Wo ist die Demut?

In einer Welt, die zumindest in unseren Breitengraden als ein großes Illusionstheater bezeichnet werden kann, fällt es schwer, die Fragen nach dem Wesentlichen zu stellen. Das altrömische Ritual, angehende Senatoren zu befragen, woher sie kommen, wer sie sind und wohin sie wollen, wäre heute sicherlich für sehr viele Menschen ein erhebliche Überforderung. Auch eine reduzierte Version, die sich auf eine kurze Antwort auf das eigene Ich und den Sinn des Lebens bezieht, erläge dem gleichen Schicksal.

Es muss nicht lange darüber spekuliert werden, was der zeitgenössische Mensch zum Besten gäbe. Da existieren sicherlich viele Varianten, aber das Gros erwiese eine tiefe Referenz an den Schein, in den die Welt eingetaucht ist und aus dem sie in ihrer Wahrnehmung nicht mehr herauskommt. Da drehen viele am ganz großen Rad, da sind viele, die zu den Guten zählen und die Welt bekehren wollen und da sind auch viele, die wissen, wie das große Ganze funktioniert. Natürlich gibt es auch noch Bescheidene, aber die gelten in der Regel als die Verlierer und sie landen schnell im toten Winkel der Aufmerksamkeit.

Bei der Erörterung dieser Fragen fällt schnell auf, dass die Unterschiede bei den verschiedenen Nationalcharakteren sehr schnell deutlich werden. Das verblüfft zum einen ein wenig, weil doch immer angenommen wird, bei wachsender Internationalisierung verwischten sich zunehmend die kulturellen Grenzen. Genau das Gegenteil aber scheint der Fall zu sein: Je bunter das Treiben und je unsicherer die Zeiten, desto stärker treten bestimmte nationale und kulturelle Archetypen hervor. Nur in der gesellschaftlich erlaubten Wahrnehmung findet dieses Phänomen nicht statt.

Und so ist es weise, nicht mit der Beschreibung anderer Nationen und Völker zu beginnen, denn das wäre anmaßend, ohne vorher den Versuch gemacht zu haben, im eigenen Bereich die Beobachtung zu überprüfen. Und es wäre nicht ratsam, auf der abstrakten Ebene fortzufahren. Nein, dazu ist es politisch zu aktuell und, es ist auch dringlich, eine Unart sehr schnell zu thematisieren.

Momentan, in einer Phase, in der die Welt wieder einmal an vielen Stellen zu brennen scheint, überwiegt in Deutschland die selbst zugewiesene Fähigkeit, alles erklären zu können und auch für andere die richtigen Rezepte in der Tasche zu haben. Das wurde hier schon immer gerne gemacht, oft reicht der Blick in ein Lexikon oder eine zweitägige Urlaubsreise irgendwohin, um einen mehrstündigen Vortrag halten zu können. Zwei dieser großen, von Expertentum triefenden Erklärungsmuster von deutscher Seite sind das Völkerrecht im Beispiel der Krim und die Staatsführung am Beispiel Griechenlands. Die Protagonisten aus Politik und Journalismus betreiben die Belehrung der Welt mittlerweile in einer Weise, die sehr daran erinnert, dass sich Fehler anbahnen, die schon einmal gemacht worden sind.

Und das ist der Punkt, von dem diese Überlegung ausging. Was ist des Menschen Bestimmung und was ist er bereit und in der Lage, in der er ist, zu leisten? Die große Gnade, die uns allen widerfährt, ist mit der Geburt neu beginnen zu können. Dann beginnt über einen überschaubaren Zeitpunkt ein Lernprozess, der aus Fehlern und Umdenken besteht. Wenn dem so ist, dann besteht noch die Chance, andere durch den eigenen Fortschritt zu erfreuen. Das ist dann so etwas wie existenzielles Glück. Wer hingegen aus der eigenen Geschichte nichts lernt, und nicht einmal aus dem eigenen Desaster zumindest die Tugend der Bescheidenheit ableitet, der macht seinen Aufenthalt auf diesem Planeten zu einer Pein für alle anderen.

Griechenland: Funktionsweisen von Propaganda?

