Sinnsuche in Krisenzeiten

Sinnsuche in Krisenzeiten
„Verschwörungstheorien lösen Chaos auf“

Ob Flüchtlingskrise, Ukraine-Krieg oder Terroranschläge – sie alle sind von langer Hand geplant und dienen den Interessen der Mächtigen, glauben einige. Eigentlich waren Verschwörungstheorien bereits auf dem absteigenden Ast, sagt Michael Butter, Experte für Verschwörungstheorien. Mit n-tv.de sprach er über die Gründe für die neue Popularität solcher Gedankenkonzepte – und deren Gefahren.

n-tv.de: Herr Butter, Sie beschäftigen sich eingehend mit Verschwörungstheorien – was ist das eigentlich genau?

Michael Butter: Verschwörungstheorien behaupten, dass eine im Verborgenen agierende Gruppe, eben die Verschwörer, Ereignisse manipuliert oder sogar schon die Kontrolle über eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt übernommen hat.

Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und beschäftigt sich vor allem mit US-amerikanischen Verschwörungstheorien.
Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und beschäftigt sich vor allem mit US-amerikanischen Verschwörungstheorien.
(Foto: privat)
Gerüchte über Chemtrails, eine BRD GmbH oder die NWO (New World Order, englisch für „Neue Weltordnung“) fehlen mittlerweile in fast keiner Diskussion auf Facebook. Haben Verschwörungstheorien gerade Hochkonjunktur?

Sie haben Konjunktur. Man muss zuvor aber etwas bedenken. Historisch betrachtet waren Verschwörungstheorien seit ihrem Aufkommen mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert lange Zeit akzeptiertes und legitimes Wissen. Es war normal, Verschwörungstheoretiker zu sein. Entsprechend sind Verschwörungstheorien in der westlichen Welt im 18. und 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein viel populärer gewesen, als sie es heute sind.

Haben Sie ein Beispiel?

In den USA war praktisch jeder Präsident von Washington bis Eisenhower Verschwörungstheoretiker. Unter anderem auch Abraham Lincoln, der in einigen seiner berühmtesten Reden eindeutig Verschwörungstheorien entwickelte über die Machenschaften der Verteidiger und Befürworter der Sklaverei. Überspitzt könnte man sagen: In der Vergangenheit haben sich die Menschen vor Verschwörungen gefürchtet. Heutzutage fürchten wir eher Verschwörungstheorien.

Warum kam es zu diesem Wandel?

Man geht davon aus, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse dabei eine Rolle gespielt haben. Aus der Psychologie, aber auch aus der Soziologie: Dort heißt es etwa, dass komplexe soziale Systeme oft Effekte hervorbringen, die überhaupt niemand beabsichtigt hat. Von daher greift die Idee zu kurz, dass eine kleine Gruppe auf der Welt die Strippen ziehen könnte. So funktioniert eine Gesellschaft einfach nicht.

Und diese Erkenntnisse haben sich nach und nach durchgesetzt?

Sie kamen bei den Intellektuellen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an und wurden ab dann immer mehr zum Mainstream. Dazu kam sicherlich auch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus, der letztendlich auch auf einer Verschwörungstheorie basierte – nämlich auf der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Ab den 50er- und 60er-Jahren wurden Verschwörungstheorien mit Hintergrund dieser Erfahrung, in manchen Teilen der Welt zumindest, stigmatisiert.

