Gleich dem Franzosenkönig

Dass sich nicht nur in der Wahrnehmung von Politik etwas ändert, sondern tatsächliche Veränderungen größeren Ausmaßes vor den Gesellschaften Europas stehen, ist sicherlich keine gewagte These. Für die Länder im Osten Europas ist das sogar schon eher eine Beschreibung der jüngsten Vergangenheit, der Süden durchlebt einen drastischen Wandel seit Jahren und nur das Zentrum und der Westen haben sich, abgesehen von kräftigen wirtschaftlichen Veränderungen, politisch in einem relativ stabilen Zustand befunden. Damit scheint es jetzt vorbei zu sein. Die Ungleichzeitigkeit von Veränderungen ist übrigens eine Erklärung dafür, warum sich der Osten gegen die neuen, anstehenden Veränderungen zuweilen harsch abschottet, denn dramatischer als dort konnte sich der Begriff von Politik nicht wandeln als dort und dramatischer die Wirtschaft sich nicht ändern. Dass dort der Wunsch nach Stabilität nun teilweise radikale Züge trägt, sollte nicht verwundern.

Vor allem hier in Deutschland, mit einem Osten, der diese Entwicklungen, abgefedert durch das Modell Deutschland AG, durchlebt hat und einem Westen, der die Saturiertheit der föderalen Behaglichkeit in seinem Politikverständnis mit sich trägt, braut sich auf der einen Seite eine Ahnung von dem zusammen, was alles zur Disposition stehen könnte. Auf der anderen Seite suggerieren die Mächtigen der wabernden Masse eine Beständigkeit, an die viele tatsächlich auch glauben wollen. Die wird es mit Sicherheit nicht mehr geben.

Nicht, dass es darum ginge, Ängste schüren zu wollen. Aber es geht darum, den Realitäten ins Auge zu sehen und sich nichts vormachen zu dürfen. Im Grunde geht es um zwei Konstanten von Politik, die nicht mehr greifen werden und die einen inneren Zusammenhang zu den Verhältnissen haben, die der Politik zugrunde liegen. Die erste Feststellung ist die, dass sich globale Entwicklungen sehr schnell als Bewegungen im eigenen Territorium abspielen und die zweite ist die, dass die gegenwärtige Doktrin des Wirtschaftsliberalismus mit verantwortlich ist für die Verheerungen, die woanders bereits wirken und deren Wirkung hier noch kommen wird. Das strahlende Ideal dieser Doktrin begründet viele Kriege mit der Maxime auf unbegrenzten Ressourcenzugriff und sie ist Garant für die Verarmung der großen Masse zugunsten derer, die sich jeder gesellschaftlichen Solidarität und dem Fiskus entziehen.

Die Androhung, dass sich das Wesen von Politik dramatisch ändern könnte, muss nicht Furcht einflößen. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um eine Chance, den destruktiven Kräften den Kampf anzusagen. Denn es hilft kein Lamento über die Entwicklung, seien es Flüchtlingszahlen, vor denen der Respekt immer größer wird, sei es das Abfallen in Armut, das immer mehr Menschen betrifft oder sei es die Vergiftung der Umwelt, die nicht nachlässt, ohne das Verursacherprinzip zu thematisieren. In diesem Kontext erweist sich konkret die Politik der Bundesrepublik als ein System der Kollaboration mit den beschriebenen Kräften. Das ist die Grundlage. Auf dieser Erkenntnis müssen die anstehenden Veränderungen fußen.

Es ist interessant, zu beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in diesem Augenblick in einer gänzlich anderen Dimension spaltet. Das ist der Teil, der sich an dem Wunsch nach Konstanz und Abgeschottetheit berauscht und hofft, dass alles so bleibt, wie es ist. Und es existiert der Teil, der sich sehr engagiert mit den anstehenden Veränderungen auseinandersetzt. Bei denen, die das alles nicht wahrhaben wollen, nimmt das Nicht-Wahrnehmen bereits groteske Züge an. Es erinnert fast an den letzten König der Franzosen, der am Tag, als die Bastille gestürmt wurde auf die Jagd ging und abends in sein Tagebuch schrieb: Drei Hasen und ein Fasan.

