Über das Prinzip der Gegenseitigkeit

Manchmal, wenn die Tagesnachrichten mehrheitlich über das Scheitern von Bemühungen berichten, zwischen Parteien mit unterschiedlichen Interessen zu einem Kompromiss zu kommen, ist es sinnvoll, sich über das Konstrukt eines Konsenses, der zu einem praktischen Handeln führen soll, Gedanken zu machen. Der Zeitpunkt ist in vielerlei Hinsicht wieder einmal gekommen. Voraussetzung für alles, was weiter führt, ist eine gelungene Kommunikation. In einem Zeitalter, dass sich selbst unter anderem als das der Kommunikation und seiner Techniken definiert, ist es erheblich, die Grundlagen noch einmal zu beleuchten. 

Da ist die Allerweltsweisheit, dass Kommunikation nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten sich daran halten, im Prozess der Kommunikation selbst ein Verhalten an den Tag zu legen, dass ihnen selbst als eine wesentliche Voraussetzung gilt. In Variation des Kategorischen Imperativs heißt das, sich selbst nur so zu verhalten, wie man es selbst von den anderen Interakteuren erwartet. Das bedeutet, die anderen wahr zu nehmen, sie anzuhören und ihnen zu unterstellen, dass sie selbst mit dem Interesse eines Gelingens zu dem Unterfangen angetreten sind. Denn selbst möchte man nicht mit der Anschuldigung konfrontiert werden, etwas anderes im Schilde zu führen und in „Wahrheit“ mit einer zweiten Agenda unterwegs zu sein, die beinhaltet, die anderen Teilnehmer hinters Licht zu führen. Diese Voraussetzung kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn allen unterstellt werden kann, dass sie das Ziel der Kommunikation, nämlich eine Verständigung zu erreichen, als ihr eigenes anerkennen. In der modernen Kommunikationsforschung heißt das, es existiert eine gemeinsame Intentionalität. Ist diese nicht gegeben, dann ist das Scheitern programmiert.

Bei Betrachtung der großen Enttäuschungen, die gegenwärtig allgemein kommuniziert werden, ist genau diese gemeinsame Intentionalität nicht gegeben. Der Versuch der Kommunikation, die in einem praktischen Lösungsmodell für Interessenkonflikte eine Perspektive finden soll, entsteht jedoch nicht aus einem intrinsischen Interesse der Konfliktlösung, sondern aus einem vor der Öffentlichkeit bestehenden Legitimationszwang. Es existiert ein Druck, der den Akteueren signalisiert, dass mit Verwerfungen zu rechnen ist, wenn sie sich nicht mühen, zu einer durch Vernunft geprägten Lösung zu kommen. Das wiederum korrespondiert nicht mit der eigenen Agenda. Sie besteht in den auffälligsten und mächtigsten Fällen in dem Ziel, die andere Seite zu bezwingen.Das Scheitern ist so sicher wie die Nutzlosigkeit der Übung.

Dei beiden großen Konflikte, die in diesen Tagen die Öffentlichkeit bewegen, der Konflikt in der und um die Ukraine wie das Desaster um die griechische Ökonomie, sind von einem Mangel an gemeinsamer Intentionalität geprägt. In der Ukraine geht es um geostrategische Dominanz, in Griechenland um den Schutz einer mächtigen Gruppe der Krisenverursachung selbst. Die Akteure, die durch den Legitimationsdruck von außen mobilisiert sind, bekunden, an einer fairen Kommunikation interessiert zu sein, aber sie weichen nicht ab von ihrer Agenda. Die daraus resultierenden Handlungen enden folglich so, wie sie begonnen haben: Sie manifestieren die gegenseitigen Anschuldigungen, ganz andere Ziele zu haben als die vorgegebenen und sie offenbaren die ständige Verletzung der Regeln eines zielgerichteten Kommunikationsprozesses selbst.

Da schlösse sich die Frage an, welche politische Dimension es hätte, wenn das ganze ideologische Beiwerk von der eigenen Überlegenheit von Werten und Menschenrechten den harten Zielen, die damit verbunden sind, wiche. Wenn offen bekannt würde, dass es um Landgewinn, um Schürfungsrechte, um Märkte, um Bankenschutz und um nackte Dominanz ginge. Es stellte sich die Frage, welche Mehrheiten dann zustande kämen. Ob sie anders aussähen, steht dahin, aber es wäre den Versuch wert und es beendete das unwürdige Spiel einer trügerischen Bereitschaft, sich in den Sphären der Vernunft zu bewegen.

