit der Sowjetunion, in dem er mit der NATO-Osterweiterung vor den Toren des neuen Russlands bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrtausends wieder begann. Da war die Welt noch geblendet von den politisch korrekten Hexenjagden im eigenen Land, aber als die Amerikaner die Nase von diesen Bevormundungsorgien voll hatten, wählten sie George Bush, der das politisch Korrekte durch anglikanischen Dogmatismus ersetzte und den aggressiven Imperialismus in neue Höhen trieb.

Eine militärische Intervention folgte der anderen, ein Regime Change nach dem anderen wurde inszeniert. Was als Resultat festgehalten werden kann ist eine immense Verunsicherung in der Welt, eine Eskalation der Verwerfungen und die Aussicht auf weitere, neue militärische Konflikte, zu denen der zwischen Ost und West wieder hinzugekommen ist. Ob die US-Bevölkerung davon eine Ahnung hat, lässt sich schwer abschätzen. Was sie weiß, ist, dass sich die Zeiten ändern werden, und zwar gewaltig. Ja, die Historiker verweisen immer wieder auf das römische Imperium, das mehrere hundert Jahre gebraucht habe, um unterzugehen. Aber es ändert ja nichts an der Betrachtung, dass die USA sich in einer anderen Welt neu orientieren müssen, genauso wie alle anderen auch. Die Aggressivität gegenüber Russland entspringt genau dieser Einsicht und dem Widerwillen dagegen. Russland steht mit seinen Ansprüchen für eine neue, multipolare Weltordnung, die USA dagegen.

Weder Trump noch Clinton stehen für eine neue Vision der USA. Trump, der Selfmademan mit den schlechten Manieren, steht für die Sehnsucht nach den alten Zeiten, in denen hohe Risikobereitschaft und Schnoddrigkeit reichten, um in diesem Land sein Glück zu machen. Clinton hingegen steht für die Wall Street-Maschinerie und die sie orchestrierenden Ostküsteneliten, die es in den letzten Jahrzehnten vermocht haben, dass Land systematisch zu ent-demokratisieren. Was ist das für eine Wahl? Entweder die Vergangenheit, die für manche schön war, oder die Vergangenheit, die für viele schlecht war? Ziemlich bescheiden. Wahrscheinlich ist die Prognose, dass es die Wahl sein wird, nach der vieles so sein wird, wie es noch nie war.

Heroismus und Individualismus

Die pädagogischen Konzepte ganzer Kulturkreise offenbaren die jeweilige Einstellung zum Leben. In den heroischen Zeiten der Nationalstaaten war bzw. gehört die Orientierung des zu erziehenden Nachwuchses auf den Schutz und den Erhalt des Gemeinwesens. Da wird der Staat, um den es geht, als zentraler Wert vermittelt und das Glück des Individuums mit dem Großen und Ganzen als Identität gesehen. Beim Blick aus unserer, d.h. der zentraleuropäischen und dort besonders der deutschen Perspektive gilt diese Auffassung als längst überholt und veraltet, obwohl die zentralen Mächte dieser Welt noch so funktionieren. Nicht nur China und Russland, sondern auch die USA sind so konzipiert. In China ist es der Sozialismus, in Russland das Mütterchen Russland und in den USA die amerikanische Verfassung, auf die sich die Intention der kollektiven Pädagogik ausrichten. Es geht um die Identität von Individuum und Nation.

