Selbst die Zukunft war früher besser

Ein durchaus nicht selten zu hörender Scherz bezieht sich auf die Haltung vieler Skeptiker. Ihnen wird die Formulierung in den Mund gelegt, früher sei alles besser gewesen, selbst die Zukunft. Was tatsächlich Anlass zum Schmunzeln gibt, hat aber auch einen wahren Kern. Er bezieht sich auf den Optimismus, der mit Vorstellungen von der Zukunft verbunden ist. Kaum eine Epoche wie Industriezeitalter und Moderne hat den Menschen mehr Anlass gegeben, von der Zukunft zu schwärmen. Noch in der letzten Dekade des letzten Jahrtausends wurden diejenigen, die lediglich düstere Bilder von der Zukunft zeichneten, eher mit einem Lächeln bedacht. Die Euphorie, die das bürgerliche Zeitalter mehr als zweihundert Jahre begleitet hat, obwohl es durchzogen war von schrecklichen Kriegen, diese Euphorie ist dahin. Und zwar ziemlich genau mit dem Eintritt in das 21. Jahrhundert. 

Dabei ist die Vorstellung von Zukunft das Bindeglied von Gesellschaften. Vor allem nach-revolutionäre Gesellschaften haben den Vorteil, über ein Programm zusammengefunden zu haben, dessen Realisierung noch aussteht. Das mobilisiert und solidarisiert. Trotz vieler Irrwege und Beschwerlichkeiten herrscht ein Konsens, der sich auf eine sogar fernere Zukunft beziehen kann und der besagt, die Vision, die wir alle anstreben, können wir nur gemeinsam erreichen. Dazu müssen wir uns gegenseitig unterstützen und tolerant untereinander sein, sonst wird daraus nichts. 

Statische, satte Gesellschaften hingegen vermitteln einen ganz anderen Eindruck. In ihnen bleibt es den einzelnen Individuen überlassen, ob sie eine Vorstellung von der Zukunft haben oder nicht. Die Gesellschaft als Ganzes wird verstanden als ein Arrangement, in dem der Status Quo zu sichern und das Erreichte zu verwalten ist. Diese Gesellschaften sind auch bei Krisen wesentlich instabiler als diejenigen mit einem gemeinsamen Zukunftsprogramm. Gesellschaften, die im Hier und Jetzt leben, haben eine regelrechte Abneigung gegenüber dem Ansinnen, die Zukunft zu beschreiben und diejenigen Mitglieder, die versuchen, dieses zu tun, sind einer regelrechten Treibjagd ausgesetzt.

Es liegen also zwei Fragestellungen vor, die nicht einfach zu beantworten sind, deren Antworten allerdings erforderlich sind. Die eine bezieht sich auf die Negativierung der Zukunft im Allgemeinen, die andere auf die Aversion gegen Zukunft im Konkreten, d.h. der Bundesrepublik Deutschland. Eine Debatte darüber ist notwendig. Und Debatten entstehen manchmal – bei etwas Glück – über die Formulierung einiger provokanter Sätze:

Die Auflösung des Ost-West-Konfliktes, in dem sich Kapitalismus und Sozialismus gegenüber standen und der von dem konservativen US-Historiker und Politologen Francis Fukuyama als Ende der Geschichte beschrieben wurde, hat der Welt nicht gut getan. Eine Welt, die sich systemisch am Ende der Entwicklung wähnt, mobilisiert bei den Problemen, die sie immer produzieren wird, keine positiven Ideen mehr. Wenn es keine Konkurrenz unterschiedlicher Gesellschaftskonzepte mehr gibt, verhindert die Selbstgefälligkeit Innovation.

Eine Gesellschaft, die trotz Größe und Potenzial nicht gelernt hat, politische Prozesse selbst zu gestalten, agiert generell vorsichtig bei der Betrachtung von Zukunft. Das Deutschland unserer Tage hat bei allen Versuchen, Geschichte zu gestalten, immense Katastrophen ausgelöst. Seine Geschicke wurden nach diesen Katastrophen im 20. Jahrhundert von anderen bestimmt. Politisch entmündigt und wirtschaftlich ermutigt wurde ein Wohlstand produziert, der ohne tatsächliche politische Vision zustande kam. Daher ist die politische Vision in einer Gesellschaft, die sich mental lieber abschottet, eine suspekten Größe. Ohne Vision sind allerdings Stillstand und Rückschritt die Perspektive.

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2 Gedanken zu “Selbst die Zukunft war früher besser

  1. Was ich in dem Zusammenhang noch für wichtig halte: Der Optimismus ist einmal mehr dahin. Das Ende der Geschichte ist ja beinahe schon traditionell mit Jahrhundertwechseln verbunden. Man denke an den Beginn des 19. Jahrhunderts, nach der gescheiterten Revolution erst die napoleonische Wiedererrichtung der Monarchie in Frankreich und dann die europäische Restauration Metternichs als erneute Zementierung des monarchischen Systems, zu Beginn des 20. Jahrhundert die pessimistische Dekadenzliteratur in ganz Europa und die Zementierung des Imperialismus. Die scheinbar so festgefahrenen Strukturen haben immer gewaltige Energien freigesetzt, die -so furchtbar sie im Falle des 1. Weltkriegs waren – schließlich doch zu neuen Gesellschaftsstrukturen geführt hat. Egal wie saturiert ein System ist, Veränderungen, um nicht zu sagen Weiterentwicklungen (so optimistisch bin ich dann doch nicht) sind als dem menschlichen Leben inhärentes Phänomen unausweichlich. Von dem Versuch, den gegebenen Zustand bloß zu verwalten, geht damit aber immer eine Gefahr aus. Ein wenig mehr Optimismus und Mut zu Neuem wäre durchaus wünschenswert.

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  2. Vielen Dank. Mir gefällt Deine analytische Herangehensweise.

    Ich denke, dass das Ende der bipolaren Weltordnung in der Tat (so schön es sicher ist) eine „Sätte“ bewirkt hat. Das fehlen eines äußeren Feindes ist möglicherweise auch die Ursache dafür, dass das 21. Jahrhundert ein Zeitalter der Psychopathologie ist (insb. Depression), weil „innere Kämpfe“ die äußeren ersetzen. Ist aber aber alles noch sehr spekulativ 🙂

    Bin gespannt auf weiteres.

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