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Bekehrungsphantasien

Als letzter Spot vor den Hauptnachrichten in der ARD kommt des öfteren die Werbung für eine Bank. Es geht, natürlich, um deren revolutionär gute Leistungskraft. Letzteres wird entlehnt der unglaublichen Zielstrebigkeit der Deutschen generell. „Sind wir Deutschen noch normal“, so beginnt eine Suggestivsequenz, in der auf den politischen Willen verwiesen wird, die Energiewende tatsächlich hinzubekommen. Wer sich so etwas vornimmt, so die Botschaft, der ist zu allem fähig. Wir Deutschen sind es, die sich mit solchen Zielen von der Welt abheben. Vielleicht ohne es zu wollen, packen die Werbefachleute die potenzielle Kundschaft genau da, wo diese am labilsten ist: An ihrem Überlegenheitsgefühl und ihrem Prestigedenken. Ja, wir sind schon tolle Hechte, wir Deutschen.

Das Sendungsbewusstsein gehört nun schon seit mindestens einem Vierteljahrhundert zum Gestus derer, die den großen Krieg nicht mehr erlebt haben und deren politische Arbeitsfelder mit dem Ende des Kalten Krieges brachlagen. Anti-Militarismus, Anti-Imperialismus und bloßer Pazifismus waren passé, alles war gerichtet für den sanften Aufstieg in eine neue Mittelklasse, die sich nur zu bereitwillig von ihrer eigenen Geschichte lossagte. Zyniker nannten die politischen Konvertiten gerne eine Renaissance der „Zurück, oh, Mensch, zur Mutter Erde“-Bewegung der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und, von der Themenwahl, mit der sich diese neue Kraft auch politisch formierte, ähnelte sie dieser in sehr starkem Maße. Denn sie wirkte zunächst einmal unpolitisch, bis auffiel, dass sie Ernährungsgewohnheiten, Sexual- und Kaufverhalten über jedes Maß politisierten, während sie soziale Lebensbedingungen, Fragen der Gerechtigkeit und Friedenserhaltung bewusst bagatellisierten. 

Der Trugschluss derer, die entweder an der politischen Vorgeschichte dieser neuen Klasse beteiligt waren und auch zum Teil derer, die ihr ein politisches Mandat verliehen, war der, dass sie glaubten, es noch mit einer politischen Bewegung zu tun zu haben. Das ist, zumindest wenn die Dialektik zum Instrumentarium der Betrachtung gehört, einerseits richtig und trivial und andererseits nur der Schein von etwas anderem. Denn aus sich selbst heraus war der neue Stand nur noch egoistisch auf seine Interessen bedacht, er verstand es aber, die Illusion einer allgemeinen politischen Interessenvertretung auch bei denen zu suggerieren, die sie nur wählten, ihr aber nicht angehörten.

Und so erleben wir heute einen neuen bildungsbürgerlichen Mittelstand, der den Mächtigen in diesem Land in keiner Weise mehr weh tut, solange ihm  die Stimmen dazu reichen, sich selbst nach den eigenen Bedürfnissen zu bedienen. Alles, was das Gros der Bevölkerung heute an Bevormundung und Schikane ärgert, ist zumeist den Bedürfnissen der in dieser Klasse vereinigten Sonderlingen zu verdanken, die, im übertragenen Sinne, unablässig an allem kränkeln, was ihren Gewohnheiten fremd ist. Und ihr etabliertes Refugium zu erhalten, das ist ihr ganzes Ansinnen.

Alles, was diesem Partikularinteresse und der ihm zugrunde liegenden Werte entgegensteht, wird als feindliche Bedrohung gesehen und daher rigoros bekämpft. In dieser Auseinandersetzung werden selbst eigene Werte geopfert, solange das hilft, die eigene, gefühlte Bedrohung zu eliminieren. Der eigene Kanon von Interessen und den dazugehörigen Werten und Ritualen wird in dieser Auseinandersetzung überhoben. Was herauskommt, ist die wohl sektiererischste Erscheinung in der westlichen Zivilisation.  Diese pseudo-alternative und nicht von ungefähr archaisch daher kommende Lebensweise wird, so der Glaube, die restliche Welt beglücken. Der neue Mittelstand, dessen Stimme so stark ist, dass sie über die Grenzen in andere Länder ertönt, ist voll auf Sekte. An diesem Wesen, so glauben ihre Mitglieder, soll die Welt genesen. Eine Weise, die manchen noch geläufig ist.