Wie die Lebenswelten und Realitäten in diesen Ländern aussehen, ist eine andere Sache. Aber die Bemühungen, über die Erziehungsinstitutionen einen Sinn zu vermitteln, der sich aus einem Heroismus speist, ist bemerkenswert. Denn in der Tat hört sich das, was als deutsches Erziehungsideal in diesem Kontext andeutet als etwas ganz andres an. Ob es besser ist, sei dahingestellt. Erstaunlich und bei der Geschichte dieses Landes alles andere als selbstverständlich ist nämlich der Umstand, dass die persönliche, individuelle Befindlichkeit und Entwicklung den höchsten Stellenwert einnimmt. Selbst im benachbarten Frankreich, wo die Revolution für die individuelle Freiheit die gewaltigsten Feste feierte, existieren noch Verweise auf die Grande Nation, der die Jugend des Landes verpflichtet ist. Insofern scheint die Bundesrepublik Deutschland das synthetisch reine Produkt des Post-Heroismus zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht um die großen Tendenzen, nicht um Nuancen. Selbst bei der Beschreibung des Individuums, in den gedachten großen pädagogischen Konzepten, existieren je nach Kulturkreis Unterschiede. Während noch in der Verfassung (!) der USA nicht nur von dem Recht, sondern von der Pflicht des Individuums auf der Jagd nach dem Glück die Rede ist, ist in Deutschland nur von Rechten die Rede. Rechte wiederum werden in Anspruch genommen oder auch nicht. Die Paradoxie, auf man im Falle Deutschlands stößt, ist einerseits die überproportionale Existenz des Individuums gegenüber dem Gemeinwesen und andererseits ein Vakuum, weil die individuelle Sphäre gar nicht in dem außergewöhnlichen Maße in Anspruch genommen wird. Ursache mag ein langer, aus Trägheit akzeptierter Prozess der systematischen Entmündigung sein. Statt des Kraft strotzenden Individuums steht dort eine Bürokratie, die beansprucht, als Agentur des Individuums das Glück für alle an Land zu ziehen.

Der Individualismus hierzulande scheint zu einer bloßen Phrase verkommen, weil die Akteure dazu fehlen. Grundlage eines agierenden Individuums sind Können und Erfolg, denn der Erfolg ist die Mutter der Motivation, die ihrerseits den Prozess der wachsenden Befähigung auslöst. Die Pädagogik dieses Landes ist jedoch weder auf die Tat des Einzelnen noch auf dessen Erfolg ausgerichtet, sondern sie entstammt nahezu komplett aus Ansätzen der therapeutischen Behandlung. Alles, was als pathologisches Resultat der Entmündigung zu erwarten ist, säumt die Alleen der pädagogischen Weisheit. Es sind Forderungen nach Zu- Und Hinwendung, nach Wertschätzung und Achtsamkeit, die allesamt im therapeutischen Rahmen ihren Sinn haben, aber für das Individuum, um nicht zu sagen das historische Subjekt zu wenig, viel zu wenig hermachen, um erfolgreich zu sein.

Die Wirkungsmacht kollektiver urbaner Identität

Die Bevölkerung von Sankt Petersburg und dem zwischenzeitlich identischen Leningrad hat wahrlich einiges erlebt, was weltgeschichtlichen Rang hat. Von der Oktoberrevolution und dem sie besiegelenden Sturm auf das Winterpalais bis hin zu der Belagerung im II. Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht. Bei dem erst erwähnten Ereignis ging es der Zarenfamilie an den Kragen, bei dem zweiten verhungerten mehr als eine Million Bürger der Stadt. Wenn etwas anhand der Geschichte dieser Stadt dokumentiert wird, dann, wie teuer der Preis für die historische Dimension sein kann. Es zeigt aber auch noch etwas anderes: Es gibt Orte, an denen verschiedene Welten aufeinanderprallen, an denen die Widersprüche zum Tanzen gebracht werden und immer wieder etwas Neues entsteht. Einmal zum Entsetzen aller, einmal als Hoffnungssymbol am Horizont einer düsteren Welt.

Sankt Petersburg/ Leningrad gehört dazu, denn hier war nicht nur der Bolschewismus siegreich, sondern auch die Literatur, hier spielt Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Schostakowitschs 7. Sinfonie. „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt…“  Die Uraufführung der Siebenten Sinfonie fiel in die Zeit der Belagerung der Stadt und der schlimmen Hungersnot. Die Uraufführung konnte keine dramatischeren Umstände finden als sie es tat und die sterbende, aber lebenswillige Bevölkerung lauschte den Klängen.

Wenn man so will, so wurde in Sankt Petersburg ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen, als die Matrosen sich mit den revolutionären Fabrikarbeitern vereinigten und Lenin auf dem finnischen Bahnhof aus dem Schweizer Exil zurückkam und die bedingungslose Revolution forderte. Und, gute zwanzig Jahre später, wurde ein anderes Kapitel der modernen Geschichte auch wieder beendet. Die Blockade Leningrads, die vom September 1941 bis zum Januar 1944 andauerte, war die letzte große kannibalische Handlung des deutschen Faschismus. Der Untergang der 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad war die eine, militärische Komponente, die zum Untergang des deutschen Faschismus in der Sowjetunion führte. Das Durchhaltevermögen der Bewohner Leningrads war die andere, moralische Bezwingung des Monsters.