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Offener Brief an die britischen Freunde

Liebe britische Freunde,

wenn Ihr im Sommer über den Brexit entscheidet, dann geschieht dies aus einer Stimmung der Verärgerung und Resignation über die Entwicklung der Europäischen Union heraus. Es stimmt: die EU ist in keiner guten Verfassung. Sie wird ihrem eigenen Anspruch, den sie im Jahr 2000 in der Lissabon-Strategie formuliert hat, nicht gerecht. Sie wollte „ein Vorbild für den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fortschritt in der Welt sein“. 16 Jahre später ist die Bilanz niederschmetternd.

Die Gesamtverschuldung der Mitgliedsstaaten der EU war noch nie so hoch, das Wachstum lahmt und die Arbeitslosigkeit im Süden Europas ist besorgniserregend. Die Reaktion der Funktionäre auf diese Entwicklung ist noch mehr Zentralismus, noch mehr Planwirtschaft und noch mehr Gängelung des Einzelnen. Offensichtlich wird diese Entwicklung bei der Euro- und Flüchtlingskrise. Der Ursprung beider Krisen ist der gleiche. Die EU ist keine Rechtsgemeinschaft. Europäische Verträge sind Schönwetter-Recht. Bei Wind und Wetter werden sie gebrochen, geschleift und umgedeutet.

Zentralplanerische Projekte nahmen historisch sehr oft diese Entwicklung. Die Mitgliedsstaaten in Osteuropa können ein Lied davon singen, aber auch Großbritannien selbst ging diesen Weg vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der 1970er Jahre. Erst die Eiserne Lady Thatcher beendete dieses sozialistische Experiment. Thatchers Weg war steinig und hart, aber erfolgreich.

Es ist sicherlich so, dass das, was Premierminister Cameron beim Europäischen Rat verhandelt hat, im Ergebnis sehr bescheiden ist. Ja, Ihr könnt in den nächsten Jahren EU-Ausländer von Sozialleistungen ausschließen. Okay, auch die Aufsicht über Eure Banken und Versicherungen könnt ihr behalten. Und ihr bekräftigt nochmals, dass Ihr NIE, NIE, NIE den Euro einführen werdet. Ja, Cameron ging in die Verhandlungen wie ein adrenalingeschwängerter Boxer und kam mit zwei blauen Augen aus dem nächtlichen Fight. Und als er nach Hause kam, verpasste ihm sein Parteifreund Boris Johnson noch einen Leberhaken obendrauf. Das tat weh.

Vielleicht hätte er den anderen Regierungschefs, wie einst Maggy Thatcher bei anderer Gelegenheit, Hayeks „Verfassung der Freiheit“ auf den Tisch knallen und sagen sollen: „This is what we believe“ und anschließend vorübergehend den Verhandlungstisch verlassen müssen. Vielleicht hätte er zuvor in der EU Allianzen für eine grundlegende Überarbeitung der Verträge schließen müssen. Vielleicht wären die osteuropäischen Staaten dafür Verbündete gewesen, vielleicht sogar auch Deutschland, die Niederlande oder die skandinavischen Staaten. Doch schon ein gewisser Peer Steinbrück sagte einmal: „Hätte, hätte, hätte Fahrradkette“.

Klar ist: entscheidet Ihr Euch für den Brexit, dann überlasst Ihr weite Teile Europas dem Zentralismus, der Planwirtschaft und dem Paternalismus. Bei aller Distanz zum Festland ist die Tradition Großbritanniens eine andere. Großbritannien hat über Jahrhunderte den Rest Europas immer wieder befruchtet und inspiriert.

Großbritannien steht nicht nur für die große Rechtstradition der Magna Charta und der Bill of Rights, die die Herrschaft des Rechts über die der Herrschenden stellte. Aus Großbritannien stammen bedeutende Vordenker der Freiheit wie John Locke, David Hume oder Adam Ferguson. Wahrscheinlich gibt es wenig so eindrucksvolle literarische Monumente über die Freiheit wie John Stuart Mills „On Liberty“. Und in Großbritannien wurde Bahnbrechendes über Marktwirtschaft und Freihandel formuliert. Männern wie Adam Smith und David Ricardo stehen für diese große Tradition.

