IS: Nächstes Hauptquartier in Libyen

Thomas Pany

Raqqa muss fallen, fordert die französische Regierung. Und Sirte? In Libyen sträubt sich alles gegen Lösungen

Ob die libysche Stadt Sirte zum zweiten Raqqa wird, ist erstmal nur eine alarmierende Behauptung, die sich ihrer Resonanz sicher sein kann. Sirte hat einen Mittelmeerhafen und Europa ist nicht weit. Die Behauptung stammt von Propagandisten des IS selbst: Sie würde wie ein Mantra in Radiosendungen und Predigten wiederholt, berichtet das Wall Street Journal.

Als bloße Propaganda lässt es sich aber auch nicht abtun. Laut libyschem Geheimdienst, so die Informationen der beiden WSJ-Reporter Tamer El-Ghobashy und Hassan Morajea, habe der „Islamische Staat“ Rekruten dazu aufgerufen, nach Libyen zu kommen anstatt zu versuchen, nach Syrien zu reisen. Die Appelle werden auch andernorts geschildert. Libysche Kämpfer sollen aus Syrien und Irak zurück zu ihrem Herkunftsland beordert werden.

Neue Kämpfer aus Nigeria, Mali und Tunesien

Der libysche Journalist Mohamed Eljar spricht gegenüber CNN von der Ankunft einer größeren Anzahl ausländischer Kämpfer in Sirte in den letzten Monaten und Wochen, aus Nigeria, Mali und Tunesien. Nicht nur, dass der IS mittlerweile die volle Kontrolle über die Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern habe, die Dschihadisten würden einen Küstenstreifen von 150 bis 200 Kilometer Länge kontrollieren und dazu immer mehr Land im südlichen Hinterland erobern, wo sich große Ölfelder befinden. Eine IS-Stellung, die nur 40 Kilometer vom größten Ölfeld Libyens entfernt sei, sei erst kürzlich verstärkt worden.
Einzug in Libyen. IS-Propagandamaterial
Es sei absolut der Fall, so Eljar, dass der IS in Sirte dabei sei, ein Hauptquartier aufzubauen, während man in Syrien unter immer größeren Druck gerate. Das Wall Street Journal beziffert die Stärke der IS-Getreuen in Sirte auf mittlerweile 5.000. Darin eingeschlossen, so die Zeitung, sei Verwaltungspersonal. Am Anfang der Eroberung der Stadt habe man 200 Kämpfer gezählt. Die Angaben beruhen auf Schätzungen von Einwohnern und Geheimdiensten.

Feststeht, dass es dem IS gelang, Aufstände gegen seine Herrschaft niederzuschlagen, auch gegnerische Milizen wurden besiegt. Mittlerweile verläuft das Leben in der früheren Heimatsstadt Gaddafis nach den IS-Regeln, strenge Kleidervorschriften, Musik- und Rauchverbot, Schariagerichte mit harten Strafen, ausgestellte Leichen von Bestraften etc..

Frust über Libyen

Große Schlagzeilen in Europa macht der IS in Libyen anders als in Syrien nicht. Das kann damit zusammenhängen, dass die Situation in Libyen ein himmelschreiender Misserfolg auch europäischer Einmischung in Libyen ist. Die Lage ist so frustrierend unübersichtlich, dass es kaum einen Ansatzpunkt gibt, der Besserung in Aussicht stellt: zwei einander gegenüber stehende Regierungen, über 1.000 Milizen, ein Knäuel sich gegenseitig durchdringender und überkreuzender lokaler Macht- und Stammeskonflikte, unzuverlässige Politiker. Alles sträubt sich gegen Lösungen.

Der UN-Vermittler Bernardino León hat sich die Zähne daran ausgebissen. Von seiner Erfolgsmeldung im Oktober ist nichts übrig. Mittlerweile versucht ein neuer UN-Sondervermittler, Martin Kobler, die beiden Regierungen dazu zu bringen, das nach langen Monaten Vereinbarte umzusetzen.

In diese Versuche hinein fahren aber Meldungen, wonach Teile der Regierung in Tripolis (GNC), mit dem IS in Verbindung stehen. Über einen Mittelsmann sollen Waffen an den IS geliefert worden sein, so ein Vorwurf.

