Das Gesetz des Gleichgewichts

Henry Kissinger. World Order

Nun ist er über Neunzig und umstritten wie eh und je. Und ja, sein Leben hat einiges zutage gebracht, er war einerseits ein genialer Stratege, andererseits ein eiskalter Machtpolitiker, einerseits Historiker und andererseits heißblütiger Parteigänger. Henry Kissinger, der mittelfränkische Jude, den die Verfolgung in die USA trieb, wo er es bis ins Zentrum der Macht brachte, hat dank seiner Wissenschaftskarriere auch die Fähigkeit, die Schätze an Geheimwissen wie der analytischen Schärfe ab und zu in ein Buch zu bringen. Gerade das vor nicht allzu langer Zeit erschienene Werk mit dem knappen Titel China war alles andere als die Memoiren eines alternden Politikers, sondern die Erkenntnisse eines Zeitgenossen, der aufgrund seiner exponierten Stellung mehr weiß als andere. Mit World Order ist jetzt ein neues Buch auf dem Markt, dass endlich das Thema zum Fokus hat, für das Kissinger in der Wahrnehmung der meisten Zeitgenossen steht: Diplomatie. Und um es vorweg zu sagen. Wer sich aufgrund des Autorennamens davon abschrecken lässt, es zu lesen, dem werden bestimmte Einsichten verwehrt bleiben.

In den ersten beiden Kapiteln von World Order beschäftigt sich Kissinger mit der Genese der modernen Diplomatie. Deren Geburtsstunde sieht er in den Verträgen zum Westfälischen Frieden aus dem Jahre 1648, welcher in Münster geschlossen wurde. Einmal abgesehen, dass auch in Osnabrück verhandelt wurde, dass keine Synchronisation der Positionen der einzelnen Parteien an den verschiedenen Orten vorgenommen werden konnte und keine Rückversicherungen den jeweiligen Verhandlungsführern gegeben werden konnten, was alles aus der Perspektive des digitalen Zeitalters sehr befremdlich erscheint, ist das Wesen des Vertrages die Grundlage der modernen Diplomatie. Nach dreißig Jahren des Zerrüttungskrieges sicherten sich die unterschiedlichen Parteien zu, dass ein Gleichgewicht der Macht entstünde, das unbesehen der einzelnen religiösen oder kulturellen Ausrichtung des jeweiligen Staates seine Grenzen, Souveränität und Autonomie respektiert werden müssten. Der Begriff, der für dieses Gleichgewicht der Kräfte steht, ist das Equilibrium.

Laut Kissinger basiert nicht nur die moderne bürgerliche Demokratie auf diesem Gedanken des Equilibriums. Kissinger geht noch weiter und schreibt dem Geist des Westfälischen Friedens den Charakter einer friedensstiftenden Außenpolitik generell zu und verweist darauf, dass bis hin zur Konstituierung der Vereinten Nationen dieses Gedankengut das Fundamentale war. Und immer, wenn durch die Einführung von Religion, Ideologie oder Moral aufgrund der eigenen Überhebung die Vorstellung eines Equilibriums geleugnet wurde, geriet das gesamte Projekt der Verständigung nicht nur in Gefahr, sondern mündete in einem Krieg. Dass bei diesem Prozess der Negation der bürgerlichen Vorstellung der Kommunikation ausgerechnet das revolutionäre Frankreich die Ursünde beging, wird nicht weiter vertieft, sondern nüchtern zur Kenntnis genommen.

Interessant sind vor allem die auf dieser Argumentation aufbauenden Analysen des Nah-Ost-Konfliktes und des ihr in vielen Fällen zugrunde liegenden Islam, der in seiner missionarischen Vision da Equilibrium tendenziell ausschließt. Und auch die USA, als Weltmacht aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, hatten aufgrund ihres tiefen Glaubens an eine systemische Suprematie dazu beigetragen, eine auf Gleichheitsgrundsätzen beruhende Weltordnung dahin gehend obsolet zu machen, als dass sich die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Wohlstand nur durchzusetzen brauchten. Divergierende Perspektiven wie digitale Gleichzeitigkeit haben es so sehr schwierig gemacht, nach einer Verortung zu suchen, die alle als Ausgangspunkt einer neuen globalen Ordnung akzeptierten. Auch dort würde Kissinger das Equilibrium favorisieren. Jede Tagesnachricht aus der internationalen Politik dokumentiert, wie aktuell dieses Buch ist.