Als Adam Smith sein Buch „Der Wohlstand der Nationen“ 1776 veröffentlichte und energisch für den Freihandel eintrat, hat keiner, nicht einmal Smith selbst, daran geglaubt, dass die Zeit des Merkantilismus in absehbarer Zeit zu Ende gehen würde. Und dennoch verbreite sich rund 70 Jahre später, aus England kommend, eine Freihandelsbewegung in Europa und in der Welt, die heute noch Grundlage für unser aller Wohlstand ist. Richard Cobden und John Bright haben den ganzen Kontinent inspiriert.

Liebe britische Freude,

lassen Sie den Rest in Europa nicht im Stich. Inspirieren Sie, provozieren Sie und verändern Sie Europa weiterhin. Der Rückzug wäre ein falsches Signal und würde die Europäische Union noch stärker den Zentralstaatlern und Geldausgebern überlassen. Das würde letztlich auch Großbritannien schaden. Denn ein Rest-Europa, das noch weiter zurückfällt, weil es nicht auf Marktwirtschaft, Recht und Freiheit setzt, schadet mittelbar auch Großbritannien. Es würde innerhalb der EU zu einer Achsenverschiebung in Richtung Südeuropa führen. Länder mit einer noch einigermaßen ausgeprägten marktwirtschaftlichen Ausrichtung wie die baltischen Staaten, die Niederlande und abgeschwächt auch Deutschland, würden weiter an den Rand gedrängt. Länder mit einer zentralistischen Tradition wie Frankreich und Netto-Profiteure wie Italien und Spanien würden in Verbindung mit der Bürokratie in Brüssel noch stärker den Kurs bestimmen. Einen Kurs, dem Sie mittelbar auch auf ökonomischer wie regulatorischer Ebene ausgeliefert wären – und zwar ohne, dass Sie noch echten Einfluss ausübern könnten. Das wäre fatal.
Liebe britische Freunde,

stimmen Sie für den Verbleib in der EU. Überlassen Sie den Rest Europas nicht den Planern und Technokraten, sondern sorgen Sie mit anderen Freunden der Freiheit für Veränderungen. Um es mit dem Deutsch-Briten Lord Dahrendorf zu sagen: „Europa muss Rechtsstaat und Demokratie verkörpern, pflegen und garantieren: sonst ist es der Mühe nicht wert.“

Erstmals erschienen auf Tichys Einblick.

Woher kommt der Hass?

Wer sich dem kommunikativen Grundrauschen dieser Tage aussetzt, der bekommt zwei Begriffe immer wieder zu hören. Es sind Wut und Hass. Etwas abgesetzt in der Rangliste, aber nicht weit davon entfernt ist es die Lüge. Sowohl Wut als auch Hass sind Begriffe, die einer extrem negativen Emotion zugesprochen werden müssen, die sich in der Regel negativ entlädt. Von denen, die sich zum Teil selbst mit einer der beiden Begrifflichkeiten charakterisieren, wird oft die Lüge in einen kausalen Zusammenhang zu ihrem jetzigen Gemütszustand gebracht. Interessant bei dem Bekenntnis zu den die hohe Emotion beschreibenden Begriffe ist die Tatsache, dass die Wut dem Bürgertum vorbehalten zu sein scheint, während der Hass, dem etwas Primitiveres anhaftet, folglich für die Unterschichten reserviert ist. Es könnte gefolgert werden, dass selbst in den Zeiten der Rage die Klassengesellschaft vor den armen Menschenkindern nicht halt macht.

Nur die Lüge, wo sie auch immer zu verorten ist, für Massenzustände bestimmter Bevölkerungsteile verantwortlich machen zu wollen, greift dann doch etwas kurz. Trotz vieler Dissonanzen sei hier auf das längst verblichene Buch Sloterdijks Zorn und Zeit verwiesen, in dem er treffend darauf verwies, dass sich Gesellschaften mit einem Elefantengedächtnis regelrechte Depots anlegten, in denen der Zorn über jede Schmähung akkumuliert werde. Dieser These folgend, ist der immense Hass und die große Wut, die momentan die Gesellschaft prägt, nicht das Ergebnis irrationaler Kurzschlüsse von ungebildeten Proletariern oder wohlstandsverwahrloster Bürger, sondern eine logische Folge einer langen, komplizierten historischen Entwicklung.