Renzi: „Libyen ist der nächste Notfall“

In Frankreich und besonders in Italien sind sich die Regierungen klar darüber, dass Libyen ein Sicherheitsproblem ist (und zu einem Ölversorgungs-Problem werden könnte). François Hollande und Matteo Renzi haben sich nach den Attentaten in Paris getroffen, um über die Sicherheitslage in Libyen zu sprechen. In Medien war hier und dort von einer möglichen neuen militärischen Einmischung zu hören. Bislang aber nichts Konkretes. Renzi fürchtet, dass Libyen der „nächste Notfall“ wird, wenn man dem Land nicht oberste Priorität einräume.

Der tunesischen Regierung muss man das nicht mehr erklären. Für sie steht mittlerweile fest, dass das Attentat der letzten Woche gegen die Präsidentengarde (Nach Attentat: Ausnahmezustand in Tunesien), wie schon Attentate zuvor auch, von Tunesiern begangen wurde, die in Libyen ausgebildet worden waren – und dass die Attentate in Libyen geplant wurden. Der IS in Libyen brüstet sich damit.

In Tunesien kam es zwischen zwischen 2012 und 2014 zu einer Welle von „Berufungen“ zum Dschihad (Tunesien: „Weltweit größter Exporteur von Dschihadisten“). Die Zeit der Ennahda-Regierung war auch eine Hochzeit für islamistische Prediger und Rekrutierungen, dazu kamen Entlassungen von Islamisten aus Gefängnissen. Ungefähr 5.000 Tunesier sind in den Dschihad gezogen. Viele kommen zurück.

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Die Suche nach dem richtigen Leben

Paul Feyerabend nannte es einmal „Wider den Methodenzwang“, eher humoristisch gemeint war die Ansage, dass Ordnung nur für die eine wichtige Sache sei, die zu faul seien, um zu suchen. Die Antipathie gegen Ordnung und Methoden vermittelt Sinn, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass sie zur Beherrschung benutzt werden. Und Beispiele existieren tatsächlich in großer Menge. Ordnung und Disziplin sind die Grundstruktur hierarchischer Systeme und die meisten Methoden folgen einer sehr genau definierten Zweckrationalität. Es stellt sich immer die Frage, in wessen Interesse die Ordnung und Disziplin walten und welchem Interesse die Methoden folgen. Ist beides repressiv, so ist die Ablehnung durchaus berechtigt. Aus einer Kritik gegen bestimmten Formen von Herrschaft kann so die Auflehnung gegen Ordnung und Methode generell erfolgen. Das ist vielleicht das Wesen dessen, was mit dem Adjektiv antiautoritär bezeichnet wurde. Die Rebellion gegen bestimmte Formen von Unterdrückung kann einen befreienden Charakter haben, aber allein bleibt sie folgenlos.

Das Leben des Individuums bildet in der existenziellen Welt einen Mikrokosmos. Es ist folgerichtig, dass das Mikrosystem Mensch ebenfalls einer bestimmten Systematisierung seiner Handlungsabläufe unterliegt. Das kann eine bewusste Entscheidung sein, die dem Individuum selbst entstammt und von keiner Hierarchie suggeriert wurde. Die Etablierung von Routinen, die immer auch eine Ökonomisierung des Daseins bedeuten, verschafft Lebenszeit, die zur Gestaltung genutzt werden kann. Die Systematisierung dieser Abläufe basiert in der Regel auch auf Ordnungsprinzipien und bestimmten Methoden, um Ungeliebtes, aber Nützliches in seiner Zeitbeanspruchung zu verdichten und diese Rationalisierung dem Konto frei verfügbarer Lebenszeit gutzuschreiben.

Die Rebellion gegen die Rationalisierung und Systematisierung des Lebens hat mit brutaler Gesetzmäßigkeit auch immer dazu geführt, dass die Rebellierenden irgendwann die Fähigkeit einbüßten, sich der Organisiertheit des repressiven Systems zu erwehren. Es handelt sich um einen klassischen Fall von Dialektik: Das, was als Macht anderer bekämpft werden soll, birgt auch den Keim dessen, diese fremde Macht zu bekämpfen. Ohne eigene Rationalisierung verpufft der Esprit der Rebellion in Belanglosigkeit. In der übermäßigen Adaption der Rationalisierung wiederum erstirbt die Kreativität und der Esprit der Rebellion. Die Dosis macht es, die Geschichte ist ein beredtes Journal für den Rationalisierungswahn, von Robespierre bis Lenin, aber auch für das Abgleiten in die den Gestus der Rebellion, wie bei den Aktionisten und Situationisten, denen die Geschichte nur Augenblicke zur Verfügung stellte, um ihr Ansinnen transparent zu machen. Und berechtigterweise stellt sich die Frage, ob die richtige Dosis je gefunden wurde. Sie experimentell zu suchen und vielleicht irgendwann zu bestimmen, bleibt die Aufgabe.