Wie lauteten noch die beschwörenden Formeln, als es galt, die Kreditinstitute, großteils Staatsbanken auch aus Deutschland, die sich verzockt hatten in Griechenland? Man könne die Wiege der Demokratie nicht im Stich lassen, Griechenland sei wie eine Mutter der europäischen Kultur etc.. Falsch war das alles nicht, nur wurde es im falschen Moment mit einer hintersinnigen Absicht formuliert. Die Banken, die in Griechenland genau die Politiker gefunden hatten, die ein laxes, ineffektives und korruptes System repräsentierten, gaben genau diesen vermeintlichen Eliten Kredite im Übermaß, um einen Lebensstil zu pflegen, der als dekadent bezeichnet werden muss, aber vor allem, um Dinge zu kaufen, die in Griechenland niemand brauchte. Rüstungsgüter aus Deutschland zum Beispiel. Die Banken, die diese fragwürdigen Kreditvergaben getriggert hatten und plötzlich auf ihren Forderungen saßen, wurden als systemrelevant eingestuft und die Bürgschaften für die Luftnummern unter anderem den deutschen Steuerzahlern überschrieben. In diesem Kontext an die Wiege der Demokratie in Europa zu appellieren, scheint doch sehr deplaciert gewesen zu sein.

Dann, als es daran ging, die Schulden zu begleichen, sprangen IWF und europäische Zentralbank ein. Das Schema vor allem des IWF in solchen Fällen ist stereotyp, einfallslos und destruktiv wie immer. Es wird nicht versucht, die tatsächlichen Schuldner zu ermitteln und das Eintreiben den üblichen Prozeduren folgen zu lassen, denn dann käme zumeist wenig zurück, nein, es werden ganze Gemeinwesen in Haft genommen, die mit ihrem Wesen selbst bezahlen sollen. Liquidierung heißt die Zauberformel, der die Privatisierung auf dem Fuße folgt.

Interessant ist, dass seit dem Angriff auf das griechische Gemeinwesen niemand mehr von der Wiege der Demokratie spricht, sondern einerseits nur noch von der „Rettung“ des Landes die Rede ist, was den Tatbestand der Propaganda zeitigt und von den faulen Griechen, was nicht minder abstößt. 

Die offizielle europäische und somit auch maßgeblich deutsche Politik entlarvt sich auf keinem Gebiet derartig offen wie bei dem Fall Griechenland. Denn immer, wenn so etwas wie Demokratie zum Vorschein kommt, wird sie regelrecht als asoziales Verhalten gebasht. Und immer, wenn der nächste undemokratische Akt vollzogen werden soll, wird mit moralisch unterlegten Pathos reagiert. Sie ist schon geschmiert, die Propagandamaschine, traurig nur, dass sie noch so gelassen in Germanistan hingenommen wird.

Die Syriza-Regierung hebt sich im Vergleich aller Vorgängerregierungen und im Vergleich zu den europäischen, selbsternannten und zum Teil ohne Mandat handelnden Figuren in diesem fatalen Spiel positiv ab. Sie wurde mit einem Programm, dass die Sparvorstellungen der Troika ablehnt, demokratisch gewählt. Und sie hält sich bis dato an das, was sie vor der Wahl versprochen hat. Dafür wird sie von den Intriganten, die sich in den gemäßigten Zonen Europas das Heft des Handelns gekrallt haben, böse beschimpft. Der Gipfel dieser Anschuldigungen gegen eine demokratisch handelnde Partei sind nun die Tiraden gegen den Präsidenten Tsirpas, der über die erzielten Einigungen mit IWF und Zentralbank in einem Referendum abstimmen lassen will. Im besten Fall wird ihm noch Verzögerungstaktik vorgeworfen.    

Wenn das Anwenden demokratischer Regeln als Verzögerungstaktik diffamiert wird, dann wird deutlich, wie ernst es mit der Beschwörung um die Wiege der Demokratie war, als es um das Schicksal der Zockerbanken ging. Was schrieb Dostojewski so treffend in den Brüdern Karamassow über den Großinquisitor? Das Geheimnis des Großinquisitors ist, so Dostojewski, dass er selbst nicht an Gott glaubt. Und die, die mit der Peitsche in der Hand von Rettung reden, glauben selbst nicht an die Demokratie.

Vom Verlust der Strategie

Ödon von Horvath war es, der in einem seiner stets lapidar daher kommenden Sätze eine kulturelle Disposition beschrieb, die nach ihm noch weitaus verbreiteter wurde als er es sich selbst vielleicht in den schlimmsten Visionen ausgemalt hätte. 