Es wäre anmaßend, diese historische Kausalität hier, in wenigen Worten auch noch erklären zu wollen. Aber es wäre ein Versuch, aus der täglichen, grausigen und zu nichts führenden Konfrontation über die aktuellen Gemütszustände etwas machen zu können, das dieser Gesellschaft weiterhilft. Eine Prämisse dafür ist die Feststellung, dass wir es weder im einen wie im anderen Fall, und hier soll weder der Wutbürger noch der johlende Mob in seiner destruktiven Wirkung unterschätzt werden, mit einer rein personifizierten Erscheinung des Irrsinns zu tun haben. Und auch, dass die Lüge, auch hier einmal ein aktuelles Wort Sloterdijks, deren Äther nie so dicht war wie heute, nur den Versuch darstellt, aus einem bereits existierenden ein noch größeres Dilemma zu machen. Und es ist hilfreich, dass in anderen europäischen Gesellschaften Ähnliches geschieht. Die Angst geht um auf diesem Kontinent, und es sind nicht nur die aktuellen Tagesereignisse, die sie speisen. Es liegt tiefer, und auf diese Gründe muss der gesellschaftliche Diskurs stoßen.

Und, by the way, es gibt historische Ursachen für die vollen Zorndepots, daran herrscht kein Zweifel, aber es gibt keinen Grund für die Verrohung der Sitten, für die ständigen Attacken gegen die Zivilisation. Da spricht vieles dafür, die Dinge persönlich zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Respekt vor dem Individuum wie vor den Gütern der Gesellschaft darf bei aller Schmach über das eigene Schicksal nie zur Disposition stehen. Wer das als Nichtigkeit in den Wind schlägt, muss sich darüber bewusst sein, Bestandteil des Problems und nicht der Lösung zu sein. Die Regeln für die Kommunikation stehen, so wie sie immer gestanden haben. Sie sind schlicht, sehr schlicht. Respekt vor dem Gegenüber, Zuhören, auf die Argumente eingehen. Es ist die Grundlage nicht der heutigen, sondern menschlicher Kommunikation generell. Wut und Hass sind die Säure, die sich in ihr Fundament frisst.

