Ein etwas anderer Vorsatz zum neuen Jahr

Eine Liste mit politischen Wünschen für das neue Jahr ließe sich schnell aufstellen. Sehr vieles von dem, was anders laufen sollte, ist längst identifiziert. So ginge es darum, genau zu prüfen, mit wem man Allianzen einginge, sorgfältig zu erwägen, in welchen Situationen international eskaliert wird, genau hinzuschauen, was an eigenen Taten woanders bewirkt wird. Es ginge um die Abschaffung des für die Politik bindenden Dogmas des Wirtschaftsliberalismus á la IMF und des hiesigen Finanzministers und es ginge darum, der Armut im eigenen Land den Kampf anzusagen, in dem die Besteuerung derjenigen, die an dem Expansionsdesaster verdienen, vorgenommen und eine vernünftige soziale und kulturelle Infrastruktur ausgebaut wird. Das Problem bei der Formulierung von Wünschen an die Politik ist zumeist die mangelnde Kraft, es zu realisieren. Wäre alles so offensichtlich und klar, dann gäbe es auch Mehrheiten, die dafür sorgten, dass diese Wünsche realisiert würden. Die existieren aber nicht.

Jenseits des großen Planes und der Makrobetrachtungen existiert noch die persönliche Seite des Lebens. Leider wird das oft vergessen, manchmal auch aus Kalkül. Und es soll im Kontext eines neuen Jahres nicht über die Frage diskutiert werden, was jeder Einzelne sich vornimmt im Sinne einer Selbstzüchtigung. Das ist im Zeitalter des Konsumismus zuweilen verständlich, aber es führt in der Regel in die Irre. Denn kaum eine Form der Völlerei und des Abusus schädigt das Leben derart, wie so manch reale Form der fremd bestimmten Arbeit. Nur letztere ist bei allen frommen Wünschen zum neuen Jahr nie Zentrum der Betrachtung. Das machte Sinn, alles andere ist eine leere Reflexion, die genau deshalb zumeist nach wenigen Tagen oder Wochen als der so genannte gute Vorsatz folgenlos ad acta gelegt wird.

Aber, um bei der direkten Umsetzbarkeit von Persönlichen zu bleiben, das doch eine politische Wirkung haben kann: Es wird einen Effekt haben, die eigene Authentizität zu erhöhen. Das heißt im Konkreten, von dem, was das Einnehmen und Ausfüllen einer Rolle anbetrifft, sich mehr zugunsten der eigenen Persönlichkeit mit eigenen, anderen politischen Vorstellungen vom Leben zu bewegen. Das große Spiel mit den Rollen, deren Konsequenz jeder kennt und auf die jeder verweist, verliert an Charakter, je mehr sich jedes einzelne Individuum zum echten Leben bekennt und vom Spiel der Rollen lossagt. Mehr Authentizität bedeutet, sich weniger an die Regeln des Spiels als mehr an die eigenen Interessen zu halten und somit einen Bruch in der Regie bewirken zu können. Mehr Authentizität ist ein Ziel, das leicht zu erreichen ist, wenn auf das eigene Innere gehört wird und die Schimären des herrschaftlichen Über-Ichs in den Hintergrund gedrängt werden. Mehr Authentizität ist Subversion.

Etwas, was unter dieser Forderung leiden wird, ist das, was im allgemeinen Sprachgebrauch Diplomatie genannt wird. Es ist das vorsichtige Austarieren der gerade geltenden Regeln, es ist das Austarieren der sich im Spiel befindlichen Mächte und es ist das Austarieren der eigenen Möglichkeiten bei Berücksichtigung der Umstände. Also etwas, was der Bundesregierung so oft zu raten wäre, um das sie sich aber nicht schert, obwohl sie den ausdrücklichen Auftrag hat, sich diplomatisch gegenüber Dritten zu verhalten. Tut sie aber nicht. Sollten wir ihr gegenüber auch nicht mehr. Diplomatie ist nicht das Genre, mit dem Verhältnisse aufgebrochen werden. Genau das ist aber dringender erforderlich als zuvor. Jede einzelne Persönlichkeit kann dazu beitragen, indem sie sich zu sich selbst bekannt.

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