Die Produktivität von Krisen

Ressourcenökonomie beginnt in der Krise und Innovation beginnt in der Krise. Das vielleicht hierzulande am besten verständliche Beispiel sind die in Deutschland entwickelten und produzierten Verbrennungsmotoren. Weil das Land vor dem und während des II. Weltkrieges nur schwer Zugang zum Öl hatte, waren die Entwickler gezwungen, leistungsfähige Motoren mit geringem Treibstoffverbrauch zu entwickeln. Dieser Zwang war die Geburtsstunde der deutschen Automobilindustrie, wie sie sich auf dem Weltmarkt etablieren und Jahrzehnte lang halten konnte. Der Zwang verhalf zum großen Sprung, oder, wie der Volksmund so schön sagt, Not macht erfinderisch.
In vielerlei Hinsicht lassen sich Beispiele für diese These finden und es ist zu vermerken, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft eine Saturiertheit erreicht hat, die den Zustand der Verfügungsnot in vielen Prozessen gar nicht mehr kennt. Die These bedeutet zwar keine eindimensionale Kausalität, denn immer wieder wurden Erfindungen gemacht, die große technologische Weitsicht und kreative Produktivität verrieten, aber die Umsetzung von der Idee oder dem Pionierstück in die Serienpraxis gelang nicht. Die Liste des Scheiterns auf dem Weg von der Idee bis zur Realisierung ist sehr lang und sie reicht vom Telefaxgerät bis zum Transrapid. Entweder war die Vision zu schwach, oder die Bedenken waren zu groß oder Partikularinteressen dominierten. Die Gesellschaft diagnostiziert sich in solchen Fällen den eigenen Zustand wachsender Immobilität.
Auf der anderen Seite kann innovativer Geist nicht verordnet werden. Er entsteht nicht auf Befehl, sondern, und das scheint ein Axiom zu sein, in einer tatsächlichen oder gefühlten Krise. Die gravierendste Krise menschlicher Gesellschaften ist sicherlich der akute Kriegszustand. Ihm wohnt der teuflische Widerspruch inne, dass in ihm die zerstörerischen und inhumanen Kräfte überwiegen, aber auch, dass er eine Kreativität in praktischen Lösungen hervorbringt, wie es der Frieden nicht vermag. Menschen, die Kriege erlebt haben, finden sich anders zurecht, egal, in welcher Umgebung. Wenn es existenziell wird, gelten andere Regeln.
Theorien, die die Erkenntnis von der kreativen Produktivität von Kriegen als Grundlage nehmen, um neue kriegerische Handlungen zu postulieren, sind dennoch kriminell. Sie spielen, ohne dazu jemals autorisiert worden zu sein oder von wem auch immer autorisiert werden zu können mit der Existenz von Menschen. Das ist zynisch und pervers, es sei denn, es handelt sich um die eigene Existenz. Alles andere führt zur Diktatur.
Allerdings können die Erkenntnisse, die aus dem Umstand einer fundamentalen Existenzkrise geschöpft werden, auch in anderen Krisen zur Geltung kommen. Ob es sich um allgemeine Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder aber auch große Migrationsbewegungen handelt. In ihnen ist die Gesellschaft in starkem Maße gefragt und ihre eigene Überlebensfähigkeit kann daran abgelesen werden, ob sie in der Lage ist, nach Lösungen zu suchen und die betonierten Strukturen der Saturiertheit aufzulösen, um an Praxis und Geschwindigkeit zu gewinnen. Eine Gesellschaft, die der Auffassung ist, mit der Ankunft von einer Millionen Menschen genauso verfahren zu können wie mit der Einfuhr einer Millionen Schuhkartons, hätte einen Zustand der Handlungsunfähigkeit erreicht, der keine positive Prognose mehr zuließe. Eine Gesellschaft, die die Einfuhrbestimmungen Einfuhrbestimmungen sein ließe und sich fragte, wie die neuen Glieder schnell zu positiven Handlungsträgern würden, hätte die Aufgabe begriffen und zerschlüge schnell die Strukturen, die das verhinderten.
Eine sehr hohe Überlebenskompetenz steht momentan einer groß angelegten Sicherheit von Strukturen gegenüber. Kommt es zur Konfrontation wird es desaströs, doch welchen Charme hätte die Symbiose?

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