Deutschland und der Fremdenhass

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen
Der Hass auf Fremde ist in Deutschland wieder salonfähig, die Aggressiven bestimmen die Schlagzeilen. Es wird Zeit, ihnen entgegenzutreten.
Ich habe nicht geglaubt, dass die Zeit für solche Warnungen noch mal kommen würde, für das „Wehret den Anfängen“, das „Nie wieder“ oder die Aufforderung, „Haltung“ zu zeigen. Wer in meiner Generation (Jahrgang 1975) groß wurde, hat solche Sprüche von engagierten Lehrern im Geschichtsunterricht gehört. Sie klangen ein wenig aus der Zeit gefallen, zu pathetisch, ja hysterisch. Sie klangen auch furchtbar uncool.
Viele von uns hatten sich im Bett des Unpolitischen bequem gemacht. Wer brauchte schon eine Haltung, wenn das Leben auch ohne behaglich war? Über Politik ließ sich gut unter ästhetischen Gesichtspunkten plaudern, aber bitte nicht allzu inhaltlich.
Gesellschaftliches Engagement, von dem die 68er eher zu viel hatten, war völlig aus der Mode gekommen. Wie das schon klang! Und wie viel Zeit so ein Engagement frisst! Zeit, in der sich Geld verdienen und Unterhaltungselektronik konsumieren ließ. In der man den Hund versorgen und den nächsten Urlaub planen konnte.
Diese deutsche Lethargie hat die deutsche Band Tocotronic in ihrem Lied „Die neue Seltsamkeit“ wunderbar treffend besungen:
„Und ich liege im Bett, und ich muss gestehen
Ich habe große Lust, mich nochmal umzudrehen
Draußen, wo sich die Nacht mit dem Tageslicht mischt
Scheint etwas vor sich zu gehen, das auch mich betrifft.“
Vermutlich waren die meisten Deutschen nicht darauf gefasst, zu Lebzeiten noch einmal mit so viel Ernsthaftigkeit konfrontiert zu werden, die auch sie betrifft.
Die Geschichte hat gezeigt, dass man im Vorhinein nie genau weiß, ab wann die Warnungen zu spät sind. Es soll jedenfalls niemand mehr sagen, man habe die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt, vor allem wir Deutsche nicht. Wir, die weit nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, haben Gutes und Grausames geerbt. Für das Gute dürfen wir dankbar sein. Dafür, dass sich das Grausame nicht wiederholt, sind wir verantwortlich. Es gibt kein Ende der Geschichte.
Wir sind glücklicherweise noch weit entfernt von einer Situation, wie es sie zu Beginn der 1930er Jahre gab. Aber es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Nazis nicht deshalb an die Macht kamen, weil eine überwältigende Mehrheit der Deutschen ihnen zujubelte. Sondern weil eine unpolitische oder resignierte Mehrheit es zuließ, dass die Lauten und Aggressiven den Diskurs bestimmten. Diese nämlich hatten eine klare Haltung, das war ihr Vorteil.
Schweigen der Vielen, Brandsätze der Wenigen
Die meisten Deutschen sind auch heute weder fremdenfeindlich noch rassistisch. Sie würden niemals einen Bus aufhalten und verängstigte Flüchtlinge beschimpfen. Aber es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Schweigen der Vielen und den Brandsätzen der Wenigen. Kaum jemand würde heutzutage Flüchtlingsunterkünfte in Brand stecken, wenn er nicht die stille Zustimmung Millionen anderer spüren würde. Wenn er nicht um die Gleichgültigkeit von noch mehr Millionen wüsste.
Wer Deutschland mag, sollte jetzt die Lethargie ablegen und aus dem Bett steigen. Sonst bestimmen jene, die die Nation für ihren Hass missbrauchen, das Klima und das Antlitz unserer Landes. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht angeboren. Sie sind auch nicht die logische Folge von Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Man kann seine Probleme mit dem Kurs der Kanzlerin haben und trotzdem gegen Stigmatisierung, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit eintreten.
Wir müssen, erstens, die oft prekären Lebensverhältnisse jener ändern, die sich schon vor der Ankunft der Flüchtlinge vergessen fühlten. Die wenigsten kommen als Rassisten auf die Welt, oft sind es die Umstände, die sie prägen. Obwohl wir eine der reichsten Nationen der Welt sind, haben wir es zugelassen, dass Millionen Menschen die Perspektive auf ein besseres, erfülltes Leben fehlt. Nicht nur im Osten.
Dabei lassen sich Perspektiven schaffen, mit dem nötigen Willen und mit Geld. Geld für Bildung, für bessere Berufsqualifizierung, in manchen Fällen auch für höhere Hartz IV-Sätze. Dazu bräuchte es Entscheidungen der Politik und den Konsens der Gesellschaft.
Es wäre gut investiertes Geld. Denn wer mit seinem Leben zufrieden ist, wer frei von ökonomischen Ängsten lebt, muss sich nicht an etwas so Haltloses wie die deutsche Nation klammern.
Und dann dürfen wir, zweitens, nicht schweigen. Wir müssen den Rassisten und Demokratieverächtern entgegen treten. In der Freizeit, bei der Arbeit, in den sozialen Netzwerken, auf der Straße bei Demonstrationen. In Zeiten wie diesen ist selbst beim familiären Sonntagskaffee Zivilcourage gefragt. Wenn der Onkel plötzlich vom drohenden Untergang der deutschen Nation faselt, darf man nicht den Mund halten. Auch wenn das die vermeintliche Idylle zerstört, und auch wenn die Tante darum bittet, dass man sich doch bitte nicht über Politik unterhalten möge. Über was soll man sich dieser Tage bitte sonst unterhalten?
Wir können es uns nicht länger leisten, keine Haltung zu haben. Wer jetzt Biedermeier bleibt, also unbeteiligt und rein mit sich selbst beschäftigt, darf sich nicht beklagen, wenn das Land, in dem er lebt, irgendwann nicht mehr sein Land ist. In Zeiten wie diesen sind die coolsten Eigenschaften Engagement und Zivilcourage. Alles andere ist gefährlich.

Ukraine beschwert sich in Polen

Die Ukraine beschwert sich über die Ausstrahlung eines Dokumentarfilms im polnischen Fernsehen.

