Putschen die Deutschen gegen die griechische Regierung?

Schelte von Ökonomen
Es ist ja nicht Amerikas Geld
Von WINAND VON PETERSDORFF
02.07.2015 •In der Griechenland-Debatte prügeln Amerikas Ökonomen gnadenlos auf die Deutschen ein. Dafür gibt es kulturelle Gründe – und ganz praktische.

Eine wirkungsmächtige Erzählung macht die Runde. Es ist die Erzählung von den Deutschen und ihren nordeuropäischen Spießgesellen. Sie haben, so geht die Narration, mit ihren Entscheidungen Griechenland in Elend und Tumult gestürzt. Deutschlands Motive sind dabei durchaus vielschichtig. Sie wollen die unbotmäßige linksradikale Regierung wegputschen und nehmen dafür den Zusammenbruch der griechischen Volkswirtschaft in Kauf oder, in der verschärften Variante, sie beschleunigen ihn bewusst. Ferner leiden die Deutschen unter einer Obsession: Sie sind austeritätsversessen. Sparen ist die Tugend, der nicht nur die schwäbische Hausfrau zu folgen hat, sondern die ganz Welt.

Damit aber noch nicht genug der psychologischen Defekte, die Deutschen durchs Leben tragen. Sie sind in selbstzerstörerischer Weise auf die Einhaltung von Regeln selbst dann fixiert, wenn daraus ein allgemeiner Ruin resultiert. Und schließlich ist da noch die bedenkliche Eigentümlichkeit, dass die Deutschen Kredit gerne mit „Schulden“ übersetzen, einem mit Schuld verwandten Wort. Die semantische Verwandtschaft gibt den schlagenden Hinweis auf den deutschen Nationalcharakter: Die Deutschen finden Schulden böse.

Nobel-prize winning economist Professor Paul Krugman visits Athen
© DW
Das Putsch-Motiv

Die Erzählung ist unbehaglich, aber sie zu ignorieren hilft gar nichts. Denn ausnehmend kluge Männer tragen sie weit in die Welt hinaus. Der kraftvollste Erzähler ist der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonom Paul Krugman, der für die große Zeitung New York Times Woche für Woche die einflussreichste Kolumne der Vereinigten Staaten verfasst. In einer älteren stand zum Beispiel der Satz: „Fast jeder, der die Entwicklung verfolgt, erkennt, dass Deutschlands Austeritäts-Obsession Europa an den Rand einer Katastrophe geführt hat – fast jeder, abgesehen von den Deutschen selbst.“ In einer anderen Woche schreibt der Ökonom, dass Deutschland das Rezept für ein „Desaster in Zeitlupe“ geschrieben habe, weil sie auf Sparsamkeit beharrt. Über Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte Krugman in einem Vortrag in Brüssel im April dieses Jahres, seine Position sei „niederschmetternd“. Der Mann habe in fünf Jahren nichts dazugelernt. In einer ganz frischen Kolumne schreibt Krugman, dass Griechenlands Volkswirtschaft kollabiert sei wegen der Austeritäts-Maßnahmen. Griechenland sei dann mit einem „Friß oder stirb“- Sparpaket der Kreditgeber konfrontiert worden, das die verheerende Sparpolitik der letzten fünf Jahre fortgesetzt hätte. „Dies war ein vermutlich mit Absicht so angelegtes Angebot, dass es Alexis Tsipras, der griechische Premierminister, nicht annehmen konnte, weil es seine politische Existenz vernichten würde. Die Absicht musste es sein, ihn aus dem Amt zu jagen, was wahrscheinlich passiert, wenn die Griechen die Troika genug fürchten, um mit „Ja“ zu stimmen.“

Hier taucht es auf, das Putsch-Motiv. Im Kern sagt Krugman, die Kreditgeber einschließlich des mächtigen Deutschland befördern den demokratisch legitimierten Regierungschef aus dem Amt, weil er die ökonomisch verheerenden Sparmaßnahmen nicht hinnehmen will.