Vieles deutet darauf hin, dass es nicht um Ordnung und Methode, sondern um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Zukunft geht. Das notwendige Denken ist die Schwierigkeit, die Identifizierung der repressiven Ordnung und Methode und die Notwendigkeit der Rationalisierung von Widerstand. Dieser Widerstand allein genügt jedoch nicht, er muss eine Vision von dem Neuen, nach dem gestrebt wird, entwickeln. Es geht um Lebensformen, die aus den Erfahrungen der alten hervorgehen und in der Lage sind, das schlechte und falsche Leben abzulegen. Ihr Geist ist zumeist präsent, aber ihre Form bleibt ein Mysterium. Diese Unauflösbarkeit kann zur Verzweiflung treiben und sie kann entmutigen. Aber sie zu suchen, das ist das Mandat derer, die bei der Kritik des Alten nicht stehen bleiben wollen. Ihr Bemühen mit Abwinken zu begleiten bringt exklusiv nur einem Gewinn: der alten Ordnung und den alten Methoden.

Zivilgesellschaft und staatliche Institutionen

Wohin treibt die Gesellschaft? Das ist eine Frage, die momentan alles durchdringt. Nirgendwo endet ein Gespräch, in dem das Ungewisse dieser Entwicklung nicht Thema gewesen wäre. Um den Jargon der Einfallslosen zu gebrauchen: Viele Menschen sind besorgt. Es sind nicht diejenigen, die die Sorge zum Vorwand nehmen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen oder andere auszugrenzen und zu skandalisieren, denn diese Fraktion ist bereits Bestandteil des gesellschaftlichen Problems. Nein, es sind Leute aus ganz normalen Berufen und allen möglichen sozialen Milieus, deren Verstand funktioniert und die bis Drei zählen können, wie der Volksmund so schön sagt. Sie fragen sich, wohin das alles führt. Und sie meinen damit den Umgang vieler Nationen untereinander, der daraus resultierenden Kriege und Verwerfungen und der wieder daraus resultierenden Not derer, die von dieser Verrohung betroffen sind und ihre nackte Haut retten wollen. Diese Sorge ist berechtigt. Und das ist die Sorge, die alles beherrschen sollte.

Einfache Antworten gleichen oft einer Rezeptur und sind insofern weniger angebracht. Hingegen sind einfache Fragen oft verblüffend erhellend. Zum Beispiel, was heißt es, wenn ein Bündnispartner von Deutschland, sowohl in der NATO als auch in punkto jüngster zwischenstaatlicher Konsultationen, wenn dieser Bündnispartner nicht nur Terroristen finanziert und unterstützt, um mögliche Opposition im eigenen Land zu bekämpfen? Und, wenn dieser Bündnispartner mit einer Kampagne sondergleichen den kritischen Journalismus im eigenen Land nahezu liquidiert? Der vor imperialer Geltungssucht strotzende Präsident Erdogan unternimmt momentan einen Feldzug, um Journalisten, die den Beruf ernst nehmen, für Jahrzehnte hinter Gefängnismauern zu bringen. Was sagt ein solcher Bündnispartner über uns aus?

Die Antwort kann keine moralische sein. Die Antwort ist woanders zu suchen. Es ist eine Frage der Vorstellung davon, was demokratische Institutionen zu leisten haben. Hier, im eigenen Land, ist ebenfalls eine Verrohung zu verzeichnen, nämlich die der politischen Auseinandersetzung. In bisher nicht gekanntem Ausmaß werden Immigranten und deren provisorische Unterkünfte zur Zielscheibe gewalttätiger Angriffe. Die Zahlen sind erschreckend. Und diese Zahl ist das Ergebnis einer Eskalation, weil die Behörden, die dafür zuständig sind, kaum etwas unternehmen. Das ermuntert, und das beschädigt die staatlichen Institutionen, in diesem Fall Polizei und Justiz, deren Aufgabe es wäre, dem ein Ende zu setzen. Um zu der Frage zurück zu kommen: Wer bereit ist, die Funktionalisierung von Justiz und Polizei zugunsten einer politisch schädlichen Sache hinzunehmen, der macht es irgendwann auch selbst.