Die ukrainische Botschaft in Polen hat sich enttäuscht über die Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Masken der Revolution“ des französischen Regisseurs Paul Moreira gezeigt. Der Film zeigt die Geschehnisse bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew im Februar 2014. Das Vorhaben des polnischen TV-Senders TVN24 den Film zu zeigen, bezeichnet die Botschaft als eine „unfreundliche Geste.“

„Am schmerzhaftesten ist es, dass die Sendung beim polnischen TV-Sender mit dem zweiten Jahrestag der „Revolution der Würde“zusammenfällt“, so die ukrainische Botschaft in Polen auf ihrer offiziellen Facebook-Seite.

Die Ukraine hatte zuvor schon den französischen TV-Sender Canal + aufgefordert den Film nicht zu senden, da er angeblich die tatsächlichen Ereignisse verzerrt. Allerdings haben die Franzosen die Aufforderung ignoriert und der Film wurde am 2. Februar gezeigt.

In seinem Dokumentarfilm versucht der französische Journalist und Filmemacher Paul Moreira einen Einblick in die Tragödie im Gewerkschaftshaus in Odessa, die Rolle der Vereinigten Staaten bei der von westlichen Staaten inszenierten Revolution und die Entwicklung in der Ukraine darzustellen. Bei den Dreharbeiten traf er mit Vertretern der ukrainischen Nazis und Para-Bataillone des Regiments Asow und Rechter Sektor zusammen.
Hier der Film untertitelt auf Youtube

Loner

Es gibt sie wirklich und wahrscheinlich existieren mehr davon, als allgemein angenommen. Sie führen ihr Leben relativ unbeeindruckt von den Ereignissen um sie herum. Im Deutschen werden sie nicht ganz treffend Einzelgänger genannt, im Englischen existiert der Begriff des Loners, der der Sache sehr nahe kommt, aber wiederum schlecht ins Deutsche übersetzt wird. Da kommt dann nämlich wieder ein Einzelgänger, oder noch schlimmer, ein Eigenbrötler an. Dabei ist der Begriff Loner so schön.

Loner sind Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihre eigene Agenda haben, denen sie folgen. Nicht, dass sie dadurch dissoziativ, d.h. auf Kosten oder gegen das soziale Umfeld wirken würden. Sie respektieren in der Regel die sozialen Verhältnisse, in denen sie sich bewegen, ohne großes Tamtam. Dabei betreiben sie ein Gewerbe, das wiederum im Deutschen sehr schön beschrieben wird: Sie machen ihr Ding. Die Umschreibung wird in der Regel erst dann benutzt, wenn Beobachter nach einem wirklich langen Zeitraum so etwas identifizieren können. Ad hoc, d.h. im Alltag, fallen diejenigen, die ihr Ding machen, gar nicht so auf. Sie passen in jedes soziale Netzwerk, manchmal sogar an herausgehobener Stelle und niemand würde damit rechnen, es mit einem Loner zu tun zu haben.

Der Punkt ist, dass diese Menschen immer zu wissen scheinen, was sie wollen und tun müssen, um dorthin zu gelangen, wohin sie wollen. Alles, was sie tun, erscheint ihnen daher selbst als ein sehr logischer und folgerichtiger Schritt und setzt das eigene Handeln in ein Licht der klaren Logik, wodurch sie selbst ein hohes Maß an Vertrauen und Selbstvertrauen ableiten. Ihre innere Sicherheit, die daraus resultiert, verleiht ihnen in der sozialen Formation, in der sie sich bewegen, den Schein des Normalen. Etwas, das unaufgeregt wirkt, erweckt Ruhe und Vertrauen. Daher werden Loner in der Regel nicht als Störfaktoren erlebt.

Auch die Selbstwahrnehmung der Loner ist geprägt von der Sicherheit, die vermittelt wird durch das Ziel, dem sie folgen. Das Interessante des Loners ist die Tatsache, dass es kein Metier gibt, wo er oder sie nicht vertreten wäre. Eigenartigerweise existiert dieser Archetypus gleichsam in der Hand- wie in der Kopfarbeit, in kreativen Bereichen ebenso wie in sehr gegenständlichen. Ein Loner kann der Schriftstellerei oder dem Malen ebenso verfallen sein wie der Schuhmacherei, dem Kochen oder dem Schreinern. Loner machen ihr Ding, und indem sie es tun, beweisen sie ihre Unabhängigkeit. Sie gehen durchs Leben als beschritten sie ihre Bahnen und als beschriebe ein Kant, warum das gesetzmäßig so sein müsse.