Stiglitz: Es geht nicht um Geld, sondern um Macht

Joseph Stiglitz, ein anderer amerikanischer Nobelpreisträger der Ökonomie, kann seine Wut kaum verhehlen: Die Hilfskredite hätten Griechenland gar nicht erreicht, sondern seien direkt an die privaten Kreditgeber, darunter deutsche Banken, gegangen. Soviel zum Thema, man habe versucht Griechenland zu retten. Es gehe im Übrigen nicht um Geld, sondern um die Macht, den Griechen das Unakzeptierbare aufzuzwingen: Das beschränkt sich nicht auf Austeritätsprogramme, sondern meint eine Politik, die schon in so vielen Ländern Ungleichheit fördert und die Arbeitnehmer schwächt.

Und weiter geht es: Britische Kolumnisten bedeutender Zeitungen schreiben, man müsse Merkel stoppen, bevor sie Europa und Griechenland zerstöre oder sie machen aus dem Krugmanschen Putschisten einen Serientäter, der auch den braven Silvio Berlusconi in Italien niedergestreckt hat. Zurückhaltender und dafür deutlich pfiffiger formuliert Martin Wolf, der große Kolumnist der Financial Times, dass Schuldenerlasse etwas ganz normales seien, wovon ja Deutschland, das im 19. Jahrhundert Staatsbankrotte in Serie hingelegt hat, profitiert habe.

Mario Monti, der frühere Regierungschef Italiens und Amerikas Präsident Barack Obama haben gemeinsam über die Deutschen geseufzt. Darüber, dass Deutsche die Ökonomie als Teildisziplin der Moralwissenschaften ansähen. Darüber, dass Wachstum für sie eine Belohnung einer wertorientierten sparsamen Wirtschaft sei. Und darüber, dass Schulden für sie, die Deutschen, stets mit Schuld verbunden seien.

Warum entwickeln gerade Amerikaner Sympathie für Linksradikale?

In den Ausprägungen unterschiedlich wird die von angelsächsischen Federn nieder geschriebene Kritik von vielen Meinungsmachern und Ökonomen außerhalb Nordeuropas geteilt, vor allem die eine große These, die da lautet: Die von der Troika aus Europäischer Union, Internationalem Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank auferlegte Austeritätspolitik sei hauptverantwortlich für die aktuelle Misere in Griechenland. Diese Analyse allerdings ist in Deutschland nicht mehrheitsfähig, sie stößt, wie Krugman schon ganz richtig mutmaßte, in der Tat auf Unverständnis. Auch dass Tsipras ein zu Unrecht verunglimpfter Politiker sei, ist den Deutschen nur schwer nahezubringen.

Der amerikanische Ökonom Scott Sumner suchte Antworten auf die Frage, warum gerade seine Landleute so viel Sympathie für die linksradikale griechische Regierung hegten. „Womöglich erklärt sich Differenz aus der Tatsache, dass es nicht unser Geld ist, das auf dem Spiel steht, sondern das der Europäer.“ Amerika hätte ja durchaus die Möglichkeit, Griechenland mit Geld beizuspringen, was allerdings bisher unterblieb – sie sind nur indirekt über den Internationalen Währungsfonds mit relativ kleinen Summen beteiligt.

Ein anderer Unterschied ist ziemlich offenkundig: Die Nordeuropäer inklusive der Deutschen nehmen Schulden ziemlich ernst. Das findet seinen Niederschlag in Gesetzen, die es bankrotten Selbständigen schwer machen, wieder auf die Füße zu kommen, wenn auch deutlich einfacher als früher. Da sind die Amerikaner, wie Sumner ausführt, dann doch entspannter. „In Amerika können Leute wie Donald Trump Pleite gehen, und danach neu anfangen, als sei nichts geschehen. Sie können sich sogar fürs Präsidentenamt bewerben. “

Sumners dritte Erklärung für die Unterschiede in der Betrachtungsweise der griechischen Misere deckt sich vermutlich dann wieder mit Krugmans Einschätzung: Amerikaner verstehen einfach mehr von Makroökonomik als die Europäer. Große amerikanische Ökonomen, wenn auch nicht ganz so stimmgewaltig wie Krugman, sind allerdings Kenneth Rogoff und Jeffrey Sachs.