Ja, so einfach kann das sein. Und es sei davor gewarnt, sich Illusionen über den Zustand und die Befindlichkeit der eignen staatlichen Institutionen zu machen. Dazu gibt es keine Sondersendungen in ARD und ZDF, aber genau das wäre es, was passieren müsste. Was ist zu tun, um ein konsequentes Vorgehen von Polizei und Justiz zu garantieren. Das ist kein kleinmütiger Legalismus, sondern Realismus. Denn die viel beschworene Zivilgesellschaft, die rettet in der Krise die Gesellschaft nicht vorm Abgleiten in die Barbarei. Die immer wieder im Feuilleton gesalbte Zivilgesellschaft ist nicht nur die, die Flüchtlinge willkommen heißt, nein, es ist auch die Zivilgesellschaft, die Heime für Asylsuchende in Brand steckt. Es sind die staatlichen Institutionen, auf die es ankommt. Eigenartigerweise schaut dahin niemand so genau. Aber es wäre aufschlussreich. Allein die Entwicklung der Justiz, vor allem der bayrischen, als auch die ganz normale Vorgehensweise der Behörden bei der Aufnahme und Organisation von Flüchtlingen würde zeigen, wie professionell, aber schlimmer noch, von welchem Geist sie durchdrungen sind. Und, wer Freunde hat wie die gegenwärtige Türkei, der meint tatsächlich, hier sei alles bestens in Ordnung.

Nie wieder?

Gibt es das wirklich? Dieses Nie wieder? Eine Frage, die mir immer durch den Kopf ging, wenn ich die Parole irgendwo las. Richtig ist, dass viele, die Faschismus und Krieg miterleben mussten und die Generation, die danach kam und sah, welche Traumata und Verhaltensmuster das III. Reich bei denen verursacht hatte, die dabei waren, dass so etwas nie wieder passieren dürfte. Und die neue Gesellschaft, die im Westen den Namen Bundesrepublik trug, die bockte erst gewaltig, weil viele, die den ganzen Schlamassel mit verursacht hatten, plötzlich wieder irgendwo in Amt und Würden ihr Unwesen trieben. Im Osten war das anders, das hieß der Staat demokratisch, und ehemalige Faschisten hatten da wohl keine Chance. Vielleicht sollte da das Problem werden, dass der Faschismus immer die anderen waren und die Psychologie der Muster nie interessierte.

Im Westen jedenfalls rebellierten irgendwann die Nachkommen und das Nie wieder! erschallte überall. Der Geist und die Werte der West-Republik wurden über Jahrzehnte durch diese Rebellion geprägt, der Staat strengte sich richtig an, um die Wurzeln dessen, was die Nation in so große Verwerfungen gebracht hatte, auszureißen. In den Lehrplänen aller Schulen wurden die Vergangenheit und die demokratische Verfassung und seine demokratischen Organe zu einem festen Bestandteil. Die Forschung befasste sich damit und es wurden gesellschaftlich politisch tiefgreifende Diskussionen über den Staat geführt. Für das Militär existierte ein Konzept, das sich Bürger in Uniform nannte, Ordnungsämter wurden zu Bürgerdiensten und bis zu einem gewissen Zeitpunkt konnten junge Generationen es kaum noch erwarten, dass sie wählen durften.

Vielleicht, ja vielleicht war die Stunde, die die Deutschen pflichtgemäß als die glücklichste nach dem Krieg in ihr nationales Journal schrieben, die Wiedervereinigung mit den Brüdern und Schwestern im Osten, das Datum, mit dem das politische Bewusstsein im ganzen Land erodierte. Vielleicht war das kollektive Gefühl, sich nun nicht mehr um Politik kümmern zu müssen, die Ursache dafür, dass alles, was einmal diese Bewegung des Nie wieder! so gewaltig gemacht hatte, plötzlich klein und häßlich erschien. Nichts musste mehr erkämpft werden. Ja, es brach eine Zeit an, in der das Risiko, sich politisch zu engagieren, ganz aus dem Leben schwand. Genau: das Risiko, sich zu engagieren, schafft nämlich die Kraft der Durchsetzung. Diejenigen, die in diesen unriskanten Zeiten kometenhafte politische Karrieren machten, sind jetzt die, die alles machen, was ihnen gesagt wird.