Die Fehlerhaftigkeit in der Bezeichnung ihres Wesens resultiert aus der Tatsache, dass diejenigen, die nicht dazugehören, das Phänomen aber beschreiben möchten, fälschlicherweise von ihrer eigenen Gemütslage ausgehen, wenn sie diejenigen, die meistens allein agieren, beschreiben sollen. Das Herdentier leidet wie ein Hund, wenn das Rudel abhandenkommt. Folglich muss es sich um einsame Wölfe bei denen handeln, die das Alleinsein und das Einsame zu genießen scheinen. Der Loner als Bezeichnung ist der einzige Begriff, der es zulässt, die individualisierte Existenz ohne das Implikat des Leidens oder der Unfähigkeit in der Gemeinschaft zu leben als eine Lebensform zu beschreiben, die als Zustand der Produktivität und der Bestimmung genossen werden kann.

Oft spürt übrigens die Gemeinschaft erst, was sie an Lonern hat, wenn einer von ihnen geht. Und sollten sich einmal zwei Loner treffen und zueinander passen, dann wäre auch ein Kant mit seinem Vokabular am Ende.

Jugoslawien, Opfer strategischer Pläne?

heuteRamon Schack64
„Der Staat Jugoslawien stand dem strategischen Entwurf der USA im Wege“

Ex-CIA-Agent Robert Baer über die Strategien der CIA während des Jugoslawien-Krieges

Robert Baer hat 20 Jahre lang für den US-Geheimdienst CIA gearbeitet und war für diesen in Ländern wie dem Libanon, dem Irak, in Tadschikistan, in Marokko und im ehemaligen Jugoslawien tätig. 1997 verließ er den Geheimdienst und berichtete seitdem in Büchern und als Autor in Zeitungen über die US-Außenpolitik, Spionage und die Arbeit der Geheimdienste, die er zunehmend kritisch betrachtete. Er schilderte den Niedergang der CIA, die seiner Ansicht nach falsche Haltung gegenüber Saudi-Arabien und dem Iran. In dem Buch „Secrets of the White House“, das demnächst erscheinen soll, geht es darum, welche Interessen die USA in Ex-Jugoslawien bis hin zum Kosovo-Krieg verfolgten.

In Ihrem neuen Buch „Secrets of the White House“ werfen Sie dem CIA vor, den Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren massiv unterstützt zu haben. Was war das strategische Ziel des US-Geheimdienstes, diesen Staatszerfall zu beschleunigen, der zu Krieg und Bürgerkrieg führte und hunderttausende Opfer forderte?
Robert Baer: Das Ziel war es, den Staat Jugoslawien als geopolitischen Machtfaktor auszuschalten. Versetzen wir uns einmal in jene Zeit zurück, vor rund einem Vierteljahrhundert. Die Sowjetunion zerbrach, ebenso die Tschechoslowakei, Deutschland wurde vereinigt, der Warschauer Pakt löste sich auf, die geopolitische Landschaft, welche nach dem 2. Weltkrieg entstanden war, hatte über Nacht aufgehört zu existieren.

In Washington hatte man damals das Ziel, gemäß der Fehlanalysen Fukuyamas, die Chancen zu nutzen, um dauerhaft westliche Vorstellungen von der Welt nicht nur in Europa zu installieren, also der ganz große Abwasch, um zukünftig das Entstehen eines gegnerischen Machtfaktors, wie es die UdSSR einst war, dauerhaft zu verhindern.

Und was hat das mit Jugoslawien zu tun?
Robert Baer: Der Staat Jugoslawien stand diesem strategischen Entwurf im Wege. Immerhin war es ein Staat mit einigem Gewicht und einigem Prestige, sowie mit einer der stärksten Armeen Europas.
Das zerstörte Sarajewo im März 1996. Bild: DoD
Das zerstörte Sarajewo im März 1996. Bild: DoD

Klingt das nicht etwas nach einer antiamerikanischen Verschwörungstheorie?
Robert Baer: Nicht wenn man selbst dabei war so wie ich seit Januar 1991, als ich in Bosnien eintraf, im Auftrag der CIA.

