Was Attac mit dem Manchesterliberalismus verbindet

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Clemens Schneider macht den Linken ihren Alleinvertretungsanspruch auf Weltverbesserung streitig.

Clemens Schneider© FOTO PRIVATClemens Schneider

Ein Pazifist auf einsamem Posten. Europa liegt im Kriegsfieber. Der Imperialismus nimmt gerade richtig Fahrt auf. Die europäischen Staaten sind damit beschäftigt, Kolonien unter einander aufzuteilen, und gleichzeitig nach Gründen Ausschau zu halten, um sich gegenseitig an die Kehle zu gehen. In dieser Atmosphäre verliert einer der angesehensten Männer seiner Zeit – Richard Cobden – sehenden Auges seine ganze Beliebtheit, weil er sich für Abrüstung und eine Kultur der Gewaltlosigkeit einsetzt. Wenige Jahre zuvor hatten ihm in Großbritannien die Massen zugejubelt, war er in ganz Europa zu Vorträgen unterwegs gewesen. Jetzt plötzlich spottet das ganze Land über ihn. Oder hetzt.

Richard Cobden war der Begründer des Manchesterliberalismus. Dieser Begriff wird heute nur allzu gerne als Schimpfwort verwendet. Manchesterliberalismus – das war sogar für Rainer Brüderle ein Schreckgespenst. Ausbeutung durch gewissenlose Großkapitalisten! Man könnte den Manchesterliberalen allerdings kein größeres Unrecht tun, als sie derart misszuverstehen. Cobden und seine Mitstreiter kämpften in den späten 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gegen Schutzzölle, die eine mächtige Großgrundbesitzer-Lobby durchgesetzt hatte und die verheerende Hungersnöte hervorriefen. Der Freihandel, für den sie stritten, befreite Millionen von Arbeitern von Not und Elend. Daneben kümmerte sich Cobden aber auch um das Bildungswesen und – eben – um Pazifismus.

Mehr als hundert Jahre, ehe Martin Luther King mit seiner Rede „I have a dream“ die Welt erschütterte, berührte und begeisterte, hatte Cobden in einer Rede in Manchester seine Vision von einer besseren Welt entworfen:

„Ich richte meinen Blick weiter. Ich sehe, dass das Freihandelsprinzip die moralische Welt bestimmen wird wie das Gravitationsprinzip unser Universum: indem es Menschen einander nahe bringt; indem es den Gegensatz der Rassen, Bekenntnisse und Sprachen beseitigt; indem es uns in ewigem Frieden aneinander bindet. Und ich habe noch weiter geschaut. Ich habe spekuliert, ja wohl geträumt, von einer fernen Zukunft, vielleicht in tausend Jahren. Ich habe darüber spekuliert, was das Ergebnis davon sein mag, dass dieses Prinzip obsiegt. Ich glaube, dass es das Antlitz der Erde verändern wird, indem es ein Prinzip des Regierens hervorbringen wird, das sich vollständig vom derzeitigen unterscheidet. Ich glaube, dass das Streben nach großen und mächtigen Reichen absterben wird; das Streben nach gigantischen Heeren und bedeutenden Flotten; nach den Mitteln, die benutzt werden, um das Leben zu zerstören, und um die Früchte der Arbeit zu verwüsten. Ich glaube, dass all das nicht mehr nötig sein wird und auch nicht mehr angewandt wird, wenn die Menschheit erst eine Familie geworden ist und Mensch mit Mensch aus freien Stücken die Früchte seiner Arbeit brüderlich austauscht.“ (eigene Übersetzung)

Für eine Welt ohne Diskriminierung

Diese Sätze des prominentesten Manchesterliberalen könnten zu großen Teilen auch aus der Feder eines Attac-Aktivisten stammen. Die beiden haben viel mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Ganz offensichtlich teilen sie dieselben Ziele: Sie wollen eine Welt in Frieden, ohne Diskriminierung, in der alle teilhaben können am wachsenden Wohlstand. Womöglich würde sich Cobden heute auch für Umweltschutz einsetzen. Idealisten, Utopisten, Weltverbesserer sind beide: der Liberale wie der Linke.

Der Liberalismus ist aber in der Zeit nach Cobden zunehmend spießig geworden. Die 68er, die heute, mit stattlichen Pensionen ausgestattet, darauf achten, dass der Nachbar seine Hecke ordnungsgemäß zurückschneidet, sind kein singuläres Phänomen. Auch der Liberalismus ist nach seinen Blütezeiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Behäbigkeit und Lethargie gefallen. Etliche Schlachten waren siegreich geschlagen; das Feuer war erloschen. An die Stelle des anfänglichen Idealismus trat langweiliger Pragmatismus. An der einen oder anderen Schraube zu drehen, schien ausreichend. Neue Maschinen wollte keiner mehr bauen. Die Ziele, die Cobden noch gesetzt hatte, wollte keiner mehr ernsthaft verfolgen. Wer die Welt zu verändern suchte, fand im Liberalismus keine Heimat mehr.

Wie der Liberalismus verspießbürgerlichte

Mit der Verspießbürgerlichung des Liberalismus ging eine wachsende Abneigung, wenn nicht gar Abscheu gegenüber den Weltverbesserern einher, die sich heute noch im verächtlichen Terminus „Gutmensch“ wiederfindet. Kein Wunder, dass man in ihnen plötzlich Feinde sah, schließlich hatte man sie vorher dem politischen Gegner in die Arme getrieben. Das Beispiel von Cobden zeigt: die Träumer waren nicht per se Feinde des Liberalismus. Man hatte sie sich zu Feinden gemacht. Und darunter leidet der Liberalismus bis heute.