Was passiert mit dem kollektiven Bewusstsein einer Stadt, die auf derartige Ereignisse zurückblicken kann? Haben Revolution, Hunger, Massensterben und Überleben eine Auswirkung auf das Denken und Fühlen in der heutigen Zeit? Wer diese Fragen stellt, wird sie schnell beantwortet sehen, denn die Antwort lautet Ja. Jede Stadt hat ihre Geschichte, und Städte, in denen Geschichte intensiv gelebt wurde, haben eine besondere Mentalität entwickelt, die über große historische Zeiträume wirken. Noch heute vollbringen Römer die Vereinigung von großer Geste und Improvisation, noch heute betrachten die Pariser ihre Stadt asl das eigentliche Zuhause von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch heute wähnen sich die Londoner als die Broker der ganzen Welt, noch heute feiert sich New York als gemeinsame Lebenselite. Die Liste kann unbegrenzt fortgesetzt werden, die Metropolen haben Geschichte und Charakter und beides wird gespeist durch ein kollektives Gedächtnis wie Bewusstsein.

Wer da glaubt, durch zeitgebundene Interpretationen die Kraft dieses kollektiven Bewusstseins durchbrechen zu können, der ist gewaltig auf dem Holzweg. Und wer dieses aus einer Distanz erlebt, die weit entfernt ist von dem, was diese Städte geprägt hat, der wird so manchen Unsinn glauben, aber kaum in der Lage sein, die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität zu begreifen. Letzteres wiederum ist ungemein gefährlich, weil es Naivität gegen Identität mobilisiert.

Gefährliche Bündnispartner, törichter Hochmut und dunkle Geschäfte

Ein soeben von Human Rights Watch veröffentlichter Bericht über die Aktivitäten des türkischen Regimes nach dem Putsch findet deutliche Worte. Das Vorgehen der türkischen Polizei sei schlicht als die Anwendung von Foltermethoden zu bezeichnen. Neben psychologischen werden auch physische Quälereien bis hin zur gezielten Vergewaltigung aufgeführt. Gleichzeitig operiert die Türkei seit Wochen ohne irgend ein sie legitimierendes Mandat militärisch auf syrischem Territorium. Das ist völkerrechtlich gesehen eine Aggression. Nicht ohne Risiko für alle anderen NATO-Partner, denn würden die militärischen Verbände der Türkei in Syrien in Bredouille kommen, träte dann der Bündnisfall ein? Allein das Gedankenkonstrukt zeigt, wie es um die NATO und ihre propagierten Werte bestellt ist. Est kürzlich war Generalsekretär Stoltenberg in Ankara und lobte die Türkei für ihre Rolle im Bündnis. So sieht das also aus, das Ausfüllen von Werten in der Gemeinschaft.

In diesen Tagen wird die Öffentlichkeit mit einer Region konfrontiert, die schon seit langem der Industriegeschichte, aber nicht mehr der Jetztzeit anzugehören schien: Die Wallonie. Dabei handelt es sich um den Französisch sprechenden Teil Belgiens, in dem Kohle und Stahl einmal den Nachthimmel erröten ließen, wo aber Massenarbeitslosigkeit und Perspektivarmut seit Jahrzehnten zum Standard gehören. Wer sich ein Bild von dem Europa machen will, das komplett abgehängt und vergessen wurde, der fahre einmal ins gar nicht so weite Lüttich. Und wer sich dann dort nicht ausweint, der hat kein Herz. Und jene Wallonie ist es, die, so die Berichterstatter in den meisten deutschen Medien, die die Zeichnung des Handelsabkommens CETA zwischen EU und Kanada blockiert oder gar sabotiert. Es ist davon die Rede, dass sich Europa lächerlich mache, und das ist O-Ton von Gabriel bis Schulz, wenn es ein abgehängter Zwerg vermöge, ein solches Abkommen scheitern zu lassen. Diese Attitüde bezeugt bestens, was aus den anti-europäischen Reflexen gelernt wurde. Richtig, nichts, aber auch gar nichts. Mit dieser Haltung ist das Projekt sauber zusende gebracht worden. Bis jetzt, Steigerungen sind nie ausgeschlossen.