Was war Ihr damaliges Aufgabengebiet?
Robert Baer: Wir hatten die Aufgabe, eine angebliche serbische Terrorzelle zu überwachen, gegebenenfalls auszuschalten, die das Ziel hatte, die bosnischen Pläne zur Unabhängigkeit zu sabotieren.

Wieso sagen Sie „angebliche Terrorzelle“?
Robert Baer: Nun, weil es diese Gruppierung,“Surpreme Serbia“ wurde sie übrigens genannt, überhaupt nicht gab. Unsere Anwesenheit vor Ort diente nur dazu, die politische Klasse Bosniens zu verunsichern und deren Weg zur Unabhängigkeit zu beschleunigen. Nach 2 Wochen wurde die Aktion abgeblasen, ich selbst wurde dann nach Slowenien mit dem Ziel versetzt, dort die Entwicklung zur Unabhängigkeit voranzutreiben.

1991 mündete der Zerfallsprozess in einen offenem Krieg, der viele Jahre andauern sollte. Kamen Ihnen persönlich damals Zweifel, was die moralische Rechtfertigung anging?
Robert Baer: Zweifel hat jeder Agent. Aber die Tätigkeit als Mitarbeiter eines der führenden Geheimdienste der Welt eignet sich nicht besonders gut dazu, moralische Reflexionen anzustellen. Je mehr wir aber über die Geschichte Jugoslawiens erfuhren, umso größer wurden die Zweifel. Besonders die Tatsache, Serbien alleine als den größten Kriegsverbrecher sowohl im historischen Kontext, wie auch in dem aktuellen Krieg von damals darzustellen, entsprach nie den Realitäten.

„Wir schmierten Politiker und Generäle, Publizisten und Polizisten“

Welche Rolle spielte Geld, bei diesen Operationen?
Robert Baer: Eine ausschlaggebende Rolle. Wir schmierten Politiker und Generäle, Publizisten und Polizisten.

Welche?
Robert Baer: Die führenden Politiker der damaligen Teilrepubliken zum Beispiel.

Kommen wir auf die Situation im Kosovo zu sprechen. Gehen Sie davon aus, dass mit der Abspaltung Kosovos von Serbien der Zerfallsprozess Jugoslawiens beendet ist?
Robert Baer: Das hängt davon ab, wie sich die innenpolitische Lage Kosovos entwickelt. Der Zerfallsprozess, von dem Sie sprachen, also im klassischen Sinne, ist sicherlich vorbei. Mich würde es aber nicht wundern, wenn die Albaner bald auch albanische Gebiete in den Nachbarstaaten beanspruchen würden, also in Serbien und Mazedonien.

Der damalige deutsche Außenminister Fischer sprach von einem drohenden Ausschwitz, womit er die westliche Intervention damals moralisch zu rechtfertigen gedachte.
Robert Baer: Als deutscher Politiker hätte er eigentlich über ein gewisses historisches Gespür verfügen sollen bezüglich solcher unsachlichen Vergleiche. Es gab zwei strategische Gründe für ein unabhängiges Kosovo. Wegen der mineralischen und natürlichen Ressourcen und natürlich wegen der geplanten Errichtung von Bondsteel, dem Militärstützpunkt, mitten im Herzen Südost-Europas.

Viele Kosovaren sind aber heute noch dankbar für die westliche Intervention von damals.
Robert Baer: Ich würde eher behaupten, sie waren es. Denn bis heute hat sich die ökonomische Lage nicht verbessert. Die Menschen fliehen doch aus dem Land. Der Staat ist nicht lebensfähig.

Ich möchte kurz über Ihre Motivation sprechen, was Ihre publizistische Arbeit angeht, seitdem Sie aus dem CIA ausgeschieden sind. Möchten Sie das Ansehen der USA beschädigen?
Robert Baer: Im Gegenteil, ich bin ein amerikanischer Patriot, der sich Sorgen macht über diese desaströse Politik der letzten Jahrzehnte, speziell seit dem Ende des Kalten Krieges, die das Ansehen der USA weltweit sinken lassen.

Gehen Sie davon aus, dass auch bei anderen geopolitischen Krisen der jüngsten Zeit ähnliche Maßnahmen zur Anwendung kamen?
Robert Baer: Mit Sicherheit. Allerdings möchte ich betonen, dass natürlich andere Mächte ähnliche Praktiken verwenden, je nach den jeweiligen Möglichkeiten.