„Ich gehe, und weiß nicht wohin, 

mich wundert, 

dass ich so fröhlich bin“

hieß es in den Geschichten aus dem Wienerwald. Kulturkritisch betrachtet handelt es sich bei dem Zitat um eine Umschreibung wachsender Strategielosigkeit bei der Gestaltung des Existenziellen. Horvaths Figuren haben gegenüber den realen Zeitgenossen, denen der Autor Botschaften senden wollte, einen großen Vorteil. Sie wirken durch die dick aufgetragene Naivität selbst wie Spielfiguren, mit denen die Betrachtenden sich nicht identifizieren müssen. Insofern ist es eine charmante Strategie, wenn Horvath einen Scherz anbietet und es den Zuschauern überlässt, ob sie die Pointe auf sich selbst anwenden.

Ob sich die gegenwärtige Gesellschaft als eine strategielose bezeichnen würde, steht dahin, dass sie es ist, darüber besteht kein Zweifel. Und sicherlich stehen schon die chaos-theoretischen Argumente auf der scharfen Rampe, die von der modernen Art der massenintelligenten, zufällig entstehenden Qualität schwadronieren. Selbst bei dem Zugeständnis, dass Chaos selbst ein gewaltiges Konstitutionsprinzip darstellt, so ist die Strategielosigkeit von Individuum und Gesellschaft ein Problem.

Das Vorhandensein einer Strategie beantwortet die Frage von Subjekt und Objekt. Individuen oder Gesellschaften mit einer Strategie haben sich für das Agieren entschieden. Auch wenn sie auf diesem Weg Fehler machen oder ihre Ziele nicht erreichen, so haben sie dennoch als handelnde Subjekte einen zweckgesteuerten Lernprozess eingeleitet, der ihnen Erkenntnisse über die Funktionsweise ihrer Welt übermittelt und ihnen die notwendigen Substanzen zur Verfügung stellt, um als handelndes Subjekt zu überleben.

Ohne Strategie haben sich Individuen wie Gesellschaften auf die Domäne der Reaktion eingestellt. Sie kommen nicht zum proaktiven Handeln, sondern ihr gesamtes Spektrum ist die Reaktion. Somit degenerieren reaktive Ensembles zu Objekten, d.h. mit ihnen wird etwas gemacht, und, wieder ein schönes Wort aus der alten Begriffswelt der Grammatik, sie verschreiben sich dem Passiv, so treffend übersetzt als Leideform. Linguistik und Etymologie liefern, wie so oft, gelungene Querverweise auf gedankliche Zusammenhänge.

Die zeitgenössischen Individuen wie die aktuelle Gesellschaft vermitteln den Eindruck, dass die eingangs zitierten Worte Ödon von Horvaths in starkem Maße das umschreiben, was als ein strategieloses Dasein, als eine Reise ohne Kompass und als eine Mutation vom Subjekt zum Objekt beschrieben werden kann. Dort, wo der Wille zur Gestaltung, der dem historischen Subjekt zugeschrieben werden muss, nicht mehr vorhanden ist, dort etablieren sich in der Regel allerlei Profiteure.

Sie profitieren von einem sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben entstandenen Machtvakuum, in das sie schleichend eindringen, um den Geschäften nachzugehen, die sich für sie als profitabel darstellen, die sich für das Gros der Gesellschaft allerdings desaströs auswirken. Der Wirtschaftsliberalismus ist ein solcher Profiteur, der von der Degradierung zum Objekt, ob selbst gewählt oder durch äußere Gewalt begünstigt, seinen Nutzen zieht. 

Dem Wirtschaftsliberalismus wie allen anderen Profiteuren eines Machtvakuums kann nur Paroli geboten werden, wenn Strategien formuliert werden, die den eigenen Willen zu Gestaltung und Verantwortung öffentlich machen.  

Lizenz zum Täuschen

Dienstag, 14:45Markus Kompa23Top Secret: Die Lizenz zum Täuschen

Schwarze Propaganda im Geheimdienst ihrer Majestät

Durch die Snowden-Dokumente wurde letztes Jahr die Existenz der Joint Threat Research Intelligence Group (JTRIG) bekannt, die für diverse britische Geheimdienste die digitale Schmutzarbeit besorgt. Wie die Enthüllungsplattform The Intercept nun berichtet, handelt es sich um eine Einheit des GCHQ, die für Scotland Yard, den Inlandsgeheimdienst MI5, die Entsprechung zum Bundeskriminalamt SOCA, den Grenzschutz, das Finanzamt und die zur Ausspionierung von Bürgerrechts- und Umweltgruppen gegründete private National Public Order and Intelligence Unit (NPOIU) arbeitet.