Deutschland gehen die Unternehmer aus

Deutschland gehen die Unternehmer aus oder

Der fehlende Wille zur Selbständigkeit

Glaubt man den Umfrageergebnissen unter jungen Leuten in Deutschland (14 bis 34 Jahren) von heute, dann will nur jeder Dritte von ihnen sich selbständig machen. Europaweit sollen es deutlich mehr sein, etwa die Hälfte.

Vielen jungen Leuten ist heute das soziale Umfeld wichtiger als ein Chefposten. Woran mag das liegen? Zum einen an dem überdurchschnittlichen Zeitaufwand, an der hohen sozialen Verantwortung für die Mitarbeiter und zum anderen an dem großen Risiko für das eigene Portemonnaie. Und an dem von den Medien mitgeprägten Bild der „Bosse“. Sicherlich auch am Schulunterricht.

Dabei werden in Deutschland in den nächsten drei Jahren den Umfragen zufolge rund 130.000 Unternehmensnachfolger benötigt. Gehen Deutschland die Unternehmer aus? Wenn dieser Generationenwechsel mißlingt, erlebt die deutsche Volkswirtschaft und die in ihr beschäftigten Männer und Frauen einen rapiden materiellen Abstieg.

Früher war der Gärtner immer der Mörder, heute steht der Firmenlenker zur Erheiterung des TV-Publikums oft negativ im Mittelpunkt der von Fernsehmachern erfunden täglichen unzähligen Verbrecherserien. Nicht der sympathische und bescheidene Herr Roßmann z.B. bestimmt die öffentliche Wahrnehmung, sondern hochbezahlte Angestellte, allgemein Manager genannt, die auf Grund ihrer Arbeitsverträge für Erfolge und erst recht für Mißerfolge oft fürstlich belohnt werden. Oder größenwahnsinnig werden und ohne schlechtes Gewissen das Vermögen ihrer Arbeitgeber, der Aktionäre, schmälern. Zum Beispiel durch private Helikopterflüge, auf Firmenkosten. Oder als angestellte „Banker“ in öffentlichen Einrichtungen Milliarden verzocken im Größenwahn.

Generell hat die Wirtschaft in Deutschland ein Imageproblem. Besonders aber der deutsche Mittelstand. In der öffentlichen positiven oder negativen Wahrnehmung stehen Banken und DAX-Unternehmen in Deutschland im Vordergrund. Dabei ist der Mittelstand der größte Arbeitgeber, bildet die meisten Auszubildende aus und zahlt nicht zuletzt die meisten Unternehmenssteuern. Vor Ort, in Deutschland! Nicht in sog. Off-Shore-Ländern. Oder gar keine.

Was muß jetzt geschehen? Patentrezepte gibt es nicht. Aber einige Dinge sollten sorgfältig überlegt werden.

Zunächst wird von Wirtschaftsvertretern die Forderung ins Spiel gebracht, so wie in Skandinavien ein Schulfach „Wirtschaft“ einzurichten. Dafür müssten andere Fächer Federn lassen. Die Diskussion dieser Idee löst nach deutscher Tradition wahrscheinlich einen Kulturkampf aus und wird Landtagswahlen entscheiden.

Die Hochschulen bereiten ihre Studenten mehr auf eine akademische Beschäftigten-Laufbahn vor als auf eine Selbständigkeit in der Wirtschaft. Die Curriculae stehen also aktuell zur Debatte. Oh weh, wenn man an ihre zurückliegende Anpassung an das Bologna-Abkommen denkt.

Die Banken sollten verstärkt Wettbewerbe für Schüler oder Schulklassen ausloben, damit diese im Rahmen von Schulfirmen das ökonomische Eins und Eins lernen und üben können. Das gehört m.E. zum öffentlichen Bildungsauftrag der staatlichen Schulen.

Und bei weiterem Nachdenken fallen dem geneigten Leser sicherlich weitere gute Ideen ein.

Ferdinand Rosenbauer, Februar 2015

 

Man muss nur daran glauben

Ist es möglicherweise gut für die Gesundheit, sich einen Gott vorzustellen? Wie Spiritualität und religiöse Rituale auf die Psyche des Menschen wirken.

Wiebke Hollersen, in „Welt am Sonntag“, 4. Januar 2015

„Es ist völlig gleichgültig, ob es einen Gott gibt. Oder mehrere Götter. Ob Krafttiere, schwingendes Wasser oder magische Einhörner existieren, darum geht es nicht. Menschen glauben ja an alles Mögliche.

Es geht auch nicht um Kriege und Verbrechen, die täglich im Namen von Religionen begangen werden, die Unterdrückung Andersgläubiger, nicht um die lebensgefährliche Seite der Religion.