Dahinter steckt das Aufgeben der eigenen Überzeugungen, das fundamental und existenziell ist. Das deutlichste Wesensmerkmal des Liberalismus über die Zeiten hinweg ist der Mut. Freiheit fordert die Bereitschaft, die Kontrolle aufzugeben. Wie der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek in seinem bedeutenden Aufsatz „Warum ich kein Konservativer bin“ schrieb, beruht „der liberale Standpunkt auf Mut und Zuversicht …, auf einer Bereitschaft, der Veränderung ihren Lauf zu lassen, auch wenn wir nicht voraussagen können, wohin sie führen wird.“ Und der Philosoph Karl Popper sprach vom „Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse und ins Unsichere weiterschreiten.“ Das sind klassische Aufgaben für Weltverbesserer, nicht für eingefleischte Pragmatiker.

Helmut Schmidt mochte noch so sehr über Leute spotten, die Visionen haben, und ihnen einen Arztbesuch empfehlen. Die Visionen seines Vorgängers und seines Nachfolgers haben wesentlich zur Zeitenwende von 1989 beigetragen. Ängstlichkeit, oft in das Gewand von Realismus und Pragmatismus gehüllt, hat noch nie den Lauf der Geschichte verändert. Wer sich freiwillig auf das „Machbare“ und „Durchsetzbare“ beschränkte, wurde früher oder später immer von fundamentalen Veränderungen überrollt. Pragmatiker sind die Verwaltungsbeamten im Lauf der Welt. Weltverbesserer aber sind die Unternehmer der Weltgeschichte. Sie gehen ein Risiko ein.

Gibt es eigentlich auch liberale Weltverbesserer

Ein Unternehmer in diesem Sinne war auch William Wilberforce. Diesem Mann verdankt die Welt entscheidende Schritte auf dem Weg zur Abschaffung der Sklaverei in den westlichen Ländern. Über Jahrzehnte führte er den Kampf gegen die Reichen und Mächtigen im Großbritannien der Wendejahre vom 18. zum 19. Jahrhundert. Oft genug schien er zu verlieren – nicht nur die Sache, sondern auch seine Freunde, seine Gesundheit, sich selbst. Aber er glaubte an seine Idee, dass alle Menschen frei sein sollten. Und am Ende hatte sein Unternehmen Erfolg. Dass er ein Risiko eingegangen war, zahlte sich aus, als er auf seinem Sterbebett von der endgültigen Abschaffung der Sklaverei in seiner Heimat erfuhr. Menschen wie Wilberforce verändern die Welt.

Die Weltverbesserer sind heute mehrheitlich auf der Linken zu finden, weil der Liberalismus versagt hat. Die Linken wollen Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand für alle, Gleichberechtigung, Umweltschutz. Welcher Liberale wollte das nicht auch? Dennoch stoßen sie die Linken brüsk zurück. Das hat nicht nur mit der Verspießbürgerlichung des Liberalismus zu tun, sondern wesentlich auch damit, dass Liberale allzu häufig nicht bereit sind, zu differenzieren. Weil sie – oft mit guten Gründen – die Mittel und Wege der Linken ablehnen, verwerfen sie zugleich auch deren Ziele. Das ist natürlich Unfug. Sie lehnen schließlich auch nicht den Gelderwerb ab, nur weil ein Dieb zu diesem Behufe stiehlt.

Die Vertreter des Liberalismus können nur dann hoffen, die Welt wieder wirksamer zu verändern – zu verbessern –, wenn sie sich auf die Zeiten von Wilberforce und Cobden zurückbesinnen. Wenn der Liberalismus für Weltverbesserer wieder attraktiv wird. Wenn sich die Liberalen wieder idealistische Ziele auf die Fahnen schreiben. Wenn sie sich überhaupt wieder einmal entschließen, die Welt verbessern zu wollen. Liberale dürfen keine Angst haben vor dem Träumen. Friedrich Schiller, einer jener freiheitsbesessenen Weltverbesserer, hat als Mittzwanziger das Drama „Don Karlos“ geschrieben. Nachdem dessen eigentlicher Held, der Marquis Posa, mit seinen Plänen für die Freiheit der Niederlande gescheitert ist, trägt er der spanischen Königin auf, seinem Freund Don Karlos eine Botschaft zu überbringen. Diese Botschaft sollten den heutigen Liberalen ins Stammbuch geschrieben werden:

Er mache –
O, sagen Sie es ihm! das Traumbild wahr,
Das kühne Traumbild eines neuen Staates,
Der Freundschaft göttliche Geburt. Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei! Er lege Hand an. Wenn
Jahrhunderte dahin geflohen, wird
Die Vorsicht einen Fürstensohn, wie er,
Auf einen Thron, wie seiner, wiederholen
Und ihren neuen Liebling mir derselben
Begeisterung entzünden. Sagen Sie
Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte
Gerühmter besserer Vernunft das Herz
Der zarten Götterblume – daß er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung, die Himmelstocher, lästert.

Clemens Schneider, geboren 1980 in Düsseldorf, ist Mitbegründer und Managing Director des klassisch-liberalen Think Tanks Prometheus – Das Freiheitsinstitut. Außerdem arbeitet er im Augenblick an einer Dissertation in Katholischer Theologie über den liberalen englischen Historiker Lord Acton.

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