Die Methoden, welche in einem von 2011 stammenden internen Report über die digitalen Geheimagenten aufgeführt werden, lassen es an „feiner englischer Art“ vermissen: 

Um diese Ziele zu erreichen, bedient sich JTRIG diverser sozialpsychologischer Methoden. The Intercept publiziert hierzu mit „Top Secret“ klassifizierte Dokumente. Zu den als legitim eingestuften Zielorganisationen des JTRIG gehören die Egyptian Initiative for Personal Rights und das South African non-profit Legal Resources Centre. Die Zersetzungsarbeit gegen südafrikanische Anwälte weckt Erinnerungen an die fragwürdige britische Unterstützung des südafrikanischen Geheimdienstes gegen den Rechtsanwalt Nelson Mandela, den noch Margaret Thatcher als Terrorist eingestuft hatte.

Die angewandten Taktiken erinnern an COINTELPRO und MOCKINGBIRD, mit welchen der US-Geheimdienst vor einem halben Jahrhundert Bürgerrechtsgruppen etwa an nordamerikanischen Universitäten zu zersetzen pflegte. Das JTRIG ist offenbar nichts weniger als die digitale Variante der Schwarzen Propaganda, um die öffentliche Meinung subversiv zu beeinflussen, wie es der australisch-britische Desinformationssepzialist Sefton Delmer virtuos beherrschte. Mit dieser Enthüllung wurde eine weitere Verschwörungstheorie zur Gewissheit.

Von der Leyens Strategie

„Jetz ma ehrlich!“ war nicht nur eine Phrase eines längst verstorbenen Karikaturisten des Ruhrgebiets, sondern ist immer noch eine Sentenz, die den Zweifel an den Aussagen des Gegenübers zum Ausdruck bringt. Jetz ma ehrlich bedeutet, dass nicht geglaubt wird, was als Botschaft überbracht wurde und unterstellt, dass doch bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eine gute Dosis Humor mit im Spiel war. Wer allerdings nach der unverblümten Aufforderung, nun endlich mit der Wahrheit rauszurücken, immer noch bei der vorgetragenen Erzählung oder Position bleibt, der oder die riskiert, im Weitergehenden ziemlich rüde angefasst zu werden. Und das ist dann nicht mehr angenehm, denn wer sich als notorischer Lügner herausstellt, der wird sehr schnell nicht mehr akzeptiert in einer Welt, in der Verlässlichkeit einen höheren Stellenwert einnimmt als alles andere. So ist nun einmal das Ruhrgebiet: liberal und tolerant, aber auch hart und ehrlich. 

Wenn es eine Bewerberliste für die zu erwartende Ungnade im Falle ausschweifender Reden und wahrheitsferner Geschichten gäbe, dann stünde Ursula von der Leyen sicherlich auf einem der ersten Ränge. Das Phänomen, das sich in ihr äußert, ist die momentan absurde Differenz zwischen kuscheliger politischer Korrektheit und imperialistischem Größenwahn. Noch am Tage ihres Amtsantritts als Verteidigungsministerin sprach sie von ihrer Vision einer neuen Bundeswehr, die Charaktereigenschaften aufwies, als handele es sich um eine partizipativ geführte Sozialstation. Da war von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede, von Chancengleichheit und einer wachsenden Fokussierung auf den Genderaspekt und von den Möglichkeiten berufsbegleitender Qualifizierung die Rede. Das hörte sich alles so an wie die Perpetuierung der Rolle der Bundeswehr als einer Operettenarmee ohne besonderen Interventionszweck.

Dabei gehört es nicht zu den immer wieder gern gestellten schlechten Absichten einer gerne formulierten Kritik an der Bundeswehr. Denn diese entspringt nicht mehr den Quellen der Notorik, sondern den tatsächlichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, denn es waren nicht nur deutsche Piloten, die 1998 ihre tödliche Fracht über dem serbischen Belgrad abluden, sondern auch Afghanistan, wo in einem offiziellen politischen Wording die bundesrepublikanische Freiheit mit der Armee verteidigt wird. Wer allerdings sowohl Bombardements als auch Panzereinsätze als zu den Kernaufgaben zählt, der darf nicht der Naivität bezichtigt werden.