Es geht um die Frage, ob es möglicherweise gut für die Gesundheit ist, sich einen Gott vorzustellen, an ihn zu glauben und diesen Glauben auch zu leben. Ist Religion, ähnlich wie regelmäßige Bewegung gesund?

Wie wirkt die Spiritualität des Menschen sich auf seine Psyche aus und damit auf seinen Körper? Früher wurden solche Fragen oft als irrelevant oder wissenschaftlich nicht zugänglich abgetan. Wie soll man prüfen, ob Glaube hilft? Der Zugang der Wissenschaft zu dieser Frage ändere sich, sagt Christoph Wulf, er ist Psychologe an der Freien Universität Berlin. Der Mensch habe viele Ebenen, sagt er, nicht nur einen rationalen Geist.

Der Mensch hat auch Sinne, eine starke Imaginationskraft. Für diese Seiten öffne die Wissenschaft sich. Gibt es im Menschen ein grundlegendes Bedürfnis nach Spiritualität? Nach einer Art von magischem Denken. Wulf sagt, er vermute das. Zweihundert Jahre Aufklärung und Wissenschaftlichkeit hin oder her. Es bleibt etwas Rätselhaftes im menschlichen Leben, das sich nicht auflösen lasse.

Wulf beschäftigt sich mit der „unglaublichen Bedeutung“ von Ritualen für die Psyche des Menschen. „Es gibt nichts Soziales ohne Rituale. Menschen sind soziale Wesen“, sagt er, Rituale schaffen Gemeinschaft, sie geben Ordnung und damit Sicherheit, in Ritualen lernt man, sich in einer Kultur zu bewegen. Das funktioniere auch über den Körper und die Sinne. Wulf ist damit schnell bei den Religionen, die aus Ritualen zusammengesetzt sind. Man muß an die Leute denken, die nicht mehr in die Kirche gehen, sondern zum Yoga. Das ist die behagliche Seite der Religion, sie entlastet die Psyche, wenn man sich in ihr einrichtet. Sie löst Rätsel im Glauben auf, bietet höhere Mächte und eine Gemeinschaft zum Schutz. Ist Religion deswegen nachweisbar gesund?

Es gibt Forscher und inzwischen auch viele Studien, die das behaupten. Die meisten dieser Studien kommen aus Nordamerika. Fragen nach dem Glauben und nach der richtigen Lebensführung werden in den USA ziemlich ernst genommen. Aus den USA kommt auch der Forscher, der das Gebiet vorantreibt. Harold Koenig hat erst Geschichte studiert und ist dann Psychiater geworden. Er ist Professor an der Duke University in Durham, North Carolina, und leitet dort das „Center for the Study of Religion/Spirituality and Health“. Die Duke University ist eine angesehene Privatuni, die der Kirche nahesteht. Koenig sammelt Studien über Religion und Gesundheit und wertet sie in Megastudien aus. Dabei kommt regelmäßig heraus, daß der Glaube eine Art Wundermedium ist.

Für die letzte Metastudie haben seine Mitarbeiter mehr als 1200 Artikel gesammelt, die in wissenschaftlichen Magazinen seit dem Jahr 1872 erschienen waren. Ob Gottesglaube gesund ist, fragen sich Wissenschaftler schon eine ganze Weile. Seit Mitte der 1990er Jahre sei das Forschungsgebiet aber geradezu explodiert, schreibt Koenig.

In etwa 80 Prozent der Studien ging es um den Nutzen von Religion und Spiritualität für die Psyche. Koenig macht zwischen den Religionen und anderen Formen des Glaubens keinen Unterschied, es geht ihm nicht darum, ob der Katholizismus mehr bringt als das Schamanentum.

Wie gehen Menschen mit Mißgeschicken um? Wie hoffnungsvoll oder optimistisch fühlen sie sich? Wie steht es um ihr Selbstwertgefühl? Gläubige schnitten in all diesen Fragen in der Mehrzahl der Studien besser ab. Auch bei schweren psychischen Krankheiten hilft es, auf höhere Mächte zu vertrauen, wenn man der Auswertung folgt. Der Glaube kann demnach Depressionen lindern – von 444 Studien, die Koenig zu dieser Frage fand, belegten fast 70 Prozent – und gegen Angststörungen helfen. Vor allem aber überwinden gläubige Menschen Suchterkrankungen aller Art besser. Mit Gott kommen Menschen leichter vom Alkohol los. Koenig fand auch Vorteile für den Körper. Gläubige haben einen niedrigeren Blutdruck, ein besseres Immunsystem, gesündere Herzen – und sie leben länger. Das hätten schon ganze 82 Studien belegt.