BILDERSERIE
Möglicherweise die derzeit bekannteste aller Verschwörungstheorien ist die einer gefälschten Mondlandung der USA. Während diese Theorie bereits etwas angestaubt ist, erhalten andere derzeit Auftrieb. Hier eine Übersicht über einige immer beliebter werdende Verschwörungstheorien:Die BRD GmbH: In Deutschland ist eine Verschwörung im Gange, die zu offensichtlich scheint, um sie zu ignorieren. Verschwörungs-Anhänger sind sich sicher, dass die Bundesrepublik kein Staat ist, sondern ein straff geführtes Unternehmen. Von Demokratie und Mitbestimmung der Angestellten – also der Bürger – könne keine Rede sein.Wichtiges Indiz für die Theorie der „BRD GmbH“: Es gibt tatsächlich eine „Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH“ mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie kümmert sich, wie der Name schon nahelegt, um die Finanzen des Bundes. Allerdings ist die Verschwörungstheorie der BRD GmbH nur Teil einer komplexen „BRD-Lüge“. Dazu gehören auch die Behauptungen, …… Deutschland sei noch immer von den USA besetzt und …
Chemtrails, BRD GmbH, Hooton-Plan
Die derzeit beliebtesten Verschwörungstheorien
Aber sie bleiben dennoch bestehen.

Die Verschwörungstheorien verschwanden nicht völlig, sondern behielten immer ihre Attraktivität für einen nicht unwesentlichen Anteil der Bevölkerung. Das Problem ist, dass das lange Zeit niemandem aufgefallen ist.

Erst das Internet hat daran etwas geändert?

Das hat ganz sicher etwas mit dem Internet zu tun. Wenn man etwa in den 80er-Jahren beweisen wollte, dass die Amerikaner nicht auf dem Mond waren, hätte derjenige im Selbstverlag ein Buch herausgebracht und ein paar Exemplare an ausgewählte Leute geschickt. Aber er hätte es damit nie in die normalen Medien geschafft oder gar ein größeres Publikum erreicht. Das ist etwas, was sich unter den Bedingungen des Internets völlig verändert hat. Und von daher sind Verschwörungstheorien vor allem in den letzten Jahren sichtbarer geworden.

Hat auch die Zahl der Verschwörungs-Gläubigen zugenommen?

Es gibt dazu keinerlei belastbare Zahlen. Aber klar ist: Hätte jemand in den 1980er-Jahren im Bezug auf die Mondlandung nur einen diffusen Zweifel gehabt, hätte sich bei diesem natürlich keine Verschwörungstheorie verfestigen können, weil er kaum an Material darüber rangekommen wäre. Wenn sie heutzutage jedoch „Was ist in der Ukraine wirklich los?“ googeln, finden Sie gleich ein Dutzend Webseiten, die Ihnen dafür verschwörungstheoretische Erklärungsmuster anbieten. Und daher führt die höhere Sichtbarkeit der Verschwörungstheorien durch das Internet auch dazu, dass sie wieder etwas weiter verbreitet sind. Deshalb würde ich sagen: Zunahme ja, aber nicht so exponentiell, wie einem das auf den ersten Blick vorkommt.

Sind Verschwörungstheorien damit auch wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Es scheint, dass Verschwörungstheorien wieder mehr auf dem Weg in den Mainstream sind. Also im Grund in eine Position, in der sie früher mal waren. Das ist aber nur eine Möglichkeit, wie man die jüngste Entwicklung definieren kann. Die andere Möglichkeit – und womöglich die zutreffendere – ist, dass es den öffentlichen Raum oder die Öffentlichkeit gar nicht mehr gibt. Möglicherweise zerfällt der einst öffentliche Raum in so etwas wie Teilöffentlichkeiten, in denen unterschiedliche Dinge als wahr und falsch angesehen werden. Das heißt, vielleicht kommen Verschwörungstheorien gar nicht zurück in den Mainstream, sondern der Mainstream wird einfach kleiner und die Ränder der gesellschaftlichen Debatte werden größer.

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Zwei von ihnen, Armstrong und Aldrin, betreten den Himmelskörper, während die Welt ihnen zusieht.War alles eine große Lüge? Die Mondlandung nichts als ein gigantischer Bluff? n-tv.de stellt einige Verschwörungs-Thesen vor.Das ist schlicht nicht der Fall.These 3: Filmaufnahmen von Buzz Aldrin beim Aufstellen der Flagge zeigen: Die Flagge bewegt sich und weht! Da der Mond keine Atmosphäre und somit keine Luft hat, ist dies unmöglich.
Verschwörung, Betrug und Täuschung
Die Mondlandung – nur eine große Lüge?
Sie haben die Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien bereits erwähnt. Ist deren zunehmende Verbreitung also besorgniserregend?