Was die Verteidigungsministerin bei ihrem Mainstreamgendergefasel besonders verdächtig macht, ist der materialisierte Wahnsinn, den sie von sich gibt, wenn sie in nahezu frenetischer Begeisterung von der Drohnentechnologie spricht. Da fällt sie in unbeschreibliche Entzückung, weil sie genau da vermutet, den Spagat zwischen Krieg und beschaulichem Familienleben machen zu können.

Die Vernichtung eines Gegenübers über lange Strecken ohne die Beschwerlichkeit einer Reise, die klinisch reine Abwicklung eines nichts ahnenden Gegenübers ohne Kollateralschaden, die elektronische Botschaft eines nicht angekündigten Massentodes sind es, die die Verteidigungsministerin vor Augen hat. Es geht um die Anwendung von Techniken, die völkerrechtswidrig, menschenverachtend, zynisch und barbarisch sind. 

Das Perverse an dem Konstrukt ist die Behaglichkeit, mit der in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit über diese Optionen diskutiert wird. Es entsteht der Eindruck, als herrsche ein gesellschaftlicher Konsens über die Etablierung der Völkerrechtswidrigkeit bei dem noch geplanten Spiel Krieg. Dass die gleiche Person gegenüber Russland auch noch mit dem Säbel rasselt, vor allem in Fragen des Völkerrechts, macht die Sache noch schlimmer. Zeitgleich überziehen Waffenschauen das ganze Land, bei denen Kinder an Schnellfeuerwaffen stehen und in Helikoptern sitzen dürfen. Es ist der Versuch, den Mord an Dritten als sozialverträgliches Geschäft zu kommunizieren. Mal ganz ehrlich, so werden Kriege vorbereitet, und der Mob mit Hochschulabschluss, Biomenü und Karrierequote merkt es nicht. 

Mazedonien: USA und Albanien wollen dem russischen Einfluss auf dem Balkan ein Ende machen

von Elena Gouskova
Über den unmittelbaren Anlass hinaus, der die Vereinigten Staaten im letzten Monat zu einem Einsatz zur Destabilisierung Mazedoniens antrieb, beobachtet die Senatorin Elena Guskova die Strategie Washingtons auf dem Balkan seit dreißig Jahren. Aus Sicht der berühmten Historikerin wollen die Vereinigten Staaten mit allen Mitteln dem Einfluss Russlands auf die Region ein Ende machen, auch auf die Gefahr hin, die Völker zu teilen und alle aktuellen Staaten zu zerstören.

VOLTAIRE NETZWERK | MOSKAU (RUSSLAND) | 17. JUNI 2015 

Die Situation in Mazedonien wurde in einem bedeutsamen Augenblick destabilisiert: dem der Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag des Sieges über den Faschismus. So begannen am 7. Mai organisierte Kundgebungen der Opposition in Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, und in der Nacht des 9. Mai verließen Kommandos bewaffneter Albaner den Kosovo in Richtung Mazedonien, um dort die Stadt Kumanovo zu besetzen. Der mazedonische Präsident Gjorge Ivanov sah sich gezwungen, die Feiern in Moskau zu verlassen [1].

Die mazedonische Polizei reagierte entschlossen: Die Kämpfenden wurden besiegt, dann neutralisiert, aber die Kundgebungen der Opposition dauerten an. Auf dem Platz im Zentrum der mazedonischen Hauptstadt wurden Zelte errichtet und die Demonstranten brachten erweiterte Forderungen zum Ausdruck: einen Regierungswechsel und Neuwahlen.

In Moskau verstand man sofort: Eine weitere „Farbrevolution“ oder ein „mazedonischer Maidan“ waren im Anmarsch. Der russische Außenminister Sergej Lawrow drückte die Besorgnis seines Landes angesichts der Ereignisse in Mazedonien aus und umriss Moskaus Einschätzung der Ursachen und der möglichen Entwicklung. Er warnte vor dem gefährlichen Charakter weiterer Schritte der Albaner in der Region – Aktivitäten, die ab jetzt von Tirana, der Hauptstadt Albaniens, gesteuert würden. Tirana kündigte an, das Projekt „Groß-Albanien“ weiter zu verfolgen. Dem albanischen Premierminister Edi Rama zufolge ist die Vereinigung von Albanien und dem Kosovo unumgänglich, gleich ob sie sich in der Europäischen Union abspielt oder nicht.