Es war ein längerer Zeitraum, aber für eine Nation nur ein Moment von der Dauer eines Augenaufschlags, in der die Chance auf eine politisch hoffnungsvolle Zukunft verspielt wurde. Die Gesellschaft war sich selbst genug, sie stritt über Ernährungsgewohnheiten, und das selbst noch zu Zeiten, als bereits deutsche Bomberpiloten auf Belgrad zusteuerten, sie stritt über Windmühlen, als deutsche Panzer vor dem Hindukusch aufrollten. Die Liste dessen, was nur noch beschämen kann, sie ist lang. In der letzten Woche, als allerorten Veranstaltungen zur Solidarität mit den Terror-Opfern in Paris abgehalten wurden, standen die Protagonisten von einst mit Kerzen in der Hand im Dunkeln und sangen unter anderem die deutsche Nationalhymne, direkt nach der Marseillaise. Ein besseres Bild für den Niedergang gibt es nicht. Frei nach Jakob van Hoddis könnte es heißen: Bald sind Tornados in der Luft, und Eisenbahnen fallen von den Brücken“. Nie Wieder? Macht euch nicht lächerlich!

Verschiedene Formen des Fundamentalismus

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen ist ein Muss für jede Gesellschaft. Macht sie das nicht, so ist die Prognose wahrscheinlich, dass sie von Entwicklungen überrollt wird, mit denen sie nicht gerechnet hat und auf die sie nicht vorbereitet ist. Je komplexer Gesellschaften und je höher die Frequenz der sich über den Globus erstreckenden Interaktionen mit anderen Gesellschaften und deren Organisationen, desto komplexer werden die Fragestellungen, die mit der Zukunft zusammenhängen. Einfache Kausalitäten existieren kaum noch, Interdependenzen steigen ins Unermessliche. Dennoch kann das extrem hohe Niveau der Fragestellung Zukunft nicht davon abhalten, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was machen die Menschen und Organisationen, die Lösungsmodelle für die Fragen von Morgen entwickeln wollen? Ja, sie rechnen vorhandene Entwicklungen hoch, ja, sie entwickeln Modelle, und ja, sie betrachten mögliche Widerstände gegen ihre Modelle. Das Wichtigste jedoch, was sie, oder zumindest die Erfolgreichen unter ihnen leitet, ist die radikale Hinterfragung der eigenen, vielleicht auch ehernen Annahmen und der bewusste Ausschluss von Tabus. Letztere sind kulturell regional und hinsichtlich von Lösungen restriktiv.

Selbstverständlich können Zukunftsmodelle mit Fehlern behaftet sein oder sich gar als gänzlich untauglich erweisen. Es gehört sogar zu ihrem Wesen. Denn das Wesen von Zukunft ist ein Lernprozess, der von Hypothesen ausgeht und diese immer wieder verifiziert oder falsifiziert. Diejenigen, die sich damit befassen, sind diejenigen, die die berühmten Komfortzonen verlassen und ins Risiko gehen. Ohne sie gäbe es keine Lernprozesse und Entwicklung.

Immer dann, wenn sich die gefühlte Erdumdrehung beschleunigt, sammeln sich die Lager, um Antworten zu finden. Neben denen, die Zukunft als etwas Unvermeidliches ansehen, das auch Chancen birgt, existieren immer auch die, die in der mit der Zukunft einhergehenden Veränderung etwas sehen, das vermieden werden muss, weil es Verlust bedeuten könnte und auf jeden Fall Ängste erzeugt. Ihre Strategie ist eine andere. Sie versuchen mit Gewalt, die Entwicklung zu vermeiden.

Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind zumeist nicht zimperlich, weil ihr ganzes Handeln emotional gesteuert ist. Der erste Baustein ihres Retro-Modells ist die Personifizierung der Erscheinungen. Da sind einerseits die Übeltäter, die das Neue selbst verkörpern und andererseits die Übeltäter, die Antworten auf das Neue suchen. In dem personifiziert wird, wird emotionalisiert, und das mit Kalkül. Und diejenigen, die nach Antworten auf die neuen Erscheinungen suchen, werden in einem Umkehrschluss zum Übel selbst und aus der Sicht der Zukunftsverhinderer werden sie sogar zum Kern des Problems.

Der Versuch, die Internationalisierung von Gesellschaften und die De-Geographisierung von Konflikten zu leugnen und die Überbringer dieser Entwicklung zu meucheln ist die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Form des Fundamentalismus. Das, was momentan als Populismus erlebt und in Formen der Propaganda übermittelt wird, hat angesichts der aggressiven Emotionalisierung und der radikalen Tabuisierung eine Qualität erreicht, die Analogieschlüsse zu historischen Formen des Fundamentalismus zulassen. Prinzipiell, d.h. vom Prinzip her, sind Phasen der Modernisierung immer von diesen Strategien eskortiert worden. Die großen Namen, die diese Art von Zukunftsvermeidungsstrategie umschreiben, sind die Heilige Inquisition, die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus wie die Operationen islamistischer Revolutionsgarden oder Terrorgruppen unserer Tage. Der deutsche und europäische Populismus, wie er sich momentan spreizt, weist die gleiche systemische DNA auf. Die bittere Realität ist nicht die Tatsache, dass diese demagogische Vorgehensweise existiert, sondern die Resonanz, auf die sie momentan stößt. Und damit ist die Zielrichtung politisch verantwortlichen Handelns auch benannt.