Bevor man das beantwortet, sollte man sich zunächst klarmachen, dass Verschwörungstheorie nicht gleich Verschwörungstheorie ist. Es kommt immer auf die Inhalte an. Manche Verschwörungstheorien können Menschen zwar nicht dazu bringen, gewalttätig zu werden, sie darin aber durchaus bestärken. Beispiele dafür sind Anders Breivik in Norwegen oder Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City ein Bombenattentat verübte. Das waren Menschen, deren Weltbilder zentral über Verschwörungstheorien bestimmt wurden. Verschwörungstheorien sind auch problematisch, wenn sie sich gegen Schwache und gegen Minderheiten wie etwa Ausländer und Flüchtlinge richten. Wie etwa diejenigen Theorien, die derzeit kursieren, dass die Flüchtlingskrise gesteuert sei, etwa aus den USA …

… die als Hooton-Plan bekannte Verschwörungstheorie.

Diese Arten von Verschwörungstheorien tragen natürlich dazu bei, dass Menschen, die sowieso schon Vorurteile haben, sich in diesen bestärkt sehen. Dazu kommt, dass die betroffene Gruppe sich nur schwer gegen solche Verschwörungstheorien wehren kann. Die dritte Ebene – und aus meiner Sicht die spannendste – ist, dass Verschwörungstheorien in der Gegenwart oft einhergehen mit realer oder wahrgenommener gesellschaftlicher Marginalisierung. Das heißt, Verschwörungstheorien bieten – das sehen Sie am Erstarken des Rechtspopulismus in Europa und in den USA – für Leute, die sich abgehängt fühlen oder die das Gefühl haben, abgehängt zu werden, finanziell oder ideologisch, einen sehr fruchtbaren Boden. Und von daher sind Verschwörungstheorien gefährlich in einem ganz anderen Sinne.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Da ist in Deutschland etwa die sogenannte Reichsbürgerbewegung, aber auch bei Pegida sind Verschwörungstheorien relativ verbreitet. Letztendlich finden sich auch im Parteiprogramm der AfD Hinweise auf Verschwörungstheorien.

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Langsam aber sicher geht die Erde an dem vom Menschen verursachten Klimawandel zugrunde.Gleichzeitig gebe es jedoch auch in sämtlichen Regionen der Welt …Gletscher in allen Teilen der Welt …Der Weltklimarat IPCC kommt zu dem Schluss, dass durch die vom Menschen gemachte Erderwärmung – und die damit verbundenen Dürren – Ernten zerstört werden.
Weltweiter Klimawandel
Der Mensch richtet die Erde zugrunde
Was kennzeichnet Verschwörungstheoretiker?

Verschwörungstheoretiker sind tendenziell fast immer Männer. Insbesondere diejenige, die das nicht nur passiv rezipieren, sondern aktiv im Internet Theorien entwickeln oder Filme ins Netz stellen. Das heißt, das hat vielleicht auch etwas mit einer Krise von Männlichkeit und männlicher Identität zu tun. Was den Bildungsstand angeht, kann man das nicht so sehr zuspitzen. Verschwörungstheoretiker sind nicht alle schlecht gebildet. Da ist eher ein Gefühl der sozialen Positionierung entscheidender als der Bildungsstand.

Was geben diese Verschwörungstheorien den Menschen, die ihnen anhängen?