Der russische Außenminister ist überzeugt davon, dass der Konflikt in Mazedonien von ausländischen Kräften dirigiert wird. „Die Ereignisse in Albanien werden offensichtlich von außen kontrolliert“, kommentierte er. In der Tat werden die Demonstrationen in Skopje von der CIA und bestimmten Nicht-Regierungs-Organisationen unterstützt. Die US-Diplomaten, die dem mazedonischen Premierminister Nikola Gruevski raten, vorgezogene Wahlen einzuberufen, sind bei allen Verhandlungen anwesend. Die Menge auf der Straße agiert nach dem üblichen Szenarium der „Farbrevolutionen“, das bereits in Serbien, in Georgien, in der Ukraine und zahlreichen anderen Ländern ausprobiert wurde. Allerdings hat die mazedonische Variante einige Besonderheiten.

Zuallererst ist die herrschende Partei in Mazedonien – mit dem schwierigen Namen VMRO-DPMNE – eine mächtige und erfahrene politische Kraft, die solide Unterstützung durch das Volk genießt und sowohl die Basis des Präsidenten wie auch des Premierministers ist. Die Regierung konnte mit Leichtigkeit 90.000 ihrer Anhänger auf die Straßen schicken. Die Polizei handelte kompetent, ließ sich nicht provozieren und gab den Demonstranten gegenüber auch in nichts nach. Deshalb kann man vermuten, dass die Kundgebungen auf der Straße sich sehr wahrscheinlich „im üblichen Szenario“ ohne große Auswirkungen hinziehen werden.

Die zweite Besonderheit, der sogenannte „albanische Faktor“, ist besonders wichtig. Die Albaner werden von den plumpen ausländischen Elementen als Sprecher benutzt und sind leicht zu mobilisieren, wenn der Prozess der „Maidanisierung“ von Skopje sich hinzieht. Wenn die Albaner „grünes Licht“ bekommen, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, werden sie zu den Waffen greifen und ihr eigenes Drehbuch von „Regimewechsel“ schreiben. In diesem Fall werden Provokationen, bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Polizei und Tote auf beiden Seiten folgen. Dieses Szenario ist das wahrscheinlichste – aus dem folgendem Grund.

Nie würden die Albaner die mazedonischen Demonstrationen unterstützen, wenn sie diese Ereignisse nicht für ihre eigenen Interessen nutzen wollten. Ihr Interesse ist die Vereinigung aller Gebiete mit einer albanischen Mehrheit rings um Albanien. Das Projekt „Groß-Albanien“ ist 130 Jahre alt. Ins Stadium seiner Umsetzung ist es offensichtlich mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts gekommen.

Zuerst kämpften die Kosovo-Albaner um die Abtrennung von Serbien, 2001 schlossen sich ihnen die Albaner von Mazedonien und aus dem Süden Serbiens an. 2008 erklärten die Kosovo-Albaner mit Unterstützung Washingtons ihre Unabhängigkeit. Am Ende der Verhandlungen von Belgrad und Pristina (2011 – 13) wurde der Kosovo de facto unabhängig. Zur anerkannten und legalen Unabhängigkeit fehlt Pristina nur ein Element: die Zustimmung Serbiens. Dem Willen Belgrads konnte sich selbst der Sicherheitsrat der UNO nicht widersetzen. Aber Belgrad schwankt. Die Geduld der Kosovo-Albaner geht dem Ende zu. Außerdem sind sie nicht die einzigen, die warten. Mit ihnen warten die Albaner von Mazedonien, von Montenegro und aus Griechenland. Das Vorhaben ist ausreichend bekannt. Sobald der Kosovo einen Platz in der UNO bekommt, werden sich die Albaner von Mazedonien, aus dem Süden Serbiens, aus Montenegro und dem Norden Griechenlands mit den Waffen in der Hand und mit Unterstützung des Kosovo für die Abspaltung von Mazedonien erheben.

Der Westen wird dieses Projekt unterstützen, denn für ihn ist es wichtig, die Serben und die anderen orthodoxen Völker des Balkans zu schwächen und von Moskau zu isolieren. Die Vereinigten Staaten brauchen Militärbasen für die politische Kontrolle der Region. Die Europäische Union akzeptiert schweigend die Wendung der Ereignisse und hat die naive Hoffnung, dass die Umgestaltung des Balkans sich auf friedliche Weise vollziehen wird. Doch wenn der Plan zur Schaffung von Groß-Albanien in Gang kommt, dann wird die Europäische Union an ihrer Türschwelle eine explosive Brutstätte von andauernden Spannungen, Hass, Verbrechen und Gesetzlosigkeit erben. Der „zur Hälfte“ unabhängige Kosovo legt eine solche Vorhersage nahe.

