Die Harmonie von Wallstreet und Charity

Bertolt Brecht. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Kurz nach dem großen Börsencrash in der New Yorker Wall Street schrieb Bertolt Brecht 1929/30 Die Heiligen Johanna der Schlachthöfe. Auf die Bühne konnte das Werk in Deutschland nicht mehr gebracht werden. Die Uraufführung kam erst 1959 in Hamburg unter der Regie von Gustav Gründgens zustande. Bertolt Brecht wandte sich mit dem Stück den konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen des internationalen Finanzkapitalismus zu. Dass er sich als Ort der Handlung die Fleischfabriken Chicagos aussuchte, hatte zweierlei Gründe. Zum einen entsprach der Ort seiner Konzeption von geographischer Ferne, um Verhältnisse, die ebenfalls sein eigenes Publikum betrafen, aus der direkten Hitze der örtlichen Auseinandersetzungen zu nehmen, um der kühlen Reflexion mehr Raum zu geben. Zum anderen standen die Schlachthöfe Chicagos für die schamloseste Variante kapitalistischer Ausbeutung. Bereits 1906 hatte der Amerikaner Upton Sinclair mit seinem Roman Der Dschungel weltweites Entsetzen über die dortigen Verhältnisse ausgelöst.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe geriet zu einem sehr komplexen Stück, das in der Folge und bis heute in mancherlei Hinsicht das Publikum überforderte. Ursache dafür war die Absicht, gleich zwei essenzielle Fragen in den Fokus zu stellen. Es ging Brecht um die börsengesteuerte Funktionsweise von Angebot und Nachfrage sowie um die Erörterung der Wirkung von religiös motivierter Wohltätigkeit. Beides wird von den beiden Protagonisten, der anfangs im Auftrag der Heilsarmee agierenden Johanna und dem Fleischspekulanten und Börsianer Mauler personifiziert. Ihre Interaktion ist das reflektierte Zentrum des Stücks. Während Johanna an Mauler herantritt und ihn um die Öffnung der Fabriken für die ausgesperrten Arbeiter bittet, versucht dieser, den Zeitpunkt seiner Entscheidungen mit den für ihn jeweils wirtschaftlich günstigsten Wirkungen zu koordinieren.

Die zunächst religiös motivierte Johanna gerät in der laufenden Handlung immer mehr in Zweifel, weil sie die Abhängigkeit ihrer eigenen Organisation von den agierenden Kapitalisten begreift und sie die Ausweglosigkeit der Streikenden und ausgesperrten Arbeiter immer mehr motivieren, sich mit ihnen zusammenzuschließen. Doch dort begegnet sie aufgrund ihrer Vergangenheit bei der Heilsarmee großer Skepsis. Mauler, der immer wieder Dossiers von seinen Freunden der New Yorker Börse erhält, spielt sein Spiel, das auf Monopolbildung und maximalen Gewinn ausgerichtet ist. In einem solchen Konstrukt ist für ein Happy End kein Platz. Johanna begibt sich zu den streikenden Arbeitern ins Schneetreiben, bekommt eine Lungenentzündung und stirbt. Mauler, der immer wieder das Gebaren eines Börsentickerjunkies an den Tag legt, spielt das Spiel zu Ende. Er kauft alle Fleischvorräte auf und cornert sie, wie der Terminus für die künstliche Verknappung lautet, um sie später für Wucherpreise an die Hungernden verkaufen zu können. Als sein Deal gelingt, spendet er reichlich an die Heilsarmee, die ihrerseits die an diesem Widerspruch gescheiterte Johanna zur Heiligen erklärt.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe beschreibt die Funktionsweise des Raubtierkapitalismus in drastischer, aber treffender Weise. Gleichzeitig macht das Stück deutlich, dass die organisierte Wohltätigkeit Bestandteil dieses Systems und nicht dazu geeignet ist, die Verelendung der Arbeiter aufzuhalten. Ganz im Gegenteil, sie hält davon ab, sich der politischen Konsequenzen bewusst zu werden, die vonnöten sind, um das System der spekulativen Inszenierung von Angebot und Nachfrage zu überwinden.

Die Verbilligung von Produkten, um die Konkurrenz auszuschalten und dessen Cornern oder Horten, um den Preis nach Erreichung der Monopolstellung in die Höhe treiben zu können wie die Illusionserzeugung durch den Charity-Gedanken sind bis heute brandaktuell.

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