Ach ja, und ebenfalls ganz aktuell ist der Rüstungsexportbericht. In dem steht unter anderem, dass Deutschland die Ausfuhr von Kleinwaffenmunition verzehnfacht habe. Das Futter für den Bürgerkrieg, den viele als Hauptverursacher für die Massenflucht wohin auch immer sehen. Das Mantra seit der so genannten Welle, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, um die Massenmigration zu verhindern, war gedacht als geschicktes Ablenkungsmanöver, um die nötige Zeit zu haben, mit Werte-Freunden wie der Türkei bestimmte Deals zu machen, wie die Flucht aus Syrien nach Europa verhindert werden kann. Das ist geschehen, die Fluchtursachen bestehen weiter und der Eindruck drängt sich auf, dass die Produktion von Fluchtursachen zum Wesen der immer wieder hinter Floskeln versteckten Politik gehört.

Was bei den kurzen, nur einem Tag entnommenen Notizen deutlich wird, ist die Diskrepanz zwischen der stets beschönigenden Erzählung und den tatsächlichen Fakten. Wie reich und wie armselig zugleich kann die Erkenntnis eines einzigen Tages, bei einer prima vista-Sichtung der Schlagzeilen nur sein: Einer der wichtigsten Bündnis-Partner ist eine Diktatur, die militärisch aggressiv handelt, in Europa tritt man immer noch auf wie ein Großgrundbesitzer aus der feudalen Ära und den Verbrechern dieser Welt liefert man wie eh und je Waffen nach Belieben. Wer, so stellt sich die Frage, außer den direkten Nutznießern, vermag eine solche Politik noch zu unterstützen?

Auf der Suche nach dem Sündenbock

von Thierry Meyssan
In Berlin haben Deutschland, Frankreich, Russland und die Ukraine versucht, einen Ausweg aus dem ukrainischen und dem syrischen Konflikt zu finden. Allerdings bestehen aus russischer Sicht die Blockierungen nur, weil das Ziel der Vereinigten Staaten nicht die Verteidigung der Demokratie ist, die sie geltend machen, sondern die Verhinderung der Entwicklung Russlands und Chinas durch die Unterbrechung der Seidenstraßen. Moskau ist im Besitz der konventionellen Überlegenheit und hat alles getan, um den Nahen Osten und Osteuropa miteinander zu verbinden. Dadurch ist es ihm gelungen, die Verlängerung der Waffenruhe in Syrien gegen die Aufhebung der Blockade der Minsker Vereinbarungen einzutauschen. Washington hingegen versucht beständig, seine Schuld auf einen seiner Verbündeten zu schieben. Nachdem die CIA bei der Türkei gescheitert ist, versucht sie es nun mit Saudi-Arabien.
Der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Russland und China entwickelt sich an zwei Fronten: Einerseits sucht Washington einen möglichen Sündenbock, dem es die Verantwortung für den Krieg gegen Syrien zuschieben kann, andererseits versucht Moskau, das die syrischen und die jemenitischen Vorgänge bereits miteinander verknüpft hat, sie mit der ukrainischen Problematik zu verbinden.

Washington auf der Suche nach dem Sündenbock

Um sich mit erhobenem Haupt aus der Affäre ziehen zu können, müssen die Vereinigten Staaten die Verantwortung für ihre Verbrechen auf einen ihrer Verbündeten abwälzen. Sie haben drei Möglichkeiten: entweder den Schwarzen Peter der Türkei zuzuschieben, oder Saudi-Arabien, oder allen beiden. Die Türkei ist in Syrien und in der Ukraine präsent, aber nicht im Jemen, während Saudi-Arabien in Syrien und im Jemen beteiligt ist, aber nicht in der Ukraine.

Die Türkei

Heute haben wir bestätigte Informationen darüber, was wirklich am 15. Juli dieses Jahres in der Türkei geschah – Informationen, die uns zwingen, unser anfängliches Urteil zu revidieren.

