Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Es steht außer Zweifel, dass das Studium der Geschichte in hohem Maße dazu beiträgt, die Gegenwart zu verstehen. Gerade in unseren Tagen, die geprägt sind von wachsenden Geschwindigkeiten und sinkenden Halbwertzeiten dessen, womit wir unser Dasein gestalten, scheint die Geschichte ein schnöder Mammon geworden zu sein, allenfalls noch attraktiv für die Menschen von gestern. Folgerichtig sinkt das oral Überlieferbare an relevanter Geschichte. Menschen, die reflektieren, was sie oder die noch verfügbaren Generationen vor ihnen erlebt haben, gehören zu einer immer kleiner werdenden Minderheit. Daneben existieren Datenbanken, zugänglich für jedermann, aber auf die greifen nur die Experten zu und wären sie nicht virtuell, dann würden sie verstauben.

Doch auch die Historiker, die sich professionell mit der Materie der Vergangenheit beschäftigen, sind nicht par excellence Experten für die Deutung der Gegenwart. Lassen sie sich in den Dienst virulenter Tagesinteressen stellen, so beschädigen sie ihre eigene professionelle Reputation. Heinrich August Winkler ist so einer. Mit seiner Geschichte des Westens hat er sicherlich ein Werk geschaffen, das dazu beitragen könnte, die Entwicklung der Politik aus einer bestimmten Perspektive zu erhellen. Seit er sich jedoch auf die Rampe hat stellen lassen, um eine Synchronität abendländischer Werte mit der NATO herzustellen und an der Konstruktion eines russischen Feindbildes zu werkeln, hat er die historischen Wissenschaften weitreichend betrogen. Für diese Leistung wird er nun auf der Leipziger Buchmesse geehrt. Willkommen in der Gegenwart!

Die Geschichte bleibt trotz solcher Enttäuschungen ein Metier, das nicht nur bei der Dechiffrierung der Gegenwart helfen kann. Da die Geschichte Grundmuster menschlicher Handlungsweisen in bestimmten Kontexten freilegt, kann sie sogar dazu dienen, es mit den Potenzialen der Zukunft aufzunehmen. Im Westen, um bei Winklers Perspektive zu bleiben, ist das allerdings weniger ausgeprägt als in Asien, vor allem in China. Während hier, tief im Westen, die Deutung von Zukunft immer noch mit Krankheit, Irrsinn oder Magie assoziiert wird, gehört die Betrachtung von Geschichte und Zukunft in China zu einer Grundübung eines jeden gebildeten Menschen. Der Westen, mit seiner atemberaubenden Verwertungslogik, erscheint dagegen wie eine Amöbe.

Das war nicht immer so. Nicht vergleichbar mit China, aber immerhin hatten die politischen Parteien des bürgerlichen Zeitalters noch den Anspruch, Zukunft zu gestalten. Niederschlagung fand das in politischen Programmen, die dazu geeignete waren, einen Zukunftsentwurf zu lesen. Mag es zum einen die Schnelllebigkeit sein, die zum Verschwinden dieser Programme beigetragen hat, zum anderen war es die wachsende Furcht, sich festzulegen und damit von der Geschichte widerlegt zu werden. Alles, was den Anspruch dokumentiert, über Zukunft nachdenken zu wollen, setzt sich der Gefahr aus, bei Bekanntwerden skandalisiert zu werden. Da wundert es nicht, dass sich Politikerinnen und Politiker hüten, Aussagen zu Ihrer Meinung über die Zukunft zu machen. Die bequemste, aus gesellschaftlichem Interesse aber auch die dümmste Konsequenz aus diesem Dilemma ist die Aussage „Wir fahren auf Sicht“!

Bei allen Schwierigkeiten, die bei der Beschreibung einer verständlichen Kontur von Zukunft auftreten und die durch wachsende Interdependenzen und größere Komplexität nicht weniger werden, jeder kann es üben. Es ist schwer, aber es sollte versucht werden. Peter Weiss hat das auf den letzten Seiten seiner Ästhetik des Widerstandes gemacht. Da beschreibt er Entwicklungen, die in der Zukunft schon abgeschlossen sind. Selbst das Deutsche tut sich damit schwer. Futur II und Plusquamperfekt. Versuchen Sie es mal! Geben Sie der Zukunft eine Chance!

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