Wer nicht vertraut, der investiert nicht

Harvard-Mann Rogoff hat gerade zusammen mit dem Stanford-Kollegen James Bulow einen Aufsehen erregenden Artikel verfasst, der mit grimmiger Akribie die Zahlungen untersucht, die Griechenland in den letzten Jahren erreicht und verlassen haben. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Griechenland war von 2010 bis Mitte 2014 Nettoempfänger von Geld der Troika. Das steht im krassen Gegensatz zu der verbreiteten Hypothese, dem Land sei ein von der Troika aufgelegtes Verderben bringendes Austeritätsprogramm auferlegt worden, mit Zweck das geliehene Geld einzutreiben.

Rogoff sagt, die wahren Probleme des Landes folgen aus einem dramatischen Vertrauensverlust nicht nur der ausländischen Investoren, sondern der Griechen selbst. Sie haben seit 2010 dem heimischen Bankensystem mehr als 100 Milliarden Euro entzogen – ein enormer Betrag, der durch Geld der Europäischen Zentralbank ersetzt werden musste. Eine naheliegende Erklärung ist, dass die Griechen ihren politischen Institutionen nicht trauen oder sich selbst nicht trauen. Wer nicht vertraut, der investiert nicht.

Griechenland – ein Schwellenland?

Die Weltbank analysiert nach vielen Kriterien, wie reif und entwickelt Volkswirtschaften im globalen Vergleich sind. Im generellen Kriterium „Doing Business“ liegt Griechenland dabei auf Platz 61 direkt hinter Tunesien und weit hinter den anderen gefährdeten Euroländern. Beim Kriterium der Einhaltung und Durchsetzung von Verträgen liegt das Land auf Platz 155 dicht bei Malawi, beim Steuereintreiben sind die Solomon Inseln die Benchmark. In anderen Kriterien können die Griechen sich mit Tonga und Marokko messen. Die neue Erzählung vor diesem Hintergrund müsste lauten: Griechenland ist gar kein europäisches Industrieland. Es ist ein Schwellenland, in dem womöglich Sparen so wenig hilft wie das Gegenteil. Alle Versuche versanden, so lange das Rechtssystem und die Bürokratie nicht modern werden.

Was würde Krugman zu dieser Deutung sagen? Der berühmte Ökonom Jeffrey Sachs, ein Gegner der Sparprogramme für Griechenland, hat bei Krugman allerdings eine ganz eigene Austeritätsversessenheit gefunden: Er habe vor Sparpolitik in England und den Vereinigten Staaten lauthals gewarnt, aber nie zu Kenntnis genommen, dass sich trotz der ganzen Austerität in diesen Ländern die wirtschaftlichen Daten, etwa die Arbeitslosigkeit, deutlich gebessert hätten. Als ob die Empirie nicht in Krugmans Modell gepasst hätte. Auch Stiglitz bleibt nicht ungeschoren. Der Harvard-Entwicklungsökonom Ricardo Hausmann erinnert an eine schon einige Jahre zurückliegende Lobesrede des Nobelpreisträgers. Er hatte die Sozial- und Wirtschaftspolitik Venezuelas gelobt. Das Land erlebt gerade eine Hyperinflation.

Stiglitz und Krugman übrigens äußern für die Griechen eine mehr oder weniger unverblümte Empfehlung: Sie sollen am Sonntag beim Referendum gegen das Sparprogramm stimmen.

Quelle: FAZ.NET

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