Erstens hat sich herausgestellt, dass es nicht unproblematisch war, nach dem Attentat auf den saudischen Prinzen Bandar bin Sultan die Führung der dschihadistischen Horden an die Türkei zu übertragen: Während Bandar ein fügsamer Mittelsmann war, verfolgte Erdoğan seine eigene Strategie der Gründung eines 17. türkisch-mongolischen Reiches, was ihn dazu brachte, die Dschihadisten außerhalb ihrer Aufgabe zu gebrauchen.

Darüber hinaus konnten die Vereinigten Staaten nicht umhin, Präsident Erdoğan zu sanktionieren, der sein Land wirtschaftlich Russland annäherte, während er militärisch Mitglied der Nato war.

Mit der Krise um die Weltherrrschaft ist Präsident Erdoğan schließlich der ideale Sündenbock geworden, um sich aus der syrischen Krise herauszuziehen.

Aus Sicht der Vereinigten Staaten ist das Problem nicht die Türkei, dieser unverzichtbare regionale Verbündete, auch nicht der MIT (Nachrichtendienste) von Hakan Fidan, der die dschihadistische Bewegung weltweit organisiert, sondern Recep Tayyip Erdoğan.

Folglich hat das National Endowment for Democracy (NED) zunächst im August 2013 eine Farbrevolution (die „Pinguin-Revolution“) ausprobiert und die Demonstrationen im Istanbuler Gezi-Park organisiert. Die Operation ist gescheitert oder Washington hat es sich anders überlegt.

Dann wurde die Entscheidung getroffen, die Islamisten der AKP mit Hilfe der Wahlurnen zu stürzen. Die CIA organisierte gleichzeitig die Umwandlung der HDP in eine echte Minderheitenpartei und bereitete ein Bündnis zwischen ihr und den Sozialisten der CHP vor. Die HDP nahm ein sehr offenes Programm zur Verteidigung der ethnischen (kurdischen) Minderheiten und der gesellschaftlichen Minderheiten (Feministen, Homosexuelle) an und bezog einen ökologischen Teilbereich ein. Gleichzeitig wurde die CHP umgebildet, um ihr Übergewicht an Aleviten [1] zu verschleiern und um die Kandidatur des ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichts zu fördern. Auch wenn die AKP die Wahlen vom Juli 2015 verloren hat, war es doch nicht möglich, das Bündnis von CHP-HDP zu realisieren. Infolgedessen mussten neue Parlamentswahlen im Novembere 2015 abgehalten werden, die aber von Recep Tayyip Erdoğan grob manipuliert wurden.

Also beschloss Washington, Erdoğan physisch zu beseitigen. Zwischen November 2015 und Juli 2016 fanden drei Mordversuche statt. Im Gegensatz zu dem, was darüber gesagt wird, war die Operation vom 15. Juli 2016 kein Putschversuch, sondern der Versuch, ausschließlich Recep Tayyip Erdoğan auszuschalten. Die CIA hatte türkisch-US-amerikanische industrielle und militärische Beziehungen genutzt, um eine kleine Mannschaft innerhalb der Luftwaffe zu rekrutieren, die den Präsidenten während seiner Ferien hinrichten sollte. Diese Mannschaft wurde jedoch von islamistischen Offizieren (sie machen fast ein Viertel der Streitkräfte aus) verraten und der Präsident wurde eine Stunde vor der Ankuft des Kommandos gewarnt. Er wurde dann in Begleitung loyaler Armeeangehöriger nach Istanbul überführt. Im Bewusstsein der absehbaren Folgen ihres Scheiterns starteten die Verschwörer einen Staatsstreich ohne Vorbereitung, während sich in Istanbul die Straßen mit Menschenmassen füllten. Offensichtlich scheiterten die Verschwörer. Die Repression, die darauf folgte, zielte weder auf die Festnahme einzelner Akteure des Mordversuchs noch auf die Soldaten, die sich dem Putschversuch anschlossen, sondern auf die Gesamtheit der Proamerikaner: zunächst die weltlichen Kemalisten, dann die Islamisten von Fethullah Gülen. Insgesamt wurden mehr als 70.000 Personen angeklagt, und es mussten nach dem allgemeinen Recht Inhaftierte freigelassen werden, um die US-Freunde in Haft nehmen zu können.

