Peter Sloterdijk. Was geschah im 20. Jahrhundert?

Für die gewöhnliche Leserschaft gilt eine Feststellung, die durchaus verwirrend geraten kann: Es gibt Philosophen und Philosophen. Und Philosophen! Was unverständlich aussieht, ist relativ einfach zu erklären. Da existieren wirklich die Philosophen, die im großen Kanon der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit großem Fuß die Korridore der Erkenntnis aufgestoßen haben. Das sind Gestalten wie Platon und Aristoteles, wie Kant und Hegel oder wie Nietzsche oder Sartre. Sie werden als solche, wenn auch kaum noch gelesen, so dennoch respektiert. Die nächsten Philosophen in der Liste sind diejenigen, die aufgrund einer kollektiven Bildungsirritation einfach die Chuzpe haben, sich selbst so zu nennen, ohne dass eine entrüstete Öffentlichkeit über sie herfiele. Und dann kommen, sehr selten, zeitgenössische Philosophen zum Vorschein, die gar nicht so genannt werden wollen, die aber vieles von dem, was die Liebe zur Wahrheit ausmacht, in sich tragen und in der Lage sind zu kommunizieren.

Einer der Philosophen, die eigentlich keine sein wollen, sondern sich eher als Dekonstrukteure dessen sehen, was philosophiegeschichtlich in unserem Tagen passiert, ist zweifelsohne Peter Sloterdijk. In nunmehr zahlreichen „Hauptwerken“ wie der Kritik der zynischen Vernunft, Sphären, Zorn und Zeit oder Du musst dein Leben ändern hat Sloterdijk nachgewiesen, dass er in der Lage ist, mehrere Erkenntnisstränge gleichzeitig bei der Vivisektion einer analytischen Fragestellung durch ein komplexes Gebilde zu steuern. Wenn einem zugesprochen werden muss, dass er das philosophische Handwerk beherrscht, dann ihm.

Aufgrund des hohen Anspruchs, den seine Texte auslösen, kann eine Auswahl kleinerer Texte und Vorträge vielleicht dazu beitragen, den Zugang zu diesem Metaphernakrobaten und Wissenstechniker etwas zu erleichtern. Die kurzen Texte sind nicht weniger anspruchsvoll, aber sie erfordern keinen Konzentrationsmarathon.

Der 2016 erschienene Sammelband mit dem Titel Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist so eine Sammlung von Texten, die sich zum Zugang zu diesem interessanten Denker eignen. In insgesamt 12 Vorträgen und Aufsätzen setzt sich Sloterdijk mit zentralen Themen des 20. Jahrhunderts auseinander und setzt so manchen ihm typischen schrillen Akzent, der allerdings die Qualität der Erkenntnis nur beflügeln kann.

Und natürlich, bezogen auf den fragenden Titel, beschäftigt sich Sloterdijk in diesen kleineren Arbeiten mit großen Fragen wie der Ökologie, der Asynchronität in den Geschwindigkeiten zwischen digitaler Kommunikation und physischem Transport, mit dem Globus als sinnhaftem Kollektivsymbol der Globalisierung, über die adäquate Erzählform der Neuzeit, mit dem Reisen, der Ruhelosigkeit und der permanenten Bewegung als Urzustand der beschleunigten Welt oder mit der Langeweile als existenziellem Abgrund.

Alle seine Zugänge zu den anscheinend schrill klingenden Themen haben etwas Verstörendes und vermitteln dennoch immer das Gefühl, von essenzieller Bedeutung in Bezug auf die gestellte Frage zu sein. Genau das, was die selbst ernannten Philosophen, die ihre Monologe im Feuilleton mit der harten Suche nach Wahrheit verwechseln, bietet Sloterdijk auch in diesem Band: Schwierige, aber originelle Gedankengänge und verblüffende Wirkungszusammenhänge, die allesamt von den ausgetretenen Pfaden des Mainstreams abweichen und vieles in sich bergen, was zu interessanten Lösungen führen könnte.

Sloterdijks Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist keine leichte Kost. Wer das behauptet, gehört zu einem der Phänomene, die das 20. Jahrhundert zuhauf ans Tageslicht gezerrt hat, nämlich das der Oberflächlichkeit. Sie ist niemals in der Lage, den Dingen auf den Grund zu gehen.

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