Diese Theorien erklären die Welt. Das heißt, sie schaffen Sinn und lösen Chaos auf. Der an sie glaubt, hat im Grunde verstanden, wie der Hase läuft. Das eigene Leben wird dadurch bedeutungsvoller. Das Ganze hat aber auch eine utopische Dimension. Wenn man glaubt, die Dinge, die passieren, sind das Ergebnis einer Verschwörung, würde dies zumindest am Horizont die Möglichkeit skizzieren, dass diese Verschwörung durch Aufdecken und Bekämpfen beendet werden kann – und die Dinge sich wieder ändern. Und dann natürlich korrelieren Verschwörungstheorien auch mit einer Sündenbockfunktion – es sind nicht irgendwelche abstrakten Kräfte, die daran schuld sind, dass man abgehängt ist. Man kann vielmehr identifizieren, wer dahinter steckt.

Gleichzeitig können Verschwörungstheorien ja auch sehr spannend sein, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

Ein anderer Aspekt von Verschwörungstheorien ist in der Tat, dass sie ganz tolle Unterhaltung sein können, auch für Menschen, die gar nicht ernsthaft daran glauben. Daher gibt es viele, die sich im Kino, beim Lesen von Romanen oder auch auf entsprechenden Internetseiten den Verschwörungstheorien für ein paar Stunden spielerisch hingeben. Es ist einfach spannend und kann ein schönes Gefühl schaffen, wenn man sich überlegt, dass es einen ausgeklügelten Plan gibt, der die Welt vorantreibt. Sie wird dadurch bedeutungsvoll und sinnvoll und ist nicht mehr das Chaos, das sie vermutlich ist.

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Wir erleben derzeit eine Krisenzeit – man denke nur an die Ukraine-Krise, Euro-Krise, Flüchtlings-Krise. Befördern Krisen die Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Diese These gibt es immer wieder und diese These ist auch sehr zutreffend, weil in Krisenzeiten Erklärungsnot herrscht. Und Verschwörungstheorien bieten Erklärung und Sinnhaftigkeit an. Es gibt auch andere Auslöser für Verschwörungstheorien. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Michael Barkun etwa unterscheidet zwischen Ereignis-Verschwörungstheorien, die sich um bestimmte Ereignisse ranken – da würden dann die Krisenzeiten reinfallen – oder eben System-Verschwörungstheorien, wo Gruppen in den Fokus geraten, denen man sehr viele dunkle Machenschaften unterstellt. Im 19. Jahrhundert waren das die Juden, in anderen Teilen der Welt waren es die Katholiken, die Freimaurer oder die Illuminaten. Und oft vermischen sich auch die System-Verschwörungstheorien und die Ereignis-Verschwörungstheorien – bei der Verschwörungstheorie um 9/11 (Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, Anm. d. Red.) konnte man das gut beobachten.

Mit Michael Butter sprach Kai Stoppel

Neues zur Pressefreiheit

ROG verurteilt Schikanen gegen Netzwerk investigativer Journalisten

David Miranda wurde stundenlang am Flughafen verhört. © ddpimages
Reporter ohne Grenzen ist zutiefst besorgt über das Vorgehen der britischen Behörden gegen David Miranda, den Lebenspartner des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald. „Die USA und Großbritannien versuchen offenbar, das Netzwerk zu zerstören, das hinter den journalistischen Veröffentlichungen über die staatlichen Überwachungsprogramme beider Länder steht“, kritisierte der Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen, Michael Rediske. Dass Miranda unter Berufung auf Anti-Terror-Gesetze über die Arbeit Greenwalds befragt wurde, bewertete er als klaren Missbrauch. „Das bestätigt unsere immer wieder geäußerte Befürchtung, dass die seit 2001 in vielen Ländern beschlossenen Anti-Terror-Gesetze für ganz andere, oft beliebige Zwecke der Staatsräson benutzt werden“, sagte Rediske.

Ermittler hatten den Brasilianer Miranda am Sonntag beim Umsteigen auf dem Londoner Flughafen Heathrow stundenlang festgehalten und verhört. Er hatte nach Angaben des in Brasilien lebenden investigativen Reporters Greenwald dessen Recherchepartnerin Laura Poitras in Berlin besucht und ihr im Auftrag des Guardian Datenträger mit verschlüsselten Informationen zu den Recherchen über Geheimdienstprogramme überbracht; auf dem Rückweg trug er Speichermedien bei sich, die ihm Poitras für Greenwald mitgegeben hatte. Auch über die Inhalte dieser Datenträger befragten die Ermittler Miranda und beschlagnahmten sie.