Die Großmannssucht von Präsident Erdoğan und sein irrer Weißer Palast, seine Wahlfälschungen und seine Repressionen nach allen Seiten machen ihn zum idealen Sündenbock für die Irrtümer, die in Syrien begangen worden sind. Indessen lässt seine Widerstandskraft gegen eine Farbrevolution und vier Mordversuche erwarten, dass er nicht schnell ausgeschaltet werden kann.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabien ist ebenso unentbehrlich für die Vereinigten Staaten wie die Türkei – aus drei Gründen: zunächst wegen seiner Ölvorkommen von außerordentlichem Umfang und ausgezeichneter Qualität (obwohl es für Washington nicht mehr darum geht, sie zu verbrauchen, sondern nur ihren Verkauf zu steuern), dann wegen der Liquidität, über die es verfügte (aber seine Einkünfte sind um 70 Prozent gefallen) und die es ihm möglich machte, geheime Operationen jenseits der Kontrolle des Kongresses zu finanzieren, und schließlich wegen seines Zugriffs auf die Quellen des Dschihadismus. In der Tat hat Riad seit 1962, seit der Gründung der Islamischen Weltliga, für die CIA die Muslimbrüder und die Naqchbandis finanziert, die beiden Bruderschaften, aus denen alle dschihadistischen Kader weltweit hervorgegangen sind.

Vor allem der anachronistische Charakter dieses Staates im Privatbesitz einer Fürstenfamilie, der die allgemein anerkannten Grundsätze von Redefreiheit und Religionsfreiheit fremd sind, zwingt zu radikalen Veränderungen.

Also hat die CIA im Januar 2015 die Nachfolge von König Abdullah geregelt. In der Todesnacht des Herrschers wurde der größte Teil der Unfähigen aus den Ämtern entlassen und der Staat komplett neu organisiert nach einem vorgefertigten Plan. Seither ist die Macht auf drei Hauptclans aufgeteilt: auf König Salman (und seinen Lieblingssohn Prinz Mohammed), den Sohn des Prinzen Nayef (der andere Prinz Mohammed) und schließlich den Sohn des verstorbenen Königs (Prinz Mutaib, Kommandant der Nationalgarde).

In der Praxis lässt König Salman (81 Jahre) seinen Sohn, den lebhaften Prinz Mohammed (31 Jahre), an seiner Stelle regieren. Dieser hat den saudischen Einsatz gegen Syrien gesteigert, dann den Krieg gegen den Jemen begonnen. Darüber hinaus hat er entsprechend seiner „Vision 2030“ ein umfassendes Programm an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen eingeleitet.

Unglücklicherweise haben die Ergebnisse sich nicht eingestellt: Das Königreich hat sich in Syrien und im Jemen festgefahren. Im Jemen wendet sich der Krieg mit den Einfällen der Huthis auf saudisches Staatsgebiet und den Siegen über seine Armee gegen Saudi-Arabien. Auf wirtschaftlichem Gebiet neigen sich die gesicherten Ölvorräte dem Ende zu und die Niederlage im Jemen verhindert die Ausbeutung des „Leeren Viertels“, das ist die Region zwischen den beiden Staaten. Der Rückgang der Ölpreise hat es mit Sicherheit möglich gemacht, viele Konkurrenten loszuwerden, hat aber auch das saudische Finanzministerium trockengelegt, das sich gezwungen sieht, auf den internationalen Märkten zu leihen.

Saudi-Arabien war nie so mächtig und so zerbrechlich. Die politische Repression hat mit der Enthauptung des Oppositionsführers Scheich Al-Nimr einen Höhepunkt erreicht. Die Revolte brodelt nicht nur in der schiitischen Minderheit, sondern auch in den westlichen sunnitischen Provinzen. Im internationalen Bereich ist das arabische Bündnis sicher eindrucksvoll, erleidet aber seit dem Rückzug Ägyptens Schiffbruch auf allen Seiten. Die öffentliche Annäherung an Israel gegen den Iran hat zu einem Sturm der Entrüstung in der arabischen und moslemischen Welt geführt. Sie illustriert nicht so sehr ein neues Bündnis, sondern die Panik, die sich innerhalb der königlichen Familie breit macht, die jetzt von allen gehasst wird.