Weil das Tempo auf dem Weg zur vollen Unabhängigkeit des Kosovo nachgelassen hat, beginnen die Albaner in ihrer Ungeduld, an Serbien und Europa zu appellieren . Zunächst hat ein Prozess begonnen, der weder in Albanien noch in Europa erklärt werden kann: Zu Tausenden verlassen albanische Familien ihr Zuhause im Kosovo, in Montenegro, Mazedonien und ziehen nach Albanien und – dank der offenen Grenzen – nach Europa. Die Behörden vor Ort stehen vor einem Rätsel und erklären diese Migration mit der Massenarbeitslosigkeit, unter der die Region leidet. Aber nach unserer Meinung ist dieser große albanische Exodus entweder eine Methode, die europäische Union daran zu erinnern, dass die Zeit reif ist für die Regelung der Unabhängigkeit des Kosovo, oder er ist die Vorbereitung auf einen großen Krieg.

In Preševo, Medveda und Bujanovac (im Süden von Serbien) bereitet man in hohem Tempo die Abtrennung dieser drei Regionen vom Rest Serbiens vor. In Montenegro sind, ethnisch betrachtet, nur 5,5 Prozent der Bevölkerung Albaner und doch ist die Stimmung dort angespannt. Griechenland wird ebenfalls mit der albanischen Frage konfrontiert. Tirana hat Athen seine Ansprüche auf gewisse Grenzgebiete schon mitgeteilt. Außerdem zeigen die Albaner in Mazedonien, dass sie bereit sind, ihr Anliegen mit Waffengewalt zu regeln. Die radikalen Kräfte des Kosovo fordern von Tirana und Pristina, sich in Mazedonien einzumischen und „den Diktator Nikola Gruevski zu stoppen“, weil die mazedonische Polizei Albaner angegriffen habe. Sie versprechen, dass sieben Millionen Albaner „auf dem Marsch sind, um Mazedonien mit bloßen Händen einzunehmen und dass dieses Land bald nicht mehr existieren wird“.

Wie werden die Ereignisse in Mazedonien sich entwickeln? Wahrscheinlich werden die europäischen Politiker und die UNO ihre Besorgnis um die Demokratie im Lande ausdrücken, den Einsatz der mazedonischen Polizei in Kumanovo verdammen und eine internationale „unparteiische“ Untersuchung über „die Verletzung der Menschenrechte“ fordern (ohne vom Vorwurf des Terrorismus zu sprechen). Solange die Polizei zögerlich auftritt, werden die albanischen Militanten eine Reihe von Provokationen und Terrorhandlungen im Lande anzetteln und der mazedonischen Regierung und dem Präsidenten die Verantwortung für die Toten und Verletzten zuschieben. Die Albaner von Tetovo, Kumanovo und Skopje werden anfangen, bewaffnete Einheiten zu bilden, und bestimmte Gebiete unter ihre Kontrolle bringen. Die Europäische Union wird damit drohen, Mazedonien den Anschluss an die EU zu verweigern, und so Gruevski dazu nötigen, Frieden mit den Aufständischen zu schließen und keine militärische Gewalt anzuwenden.

Wenn die Albaner wie in 2001 eine Nationale Befreiungsarmee (die seither in den Untergrund gegangen ist) auf die Beine stellen, wird der Krieg unvermeidbar. Dann werden die Kämpfer von al-Qaida und dem Islamischen Staates den moslemischen Albanern zu Hilfe kommen. Und sie werden den Mazedoniern ihre Bedingungen diktieren. Diejenigen, die die Albaner ermutigten, im Kosovo zu bleiben und jene, die 2001 eine Ausweitung ihrer Rechte in Mazedonien forderten, werden sich versöhnen. Die mazedonische Regierung wird am Verhandlungstisch gezwungen sein, weitgehende Konzessionen an die Albaner zu machen, die für einen Teil des Landes die Forderung nach Unabhängigkeit aufstellen werden. So werden gleichzeitig die ehrgeizigen albanischen Ambitionen befriedigt und die Ziele der USA erreicht, durch gefügige und gehorsame Marionetten-Staaten die vollständige Kontrolle über den Balkan zu bekommen.