Es klingt nachvollziehbar, daß der Glaube den Stress lindert, daß die Religion mit ihren Regeln für ein gesünderes Leben sorgt, ohne durchgefeierte Nächte, Alkoholexzesse und, wie Koenig schreibt: „risky sex“, riskante Sexualpraktiken. All das ist schließlich verboten oder nicht gerne gesehen. Die Frage bleibt offen, wie die Gläubigen mit Alkoholsucht, die dank ihres Glaubens schneller von der Droge loskommen, ihr verfallen konnten.

Doch wie geht das überhaupt: Den Glauben testen wie eine neue Arznei? Mit Fragen der wissenschaftlichen Methodik befasst sich Koenigs Metastudie nicht. Wenn man herausfinden will, ob es etwas bringt, einen Apfel am Tag zu essen, kann man eine Gruppe von Leuten mit Äpfeln versorgen und eine andere von Äpfeln fernhalten. Aber wie soll die Effekte des Glaubens testen? Es gibt weder ein Maß für Glauben – noch für Unglauben. Trotz aller methodischer Schwierigkeiten wollen Forscher herausfinden, ob gläubige Menschen wegen ihres Glaubens gesünder sind, ob es gesünderen Menschen leichter fällt, zu glauben?

Die Studien zu diesen Fragen seien nicht sehr ergiebig, sagt Peter Walschburger. Er ist Biopsychologe an der FU Berlin. Vielleicht komme man weiter, wenn man in die Geschichte der Menschheit blicke. Wie sind die Religionen in die Welt gekommen? Warum halten sie sich so hartnäckig?

Religion habe aus anthropologischer Sicht „den Charakter einer generellen Angstbewältigungsstrategie“, sagt Walschburger. Der Mensch habe im Laufe der Evolution die Fähigkeit entwickelt, auf eine „mentale Zeitreise“ zu gehen. Er kann zurückdenken und weit voraus, bis zum eigenen Tod. Und über den Tod hinaus. Daraus ergibt sich ein Problem. Die mentale Zeitreise führt ins Ungewisse, in die Angst. Daß der Mensch in einem so globalen Maße religiös wurde, sei womöglich als Antwort auf eine „evolutionäre Problemstellung“ zu verstehen. Diese Problemstellung hat sich, man kann es leider nicht anders sagen, bisher nicht erledigt.

Waschburger sagt, daß die Annahme, der Mensch könne als völlig rationales Wesen funktionieren, wohl in die Irre führe. Die Gefühle des Menschen seien als „Vorläufer und Moderatoren“ des Verstandes wichtig. Dieses Wechselspiel lasse sich auch im Hirn nachweisen.

Wahrscheinlich ist Religion – abgesehen von den gesundheitsfördernden Riten kein Wundermedikament. Sie ist vielmehr ein großer, jahrtausendalter Placeboeffekt.

Samuel Weber forscht am Fachbereich für Psychiatrie an der Ohio State University. Auch er hat sich Studien zu der Frage, ob der Glaube die Gesundheit beeinflusst, angesehen. Auch Weber zählt die Studien auf, in denen herauskam, daß religiöse Menschen oft eine stabilere Psyche haben. Sie bewältigen posttraumatischen Stress besser, sie bringen sich seltener um – vermutlich schon, weil der Glaube ihnen den Suizid verbietet.

Der Glaube könne die Psyche aber auch beschädigen, schreibt Weber. Vor allem, wenn Gläubige in Konflikt mit ihrem Gott oder ihrer Glaubensgemeinschaft geraten. Sie leiden unter Zweifeln und Schuldgefühlen. Das ist ungesund. Depressionen und Angststörungen werden nicht besser, sondern schlimmer. Der Glaube des Menschen beeinflußt die Psyche, so oder so, schreibt Weber, Ärzte und Psychologen sollte das beachten.

Es kommt wohl, wie beim Dauerlauf und den Vitaminen, auf die richtige Dosis und eine gewisse Entspanntheit mit den eigenen irrationalen Seiten an.“

Instabil wie kriegsgeneigt

Zum Angriff wurde schon längst geblasen. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um nicht die dunklen Schimären des Ressentiments, der Verängstigung durch das Fremde und die Aggression als Schutz vor dieser Furcht zu mobilisieren. Morgens ist es der Grieche, der einem das Leben vergällt, mittags droht der Russe mit schwarzem Pulver und großem Knall und abends lauern die Muselmänner in jeder dunklen Ecke, um zu ihrem koranischen Halali zu blasen. Hinzu kommen die ganzen Syrer und Mohren, die unseren blonden Töchtern nachstellen. Als wäre das alles nicht genug, gesellen sich nun seit einiger Zeit auch noch stinkende Fleischfresser und pestende Raucher hinzu. Germanistan ist ein Jammertal, das immer nur bezahlen muss, damit der ganze Schmutz und die ganze Bedrohung, welche auf der Welt herrschen, von ihm fern gehalten werden. Deutschland, erwache! Das ist der Schrei, den die etablierte Presse verbreitet. Deutschland, lass dich nicht ausnutzen von bösen und faulen Griechen, lass dich nicht auslachen von marodierenden Russen und lass dich nicht verhöhnen von Muselmännern mit langen Bärten.