Dieses Vorgehen offenbart, wie überbordende Behördenbefugnisse den modernen investigativen Journalismus gefährden: Selbst dort, wo die umfassenden Datensammlungen der NSA nicht greifen, versuchen die Ermittler, die handelnden Personen des investigativen Netzwerks um Greenwald persönlich abzufangen und ihnen unter Vorwänden ihre elektronischen Geräte abzunehmen oder die Inhalte zu kopieren.

Ein ähnlicher Fall sind die kontinuierlichen Schikanen gegen Laura Poitras, die zusammen mit Greenwald in zahlreichen Artikeln immer neue Einzelheiten aus den Unterlagen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden publik gemacht hat. Seit sie 2006 einen Dokumentarfilm über die Folgen des Irak-Kriegs herausbrachte – lange vor ihren derzeitigen NSA-Recherchen – wurde Poitras rund sechs Jahre lang bei mehr als vierzig Gelegenheiten an Flughäfen in den USA und im Ausland verhört und ihr Gepäck vom Sicherheitspersonal durchsucht. Dabei waren die Behörden offenbar besonders an ihren Arbeitsunterlagen interessiert; nachdem sie aufhörte, auf Reisen Papiere mitzuführen, konzentrierten sie sich auf ihre Computer und Mobiltelefone und beschlagnahmten diese in einem Fall mehrere Wochen lang. Aufgrund des eingeschränkten Rechtsschutzes bei Befragungen an US-Grenzübergängen wurde Poitras bei diesen Verhören anwaltlicher Beistand verwehrt.

Auch der Journalist, Wikileaks-Aktivist und Verschlüsselungsexperte Jacob Appelbaum hat ähnliche Schikanen erlebt. In einem Fall wurde er bei der Rückkehr von einer Europa-Reise am US-Flughafen Newark drei Stunden lang festgehalten und über die jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen befragt. Dabei kopierten die Ermittler Unterlagen und konfiszierten Appelbaums Computer sowie drei Mobiltelefone. Wegen seines Einsatzes für den Schutz der Privatsphäre versuchten US-Ermittler, sich per Geheimbeschluss Zugriff auf Daten seines Twitter-Kontos zu verschaffen. Auch Appelbaum war an den Guardian-Enthüllungen zu Prism und anderen NSA-Programmen beteiligt und hat darüber unter anderem für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel geschrieben. Ebenso wie Poitras hält er sich derzeit in Deutschland auf, weil sie befürchten, in den USA ständiger Überwachung ausgesetzt zu sein.

Großbritannien steht in der ROG-Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 29 von 179 Ländern. Meldungen zur Lage von Journalisten und Medien dort finden Sie hier.

Neues von TTIP

KEINE VORLÄUFIGE ANWENDUNG FÜR CETA!

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen CETA durch die Hintertür durchsetzen, ohne dass je eine Abgeordnete des Bundestages darüber abgestimmt hat. Informieren Sie Freunde und Bekannte über diesen demokratiepolitischen Skandal.

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Jetzt den foodwatch-Newsletter empfehlen ! Hallo und guten Tag Herr Xxx,

die Verfechter des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP haben schon einiges versucht, um die Öffentlichkeit zu täuschen: Erst verbreiteten die CDU und Wirtschaftslobbyisten systematische Fehlinformationen über die ökonomischen Potenziale von TTIP, dann richtete die Bundesregierung einen Hochsicherheits-Leseraum für Parlamentarier ein, um mehr Transparenz vorzugaukeln. Und jetzt will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den „Zwillingsbruder“ von TTIP, das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen CETA, durch die Hintertür durchsetzen – ohne dass nationale Parlamente abstimmen dürfen.