Aus Washingtons Sicht ist der richtige Augenblick gekommen, um die Bestandteile auszuwählen, die es in Saudi-Arabien zu retten lohnt, und die übrigen loszuwerden. Es wäre folgerichtig, wenn man auf die frühere Teilung der Macht zwischen den Sudairis (aber ohne Prinz Mohammed bin Salman, der sich als unfähig erwiesen hat) und den Chammars (der Sippe des verstorbenen Königs Abdullah) zurückkommt.

Am besten sowohl für die Vereinigten Staaten wie auch für die saudischen Untertanen wäre das Ableben von König Salman. Sein Sohn Mohammed würde von der Macht zurückgedrägt, sie käme dann dem anderen Prinz Mohammed zu (dem Sohn von Nayef). Wobei Prinz Mutaib sein Amt behalten würde. Diese Nachfolge wäre für Washington leichter zu verwalten, wenn sie vor der Amtseinführung des nächsten Präsidenten am 6. Januar 2017 erfolgt. Der neue Amtsinhaber könnte dann alle Fehler auf den Verstorbenen abschieben und den Frieden in Syrien und im Jemen verkünden. An diesem Projekt arbeitet die CIA zur Zeit.

In Saudi-Arabien wie in der Türkei und anderen verbündeten Ländern versucht die CIA, die Dinge, die in Stand sind, beizubehalten. Deshalb begnügt sie sich damit, unter der Hand Versuche zum Führungswechsel zu organisieren, ohne dabei die Strukturen anzutasten. Der kosmetische Charakter dieser Veränderungen fördert die Unsichtbarkeit ihrer Arbeit.

Moskau versucht, den Nahen Osten und die Ukraine zusammen zu verhandeln

Es ist Russland gelungen, die syrischen und die jemenitischen Schlachtfelder miteinander zu verknüpfen. Während es seine Streitkräfte seit einem Jahr öffentlich in der Levante stationiert hat, sind sie seit drei Monaten inoffiziell im Jemen präsent und nehmen dort seither aktiv an den Kämpfen teil. Durch die gleichzeitige Verhandlung der Waffenruhen in Aleppo und im Jemen hat Moskau die Vereinigten Staaten gezwungen, die Verbindung der beiden Kriegsschauplätze zu akzeptieren. In beiden Ländern zeigen seine Streitkräfte ihre Überlegenheit in konventioneller Rüstung gegenüber den Verbündeten der Vereinigten Staaten, wobei sie eine direkte Konfrontation mit dem Pentagon vermeiden. Dieses Ausweichen hindert Moskau daran, sich auch im Irak zu engagieren trotz seiner historischen Aktivitäten in diesem dritten Land.

Allerdings ist die Quelle der Auseinandersetzung zwischen den beiden Großmächten vor allem die Unterbrechung der beiden Seidenstraßen-Routen, erst in Syrien, dann in der Ukraine. Logischerweise versucht Moskau, in seinen Verhandlungen mit Washington die beiden Vorgänge miteinander zu verknüpfen. Das erscheint um so logischer, als die CIA selbst bereits über die Türkei eine Verbindung zwischen den beiden Kampffeldern gezogen hat.

Als der russische Präsident Putin und sein Außenminister Sergei Lawrow sich am 19. Oktober nach Berlin begaben, wollten sie Deutschland und Frankreich in Ermangelung der Vereinigten Staaten davon überzeugen, beide Vorgänge miteinander zu verbinden. Sie haben daher die Verlängerung der Waffenruhe in Syrien gegen die Beendigung der ukrainischen Blockade der Minsker Verträge eingehandelt. Dieser Tausch kann Washington nur irritieren, es wird also alles in seiner Macht Stehende tun, um ihn zu sabotieren.

Natürlich werden sich Berlin und Paris schließlich nach ihrem Nato-Lehnsherrn ausrichten. Aber vom Standpunkt Moskaus aus wiegt ein eingefrorener Konflikt mehr als eine Niederlage (in der Ukraine, wie in Transnistrien zum Beispiel), und alles, was die Einheit der Nato angreift, nimmt das Ende der Vorherrschaft der Vereinigten Staaten vorweg.

Thierry Meyssan
Übersetzung
Sabine
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[1] Die alevitische Religion ist die türkische Version des syrischen Alawitentums.

Thierry Meyssan
Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).