Nein, was in diesen ersten Zeilen steht, ist keine rhetorische Überzeichnung. Nahezu im Wortlaut steht das mittlerweile jeden Tag in unseren Zeitungen. Ja, wir sind wieder soweit. 70 Jahre nach dem großen, heillosen und verlorenen Krieg stehen wir wieder am Anfang. Die Dummheit regiert und die Zerstörung macht sich gerade zurecht, um zu folgen. Das Phänomen ist nicht einfach erklärt. Die Fragen, die bewegen, sind jedoch sehr präzise zu beschreiben.

Wie kann es sein, dass in einem Land, das sich auf die Fahnen geschrieben hatte, dass nie wieder Krieg von seinem Boden ausgehen dürfe, von diesem Weg abweicht? Wie kann es sein, dass das Bekenntnis zur Demokratie, das das Prinzip der Toleranz beinhaltet, formal so weiter leuchtet, in der Praxis jedoch zu einer Wucherung der Ignoranz und des selbst bezogenen Absolutismus verkommen ist? Wie kann es sein, dass die Lehre aus dem Desaster, die darin bestand, dass es viele, schöne, gleichberechtigte Kulturen auf diesem Planeten gibt, zur Vergötterung einer Monokultur mutierte, wie sie selbst das historische Vorbild nicht an Einfältigkeit hervorzubringen vermochte?

Viele, die heute die Regiebücher für die neue Mobilmachung schreiben, kamen aus der Bewegung gegen den Krieg. Das machte sie, aus deren eigener Perspektive, zu etwas Besserem, als allem, was vorher war. Im Gegensatz zu jenen, die den Krieg selbst erlebt hatten, wussten sie allerdings nicht um die Fehlbarkeit auch der als gut Verstandenen. Sie glaubten sich als die Guten und daher tappten sie in die Falle, die die Geschichte immer wieder dem Hochmut stellt. Sie glaubten sich moralisch erhöht im Verhältnis zu allen, die anderer Meinung waren. Damit leiteten sie das Ende dessen ein, was einst, als die Welt noch unter dem Primat von Realisten stand, als die Form von Koexistenz die Beziehungen von Unterschieden zueinander beschrieb.

Die Eiferer für den heißen Konflikt, über die man überall stolpert, sind weder intellektuell noch emotional der Koexistenz fähig. Das ist ein Novum und zeigt die Krankheit unserer Zeit. Ohne nach Schuldigen zu suchen, müssen wir feststellen, dass die digitale Revolution die Fähigkeit, zu differenzieren nahezu flächendeckend liquidiert hat. Und der Anti-Autoritatismus hat anscheinend nicht dazu erzogen, Machtverhältnisse, die nicht schmecken, auszuhalten, um sich selbst zu organisieren. Der Konflikt an sich wird als eine Ambiguität erlebt, unter der man nicht leben kann und die eigene, gefühlte Überlegenheit rät zu schnellen Handlungen. Da treiben Subjekte in den Krieg, die nicht wissen werden, wie ihnen geschieht.

Ein Zuruf aus dem Reich der Räson

Gabriele Krone-Schmalz. Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens

Nach der großen Beachtung, die ihr Interview auf YouTube gefunden hat und einigen Auftritten in den medienwirksamen Talkshows hat sich Gabriele Krone-Schmalz nun mit einem Buch zu Wort gemeldet. Es trägt den Titel „Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“. Kaum war es auf dem Markt, wurde sie bereits scharf in den Zeitungen und Magazinen attackiert, die bereits alles verlassen haben, was das Wesen einer kritischen Presse ausmacht. Ganz ehrlich, wer Emotionen gegen diejenigen zu mobilisieren sucht, die sich bereits darüber echauffieren, dass sie versuchen, verschiedene Parteien eines Konflikte zu verstehen und Verständnis bereits als Delikt ansehen, der hat sich bereits aus dem Reich der Räson verabschiedet.