Worum geht es genau? Gabriels Ministerium spricht sich dafür aus, dass die EU-Staaten das CETA-Abkommen per Beschluss „vorläufig“ anwenden. Das würde bedeuten: Der Deutsche Bundestag dürfte vorerst gar nicht über CETA abstimmen. Das sei „übliche Praxis“ und „vollständig demokratisch“, erklärte das Ministerium gegenüber dem Bundestag.

Dabei versicherte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel noch 2014 den Fraktionen des Deutschen Bundestages, dass „ein Abschluss allein durch die EU (…) nicht in Frage“ käme. Die nationalen Parlamente müssten dem Abkommen zustimmen.
Nochmal: Erst versichert Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, ohne ein „Ja“ des Bundestages gebe es kein CETA. Jetzt soll das Abkommen ohne Beteiligung des Parlaments vorläufig in Kraft treten – und das, obwohl CETA in dessen Regelungshoheit eingreifen kann!

Wir finden das einen demokratiepolitischen Skandal und einen Betrug an der Öffentlichkeit. Denn wenn die nationalen Parlamente erst in vielen Jahren die Chance bekommen, über CETA abzustimmen, sind bereits Fakten geschaffen. Dann ist eine Ablehnung sehr unwahrscheinlich.

Wir lassen uns nicht täuschen! Informieren Sie Bekannte: Leiten Sie jetzt diese Mail weiter!

TTIP-Unterstützer beschwichtigen gerne, dass die „vorläufige Anwendung“ bei völkerrechtlichen Verträgen gängige Praxis sei. Doch hier geht es nicht um ein technisches Abkommen über Zollsenkungen: CETA kann tief in die Regelungshoheit der nationalen Parlamente eingreifen. So ein Abkommen darf nicht durch die Hintertür in Kraft treten! Das fordert auch der Europa- und Völkerrechtler Prof. Dr. Wolfgang Weiß von der Universität Speyer, der für foodwatch ein wissenschaftliches Gutachten erstellt hat. Demnach sei es „verfassungsrechtlich wie demokratiepolitisch unakzeptabel, dass die vorläufige Anwendung eines Abkommens an den Parlamenten vorbei erfolgt“. Das gelte ganz besonders für die „umfangreichen Freihandelsabkommen der neuen Generation“ – zu denen CETA und TTIP gehören.

Wir fordern die Bundesregierung auf, die vorläufige Anwendung abzulehnen! Unsere gewählten Vertreter müssen sowohl über CETA als auch über TTIP mitentscheiden, noch bevor diese Abkommen in Kraft treten. Ansonsten kommt unsere Demokratie zu schaden!

Wir müssen uns gemeinsam gegen diese demokratiepolitische Entgleisung der Bundesregierung wehren. Der erste Schritt ist, dass möglichst viele Leute Bescheid wissen und informiert sind. Erzählen Sie also Ihren Bekannten davon und leiten Sie diese Mail weiter.

Empfehlen sie Ihren Freunden, sich mit dem foodwatch-Newsletter regelmäßig über TTIP und CETA (und viele andere Verbraucherthemen) zu informieren:

Zensur in Deutschland?

Wer sich über etwas wundert, hat mit der Entwicklung, so wie sie eingetreten ist, nicht gerechnet. Wer sich über etwas wundert, was so zu erwarten war, hat die zu prognostizierende Wahrscheinlichkeit nicht mit einkalkuliert oder auf etwas anderes gehofft, das allerdings nicht wahrscheinlich war. Wer sich über eine nicht eingetretene Hoffnung wundert, obwohl sie nicht wahrscheinlich war, ist ein Tor. Wer ein Tor ist, sollte sich nicht in das Dickicht politischer Komplexität begeben. Wer es dennoch tut, richtet Schaden an.