Beruf und Berufung

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Termini Profession und Konfession nah beieinander liegen. Das, was als Professionalität mental verortet ist, hat sehr viel mit einem Bekenntnis zur wahr genommenen Tätigkeit zu tun. Es geht, vor aller technischen Finesse und Virtuosität, um eine Überzeugung, vielleicht auch um große Leidenschaft oder Liebe. Nur, wer sich zu einer Aufgabe hingezogen fühlt, ist in der Lage, die Mühen, Widrigkeiten und Rückschläge zu akzeptieren, die zur Erlangung tatsächlicher Meisterschaft erduldet werden müssen. Wer sich das Adjektiv professionell redlich erworben hat, blickt auf große Zeiträume der Übung zurück. Übung, die dennoch mit Leidenschaft durchdrungen war, weil eine innere Bindung zu der substanziellen Tätigkeit bestanden hat.
Die Geschichten der einzelnen Berufe, vor allem in Deutschland, weil dort die Zünfte eine Organisationsform darstellten, die weit über das rein Berufliche hinausgingen und von der Vertretung einer allgemeinen Ethik bis hin zur Korporierung wirtschaftlicher und politischer Interessen reichten, sind ein beredtes Beispiel für die Hingabe und Leidenschaft, die mit dem Erwerb der Rechte verbunden waren, sich als ein Vertreter der Professionalität in der Gesellschaft bewegen zu dürfen.
Max Weber, der den Prozess der Moderne in vielerlei Hinsicht geistreich kommentierte, hat das Berufsethos der Gewerke versucht auf das Politikerdasein zu übertragen. Analog zu der hier angestellten These von der Nachbarschaft von Profession und Konfession wählte er die Analogie von Beruf und Berufung. Im Grunde ging er normativ noch weiter. Er unterstellte dem Typus des Politikers, der gesellschaftliche Berechtigung erlangen wollte, über die Befähigung zum Beruf die Notwendigkeit zur Bekenntnis der Berufung. Damit drehte er, der gar nicht zu den Dialektikern gehörte, die Verhältnisse einfach um. Das ideelle Commitment, wie es heute zu formulieren wäre, war besonders zu seiner Zeit in den Gewerken zu finden. Im Beruf des Politikers musste es noch entwickelt werden.
Die allgemeine Vergesellschaftung aller relevanten Prozesse hat zu einer Ent-Privatisierung der handelnden Subjekte geführt. Manager sind keine Eigentümer mehr und Politiker entwickelten sich zu Managern. Weder die einen noch die anderen arbeiten nach eigener Wahrnehmung in konkreten Sozial- und Beziehungssystemen, sondern in korporierten, komplexen und anonymen Organisationen, für die der individuelle Tribut an eine Berufsidee nicht mehr adäquat erscheint.
Das erste, was unter dieser Entwicklung gelitten hat, war die Trennschärfe zwischen den beiden Systemen, um die es sich handelt. Das Leistungssystem bekam politische Züge und das politische System erhielt Anteile des Leistungssystems. Plötzlich wurde Politik gemanagt und in Unternehmen zunehmend mehr Politik gemacht. Die Referenzgröße des Leistungssystems wurde genauso erodiert, wie die Loyalität als Bezugsgröße in dem der Politik. Damit zurecht zu kommen, wird immer schwerer, weil die Spielarten in ein und demselben Prozess des Öfteren wechseln.
Die Verhältnisse und ihre Entwicklungen sind so wie sie sind und es ergibt keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert. Stattdessen haben sich Fähigkeiten entwickelt, die auf einer Meta-Ebene stattfinden. Es ist der Systemwechsel innerhalb eines Prozesses, es ist das Jonglieren mit Referenzsystemen. Wahrgenommen werden diese Fähigkeiten selten, zumeist wird das kritisiert, was dem Purismus des jeweiligen einen Systems zu fehlen scheint. Und die Instanzen, die das Neue beschrieben hätten und zu würdigen wüssten, die existieren noch nicht.