Vergessen wir nicht das Wichtigste: Washington hofft, dass auf diese Weise der Einfluss Russlands in der Region sein Ende finden wird.

Elena Gouskova

Das Ende der europäischen Intellektuellen?

Was war die Stärke, die die Nationenbildung auf dem europäischen Kontinent beflügelt hatte? Oder was machte den gewaltigen Durchbruch aus, der schon vorher auf diesem Kontinent geschah, als die Planken des Mittelalters verlassen und der Marmor der Aufklärung betreten wurde? Und später, nachdem die Nationen in den Wettbewerb miteinander traten, wer hatte, in diesem manchmal schnöden Kampf um die Macht, den Weitblick, um auch andere Möglichkeiten der Entwicklung zu eröffnen? Neben den Klassen, die eine soziale Formation des gesellschaftlichen Antriebs sind, waren immer wieder Denker, Wissenschaftler, Philosophen am Werk, die den europäischen Kontinent in Schwung brachten.

Sie, die Intellektuellen, hier aufzuzählen, dazu reichten weder Raum noch Zeit. Europa, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, war gesegnet mit hervorragenden Intellektuellen, die an den Reibungsflächen der Erkenntnis die Augen offen hielten und sich zu Wort meldeten. Entweder warnten sie vor Entwicklungen, in die eine unbedarfte und unreflektierte Gesellschaft zu schlittern drohte oder sie wiesen Lösungswege, die Ansätze einer tatsächlichen oder vermeintlichen Befreiung zeichneten. Denn auch sie irrten, zuweilen sogar gewaltig. Aber sie waren das Salz in der Suppe, d.h. sie brachten Geschmack in die Substanz des Daseins.

Die Intellektuellen wurden, analog zu der wechselvollen Geschichte des Kontinents, zum einen zu Nationalhelden, zum anderen wurden sie verfolgt und gemeuchelt. Auch darin unterschieden sie sich nicht vom Rest der Gesellschaft, deren Teile immer auch beiden beschriebenen Schicksalen erlagen. Dennoch, ohne sie wäre vieles anders verlaufen und ohne sie wäre die Geschichte der verschiedenen europäischen Nationen eine fade Angelegenheit.

Irgendwann, in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, da setzte eine Entwicklung ein, die als das Verschwinden der Intellektuellen als markante Gruppe in Europa bezeichnet werden kann. Vielleicht hat es Milan Kundera in einem Essay aus dieser Zeit nolens volens am besten auf den Punkt gebracht. In dem immer noch lesenswerten Essay „Un occident kidnappée oder die Tragödie Zentraleuropas“ beschrieb er, wie er und ein Freund durch die Straßen Prags irren und sich vergeblich überlegen, welchen europäischen Intellektuellen von Format sie denn anrufen könnten, der Partei für sie als zensierte und verfolgte Schriftsteller ergreifen könne. Schließlich fanden sie ihn in Jean Paul Sartre doch, aber der freie, renitente, politisch unabhängige Intellektuelle war in Europa eine Rarität geworden.

Leider lässt sich feststellen, dass sich dieser Zustand verstetigt hat. Die politischen Krisen, in denen sich das heutige Europa befindet, haben an Qualität wie Komplexität zugenommen, aber ein Votum seitens europäischer Intellektueller, die eine internationale Anerkennung aufgrund ihrer eigenen Leistungen genießen, bleibt beharrlich aus. Wie aufreizend wäre es, wenn europäische Intellektuelle aus verschiedenen Ländern den Wahnsinn in der Ukraine, die Brandlegung im Kosovo, den Kulturmord in Portugal, das Auslöschen einer kompletten Generation in Spanien und die Abwicklung einer ganzen Nation in Griechenland anprangern würden. Da wäre es vorbei mit den vermeintlichen Sitten derer, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit stehen und von einer primitiven Journalistenschar dafür gelobt werden, dass sie den Weg der Barbarei dem der Zivilisation vorziehen. 

Vielleicht ist es gerade der Medienbetrieb, der vieles zunichte gemacht hat, was das freie Denken betrifft. Aber vielleicht sind es auch die Charaktere heute, die so etwas wie schlichte Standfestigkeit vermissen lassen. Emile Zola drohte für sein „J´accuse!“ das Gefängnis und dennoch zögerte er keine Sekunde, den Artikel zu veröffentlichen. Heute, wo die Gebildeten alles spannend finden, was Geld einbringt, scheint das eine Eigenschaft zu sein, die eher befremdet.