Das Zitat des deutschen Botschafters in Ankara wegen einer im NDR ausgestrahlten Satire auf den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist folgerichtig. Es ist die logische Konsequenz aus einer Entwicklung, die sich seit langem abzeichnet. Die zunehmend auf dem Weg zur Despotie befindliche Türkei vertraut bei ihrer restriktiven Politik auf bestimmte Impulse, die ihren Weg flankieren. Die immer deutlicher werdende und in krassen Ausmaßen stattfindende Gleichschaltung von Justiz und Presse gewinnt durch die jüngsten Avancen in der Frage der Flüchtlingspolitik nun auch eine verstärkt internationale Dimension. Der Ministerpräsident, der bereits vor langer Zeit sein Selbstverständnis zur Demokratie mit dem nicht dementierten Zitat enthüllte, die Demokratie sei für ihn wie eine Buslinie, die er benutze, um an sein Ziel zu kommen und einmal dort, brauche er sie nicht mehr, dieser Ministerpräsident macht nun ernst. Seine Ernsthaftigkeit bezieht sich auf die Selbstverständlichkeit der Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates.

Bei diesem anderen Staat handelt es sich um die Bundesrepublik Deutschland. Letztere ist in der misslichen Situation, Immigrationsbewegungen nach Deutschland und Zentraleuropa unbedingt stoppen zu wollen. Sie hat sich dabei auf die Strategie versteift, die Türkei, die im Syrienkonflikt aufgrund eigener Großmachtpläne und der Absicht, die Kurden im eigenen Land zu befrieden eine sehr dubiose Rolle spielt, in eine Allianz zu holen und ihr die Möglichkeit einer EU-Partnerschaft anzubieten. Da ihr letzteres in weitaus besseren Zeiten der eignen Rechtsstaatlichkeit wiederholt verwehrt worden war, dokumentierte diese Politik in aller Deutlichkeit, aus welcher Not die aktuelle Avance geboren war. Nun reagiert ein Machtpolitiker mit dem Gestus des Machtanspruchs. Das kann nicht verwundern.

Und es ist wie bei der Betrachtung einer alt bekannten Blaupause. Es geht um Ungeduld und Geschwindigkeit in der Politik. Realpolitik und eine sich daraus ableitende Diplomatie geht von den Verhältnissen aus, so wie sie sind. Um aus dem Geflecht, mit allen Widersprüchen und Hemmnissen, etwas Konstruktives zu weben, erfordert es Geduld und langen Atem. Da diese, aus verschiedenen Gründen, wovon einer die treibende Kraft der Demoskopie und ein anderer der Mangel an kommunizierten Vision ist, die nicht vorhanden zu sein scheint, werden schnelle Lösungen präferiert, die, betrachtet man es historisch, allesamt mit einer Eskalation der negativen Tendenzen endeten.

Die Beispiele sind Legion: Die Unterstützung Suhartos in Indonesien, die des Schahs im Iran, die Saddam Husseins im Irak, die der Taliban in Afghanistan, die des IS in Syrien, die Pinochets in Chile, die der Contras in Nicaragua – immer wieder wurde die Unlust, mit denen, die irgendwo in der Welt die Macht innehaben zu verhandeln ersetzt durch die schnelle Lösung, die zumeist in nicht von der Bevölkerung getragenen Alternativen bestand, die letztendlich die Lebensbedingungen in den betroffenen Ländern erheblich verschlechtert haben. Nun, wieder einmal, findet so etwas statt. Da mag die Spaltung Europas eine Rolle spielen, die die Zeit verknappt, aber das Bündnis mit der Türkei Erdogans wird diese Spaltung eher noch vergrößern.

