Bildung ist nicht Wissen

Trotz aller Skepsis gegenüber internationalen Organisation existieren unter ihnen auch Einrichtungen, die großes leisten und Sinn erzeugen. Um sich dessen bewusst zu sein, muss in der momentanen Situation der Fokus schleunigst von der EU genommen werden, da diese sich in einem Licht gebärdet, das eher Bilder von einer Reinkarnation des Kolonialismus erzeugt als einer Vereinigung zum gegenseitigen Vorteil ihrer Mitglieder.

Das, was die Vereinten Nationen hinsichtlich der Vergleichbarkeit von Ländern anstellen, ist zwar auch nicht unproblematisch, aber dennoch unter verschiedenen Aspekten sehr lehrreich. Wer Landkarten lesen kann, dem erschließen sich Welten. Zum Beispiel beim Ressourcenverzehr einiger Länder, oder beim Export/Import-Verhältnis, oder bei dem Proporz der staatlichen Ausgaben zueinander. Ein Weltscreening aus dieser Perspektive schafft schnell eine ganz andere Ordnung als die vorher durch politische, militärische oder ökonomische Bündnisse angenommene.

Als eine der revolutionärsten Vergleichsstudien der jüngeren Vergangenheit muss PISA angesehen werden. Da geht es vor allem darum, wie die Schülerinnen und Schüler dieser Welt mit dem erworbenen Wissen umgehen, d.h. ob sie in der Lage sind, aus diesem Wissen praktisches Handeln machen zu können. Selbst diese Absicht der PISA-Architekten war aus Sicht vieler Deutscher schon kaum noch verständlich. Das liegt vor allem daran, dass man in hierzulande sehr oft von dem Irrglauben ausgeht, die Agglomeration von Wissen sei gleichzusetzen mit Bildung. Allein das ist allerdings bereits ein fataler Irrtum. Bildung ist nämlich die Anwendung von Wissen, auch unter dem Aspekt ethischer Dimensionen. Diese Erkenntnis ist bestimmten Wissensbarbaren nicht zugänglich.

Bisher befasste sich PISA vor allem mit Sprache und Mathematik. Bereits in diesen Rubriken figurierte Deutschland in der Liga Mexicos oder Guatemalas. Gäbe es, und das ist die Forderung, eine PISA-Dimension in politischer Bildung, dann wären depressiv-hysterische Prognosen über den Ausgang wohl am nahesten an der Wahrheit. Denn bei der Betrachtung der Diskussion und Meinungsbildung der gegenwärtigen Krisen, in denen unser Land eine Rolle spielt, kann einem nur schwarz vor Augen werden, wenn man die Positionen vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Foren zu Griechenland, zur Ukraine oder zum Atom-Abkommen mit dem Iran liest.

Es existieren im politischen Denken Dimensionen, die herausgebildet werden müssen, sonst spielen sie keine Rolle und degenerieren das Genre zu einem barbarischen Kräftemessen. Was ist ein Staat? Was ist Politik? Was sind Parteien, welche Rolle spielen Gewerkschaften? Wie bildet sich eine Meinung, was sind Interessen? Was sind Koalitionsrechte und welchen Stellenwert haben internationale Verträge? Was ist das Völkerrecht und wie wird es interpretiert? Was ist Diplomatie? Alles Fragen, die Bestandteil einer politischen Bildung sind, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands in die Mülltonnen verfrachtet wurde, weil man der Auffassung war, man benötige so etwas nicht mehr. Nun, ein Vierteljahrhundert später, zeigt sich, dass Bildungspolitik nur in großen Linien wirkt und keine Bildung zum größt anzunehmenden Unfall führt. Ein PISA-Test in politischer Bildung führte zu einem verheerenden Rang in der Weltliste.

Denn das, was diese Nation in Sachen politischer Einschätzung der gegenwärtigen Situation anlässlich doch vehementer Systemkrisen zeitigt, ist nicht selten Arroganz, chronische Selbstüberschätzung und Chauvinismus. Nicht einmal der Versuch wird unternommen, den Zusammenhang bestimmter Wirkungsmechanismen aufzuklären. Da ist es dann folgerichtig, dass sich hochrangige Politiker aufführen können wie der brandschatzende Mob und der Mob selbst das Gefühl nicht loswird, selbst ein Akteur in der großen Weltpolitik zu sein. Da bleibt dann nur die schroffe Reaktion einer längst ausgestorbenen Lehrergeneration: Sechs, setzen!

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