Und genau darum geht es Krone-Schmalz. Ihre berufliche Vita qualifiziert sie in sehr hohem Maße dazu, ein qualifiziertes Urteil über Russland und seine Geschichte abzugeben. Bereits ihre Dissertation beschäftigte sich mit deutsch-russischen Feindbildern und später lebte sie als Korrespondentin zwischen 1987 und 1991 in Moskau, genau jener Zeit, als die einst mächtige Sowjetunion in sich zusammenbrach und Russland einen neuen Weg suchte. Authentischer kann man den Transformationsprozess nicht erleben, und wer ihre damaligen Reportagen noch einigermaßen präsent hat, kann sich erinnern, dass sie die komplexe und teilweise desaströse Befindlichkeit der Russen mit einer kritischen, aber auch empathischen Perspektive schilderte.

Das, was seit Beginn des Ukraine-Konfliktes hier, in Deutschland, geschah, ist daher ihr Thema. Weil sie sich als Journalistin einem Berufsethos verpflichtet fühlt, der das demokratische Wesen einer Berichterstattung zum Zentrum hat, ist ihr Entsetzen über das mediale Auftreten in diesem Konflikt groß. Sie liefert in dem 166 Seiten umfassenden kleinen Buch ein regelrechtes Kompendium über das, was falsch laufen kann.

Ohne emotional zu werden, dokumentiert sie das Auseinanderklaffen zwischen den Berichten, wie wir sie lesen und einem immer größeren Publikum, dass in der Lage ist, Tendenz und Fakten zu unterscheiden. Sie bietet eine Chronologie der Ereignisse und arbeitet an der Art wund Weise, wie ukrainische Entwicklungen, die unter demokratischen Aspekten haarsträubend sind, als völlig normal dargestellt werden, während russische Aktionen, die sogar internationalen Standards entsprechen, als kriminelle Vergehen angeprangert werden. Sie erläutert in sehr präziser Weise, wie Sprache bewusst eingesetzt wird, um zu täuschen und sie identifiziert die Rekonstruktion eines Feindbildes, von dem man glaubte, dass es mit dem Ende des Kalten Krieges zu den Annalen gehört. Was ihren Kapiteln fehlt ist die Anklage. Das ist eine große Stärke, aber sie hat es nicht nötig, weil die Enthüllungen über fahrlässige journalistische Praktiken wie politisches Wording für sich sprechen.

Was allerdings nicht unterbleibt ist die Prognose für die weitere politische Entwicklung in Europa. Sie basiert auf dem Unverständnis darüber, wie sich auch Deutschland ohne Not hat in einen Konflikt treiben lassen, der aufgrund seiner Komplexität nicht gleich überschaubar war. Es wäre, so schreibt sie, sehr einfach gewesen, mit den Organen, die den Kalten Krieg zu Ende gebracht haben, unter Einbeziehung Russlands die Lage in der Ukraine kühlen Kopfes analysiert zu haben und einen vernünftigen Modus vivendi zu finden. Das ist nicht nur unterblieben, sondern systematisch hintertrieben worden. Das Buch sollte jeder lesen, der ein Interesse an einer Objektivierung hat. Wer versteht, ergreift nicht dumm Partei. Aber er verhindert Torheiten, deren Ausmaß niemand taxieren kann.

Argumente für deutsche Diplomaten

Papier zum Ukraine-Krieg
Berlin liefert Diplomaten Argumente

Von Benjamin Konietzny

Neben den blutigen Kämpfen tobt in Osteuropa auch ein Informationskrieg. Mittendrin: deutsche Diplomaten in Russland. Um die populärsten verbalen Angriffe abzuwehren, hilft das Auswärtige Amt mit einer Broschüre zu den üblichen Behauptungen.

In Russland als deutscher Diplomat oder Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes zu leben, ist in diesen Tagen nicht leicht. Die westliche Sichtweise des Ukrainekriegs wird dort angezweifelt. Für das Personal in Russland hat das Außenministerium deshalb nun eine „Argumentationshilfe“ erstellt, die mit den 18 gängigsten Behauptungen aufräumen soll. Das Papier trägt den Namen „Russische Behauptungen – unsere Antworten“.

Die spannendsten Behauptungen und die passenden Antworten:

Behauptung: Der Westen hat sich in die inneren Angelegenheiten der Ukraine eingemischt und zur Absetzung der legitimen Führung Janukowitsch beigetragen.