Das Mantra der Organisationstheorie

Um das zu begreifen, was vor sich geht, wenn komplexe Faktoren in einem gemeinsamen System aktiv werden und auf ein bestimmtes Ergebnis hinwirken, wurden immer wieder große Anstrengungen unternommen. Letztendlich geht es darum, wie die soziale Ordnung derer ist, die in einem Ensemble ein Ziel verfolgen. Die Modelle, die zur Erklärung eines solchen Unterfangens bemüht werden, reichen von inspirierend bis notdürftig. Die Systemtheorie zum Beispiel gehört sicherlich zu den inspirierenderen, weil sie für sich eine Universalität, unabhängig von konkreten Kontexten, beanspruchen kann. Wohingegen das Mantra vieler, die sich mit Organisationstheorie beschäftigen, wie ein nicht mehr erhellendes Instrument der Sechziger Jahre erscheint. Dennoch ist es allenthalben en vogue, und kaum jemand traut sich zur Zeit, die Grundgedanken des Modells in Frage zu stellen.

Die vor allem im Arbeitsleben zelebrierte Organisationstheorie geht von drei Bestandteilen aus, die jeweils zu untersuchen sind: Produkte und Leistungen, Prozesse und Rollen. Es geht also um die sehr ordinäre Frage, was an Personal und welche Arbeitsabfolgen gebraucht werden, um eine bestimmte Leistung zu erbringen. Diese Perspektive ist die des Taylorismus und sie hatte hierzulande sicherlich ihren Höhepunkt während der Rationalisierung der Industrieprozesse in den Siebziger Jahren des letzten Jahrtausends. Seitdem hat sich sehr viel geändert, vor allem bei der Betrachtung von Prozessen und Menschen, nur die offizielle Sichtweise, die darüber entscheidet, von wem, wie und zu welchen Bedingungen gearbeitet wird, diese Sichtweise ist die alte geblieben und zu einer der größt vorstellbaren Produktivitätsbremsen geworden, die vorstellbar sind.

Das Mantra von Leistung, Prozess und Rolle geht, nimmt man es genau, bis hin in eine politisch untragbare Normierung. Das Vorgehen ist immer das gleiche: Es wird eine Handlung beschrieben wie sie idealtypisch vollzogen werden soll, daraus wird das Anforderungsprofil derer abgeleitet, die diese Handlung vollziehen sollen. Bei der Entscheidung darüber, wer dies ist, wird die tatsächliche Befähigung mit den Anforderungen abgeglichen und die Person, die dem am nächsten kommt, wird ausgewählt. Da eine Kongruenz zwischen Befähigung und Anforderung fast nie eintritt, befinden sich die Menschen, denen die Handlung zugetraut wird, immer im defizitären Bereich zur Anforderung. Diese Defizite zwischen Normierung und tatsächlichem Potenzial stellen den gesamten Handlungsraum dessen dar, was als Personalentwicklung gilt.

Allein der Aspekt der so genannten Rolle bietet also großes Potenzial, um sich über das zu unterhalten, was da schief läuft. Ein einfacher Hinweis sei gestattet und möge reichen, um auf die technokratische Anomaliät hinzuweisen, die diesem Denken zugrunde liegt: Alle großen Organisationen führen detailliert Buch über die oben beschriebenen Defizite zwischen Anforderung und Befähigung. Über die mit keinem normativen Bild abgeglichenen Fähigkeiten oder Potenziale wissen sie jedoch nichts. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, welcher Vorstellungswelt die Beschreibung der zugedachten Rollen entspricht. Es sind Organisatoren mit technokratischem Horizont, die das Idealtypische an humaner Wirkungskraft formulieren sollen.

Unabhängig von den völlig anderen, eher der Chaostheorie affinen Prozesse zeitgenössischer Arbeitsorganisation, auf die an anderer Stelle eingegangen werden muss, findet in deutschen Organisationen immer noch eine maskulin-zentraleuroäische Normierung statt, die weit von den Potenzialen abweicht, die sich mittlerweile hier im ungenutzten Raum bewegen. Besonders deutlich wird das werden bei der Integration der Immigrantinnen und Immigranten. Dann wird wieder die Rede davon sein, was sie alles tun müssen, um an das herrschende Mantra des Messen-Zählen-Wiegen heranzukommen. Was sie können und beherrschen jenseits dieses Mantras und was dadurch bereichern könnte, steht nach der gängigen Theorie nicht zur Debatte.