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n-tv vor Ort in Debalzewe-Region: Spuren der heftigen Kämpfe werden sichtbar
19.02.15 – 01:45 min
MEDIATHEK
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Antwort: Das stimmt so natürlich nicht. Der Anlass für die Maidan-Proteste sei die überraschende Entscheidung Janukowitschs gewesen, kein Assoziierungsabkommen mit der EU abzuschließen. Die friedlichen Demonstrationen entwickelten sich anschließend zu Massenprotesten mit Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und dem Ende der Gewalt gegen Demonstranten. Der Westen hat stets eine friedliche Lösung gefordert.

Behauptung: In der Ukraine werden ethnische Russen unterdrückt und verfolgt, sie haben daher in Russland um Hilfe gebeten.

Antwort: Internationale Organisationen wie das IKRK (Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung) oder die OSZE haben nie eine Gefährdung der russischen Minderheit feststellen können. Eine Umfrage unter 1200 Ukrainern vom März 2014 habe zudem ergeben, dass sich innerhalb der russischsprachigen Bevölkerung nur sehr wenige Menschen unsicher fühlen. 49 Prozent verspüren demnach gar keine, 17 Prozent eher keine Bedrohung. Außerdem habe Russland, selbst wenn die Lage der russischen Minderheit in der Ukraine kritisch wäre, nicht das Recht, in der Ukraine zu intervenieren.

Behauptung: Die Krim war immer russisch.

Antwort: Die Krim hat nach der Auffassung des Auswärtigen Amtes eine ‚überaus wechselvolle‘ Geschichte. Demnach kamen Kimmerer, Taurer, Griechen, Goten, Hunnen, Chasaren, Kumanen, Tataren, Osmanen und erst dann – 1783 – die Russen. 1954 wurde sie dann innerhalb der Sowjetunion an die Ukrainische Sowjetrepublik verschenkt.

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Separatisten erobern Debalzewe: Poroschenko fordert internationale Friedenstruppen
19.02.15 – 01:28 min
MEDIATHEK
Separatisten erobern Debalzewe
Poroschenko fordert internationale Friedenstruppen
Behauptung: Der Kosovo hat sich ebenfalls von Serbien abgetrennt, die Vorgänge in der Ukraine sind nichts anderes.

Antwort: Die Lage auf der Krim ist nicht mit dem Kosovo vergleichbar, weder politisch noch rechtlich. Im Kosovo habe zunächst eine Nato-Truppe eingegriffen, anschließend habe es eine vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eingerichtete Verwaltung (UNMIK) gegeben und fast zehnjährige Bemühungen um eine Lösung, die allen Parteien passt. Erst nach dem Scheitern der Verhandlungen habe der Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt.

Ganz anders in der Ukraine: Begonnen mit einer gewaltsamen Intervention, die gegen das völkerrechtliche Gewaltverbot verstieß, hätten die russischen Truppen die ukrainische Verwaltung an ihrer Arbeit gehindert. Das Ergebnis – die Aufnahme in den russischen Staatenbund – dürfe kein anderer Staat anerkennen.

Behauptung: Russland hat mit dem Konflikt nichts zu tun. In der Ukraine kämpfen Separatisten gegen die ukrainische Armee.

Antwort: Die russische Minderheit steht der Regierung in Kiew zwar kritisch gegenüber, das Tun der Separatisten unterstützt sie in der Breite jedoch nicht. Ihr Tun können die Separatisten nur dank massiver Unterstützung aus Russland weiterführen.

Behauptung: Seit dem Ende der Sowjetunion will der Westen Russland systematisch schwächen.

Antwort: Die EU und die Nato hätten ein „überragendes“ Interesse, Russland als starken Partner zu haben. Seit dem Ende der Sowjetunion habe der Westen an der Bindung zu Russland gearbeitet, unter anderem mit diversen Partnerschafts-und Kooperationsabkommen, dem Nato-Russland-Rat und der G7.

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Behauptung: Die Nato profitiert von der Ukraine-Krise und kann (endlich) zu ihrer Mentalität des Kalten Krieges zurückkehren.

Antwort: Die Nato betrachte Russland nicht als Gegner und habe eine friedliche Zusammenarbeit in der Nato-Russland-Grundakte verankert. Diese Zusammenarbeit sei im Zuge der Krise aufgehoben worden, die Nato sei aber stets bereit, sie nach einer friedlichen Lösung wieder aufzunehmen.

Behauptung: Die EU und ihre Partner wollen Russland mit ihren Sanktionen wirtschaftlich in die Knie zwingen.

Antwort: Natürlich solle wirtschaftlicher Druck entstehen. So solle Moskau zu mehr Gesprächsbereitschaft bewegt werden. Die Sanktionen seien jedoch umkehrbar. Den Schlüssel hält vor allem Russland in der Hand.