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Die Entspannung entlässt ihre Kinder

Vor kurzem starb Wolfgang Leonhard. Viele, die die Nachricht erhielten, werden ihn nicht mehr gekannt haben und viele, die ihn kannten aus der Zeit, als er es in die Schlagzeilen brachte, glaubten, er sei bereits seit langem tot, weil nichts mehr von ihm oder über ihn zu lesen war. Wolfgang Leonhard erlebte seine Prominenz mitten im Kalten Krieg, und das hatte seinen Grund. Er war ein hoffungsvoller, junger Mann, der es sehr schnell auf der Karriereleiter des neuen Staates DDR zu etwas gebracht hatte. Zum Teil in Moskau aufgewachsen, ein glühender Verfechter der sozialistischen Idee, reüssierte er schnell im neuen Deutschland. Allerdings fiel ihm früh auf, dass vieles, was die Utopie versprach, in der Alltagspraxis auf der Strecke blieb. Es begann ein Prozess der Entfremdung zwischen ihm, der Partei und dem Staat. Irgendwann floh er dann, rüber in den freien Westen, wie es damals hieß. Im Gepäck hatte er ein Buch mit dem Titel: Die Revolution entlässt ihre Kinder.

Der Rest ist schnell erzählt. Leonhard, der das System systemisch erklärt hatte und die Metamorphose vom emanzipatorischen Programm zum Repressionsstaat beklagte, wurde aufgesaugt von dem medialen Hype des Kalten Krieges. Letztendlich ließ er sich vor den Karren spannen. Und als es ruhiger um ihn wurde, hatte er längst einen Job an der Seite der konservativen Regierung als Berater für östliche Affären. Die Revolution entlässt ihre Kinder, als Momentum selbst, sollte, bei aller Kritik des historischen Kontextes, ein denkenswerter Appell bleiben, wenn es um die Bewertung von Prozessen geht, zu deren Beginn eine positive besetzte Idee und an deren Ende nicht selten etwas steht, das mit der Idee kaum noch etwas zu tun hat.

Gerade in diesen Tagen liegt es nahe, den Gedanken einmal auf die Entspannung anzuwenden. Die Idee der Architekten der Entspannungspolitik war es, den Kalten Krieg zwischen Ost und West zu überwinden und vor allem die Völker Zentraleuropas aus dem Zangengriff der beiden Supermächte zu befreien. Vor allem die deutsche Sozialdemokratie unter Willy Brandt hat diese Idee in die Welt gesetzt und letztendlich auch zum Erfolg geführt. Es war kein leichtes Unterfangen, die eigene Siegermacht im Rücken, auf die andere zuzugehen, ohne beide Seiten immer wieder in die Muster es Kalten Krieges zu treiben. Manchmal gingen die Protagonisten auch ein Stückchen mit bei der Eskalation, aber nur, um im entscheidenden Moment die Chance der De-Eskalation zu ergreifen.

Als vor 25 Jahren die Sowjetunion implodierte und der Gedanke der Selbstbestimmung den Kalten Krieg überwunden hatte, wurden die Lehren aus dem Prozess allenthalben proklamiert. Das Enttäuschende an der Entwicklung Europas seit 1990 ist die Tatsache, dass anscheinend vor allem die Profiteure der Entspannung diese selbst nie begriffen hatten. Aus heutiger Sicht wurde sofort alles unternommen, um die Grundlagen für eine Verständigung zwischen unterschiedlichen Interessen wieder zu erschweren. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen, die unter einem bestimmten politischen System gelitten haben, zumindest emotional immer skeptisch bleiben. Es ist aber unverzeihlich, wenn sie ganze Staaten in eine Konfrontation treiben, die die Schreckensszenarien des Kalten Krieges zu einer realen Vorstellung werden lassen. Das ist die Stunde derer, die für die Entspannung stehen und die nicht gewillt sind, sich als Konkursmasse der Geschichte verramschen zu lassen. Es gehört zu der Ironie, die der Geschichte immer wieder nachgesagt wird, dass Figuren wie Joachim Gauck und Angela Merkel, deren Biographien in der Mediokrität versunken wären, hätte es keine Entspannungspolitik gegeben, nun diese Idee verbrennen. Die Entspannung entlässt ihre Kinder.

Zweck und Wert

Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Das Diktum der großen Strategen aus dem Reich der Mitte ist nicht nur ein Indiz dafür, dass wir es mit einem semantischen Archetypus zu tun haben, sondern es dokumentiert wieder einmal den Charme asiatischer Dialektik. Das Abschätzen von Kräften zweier miteinander streitender Parteien entscheidet darüber, welches Ziel formuliert und zu welchen Mitteln gegriffen wird. Wie weise. Und, andererseits, wie banal. Die neuzeitlichen Philosophen asiatischer Guerilla- und Befreiungskriege wie Mao Ze Dong und Ho Chi Min griffen auf diese Weisheit zurück und waren damit erfolgreich. Auch gegen konventionelle Übermächte. Diese waren zumeist getrieben von der neuen Apotheose der technischen Machbarkeit. Sie hatten Strategien, die soziale und politische Dimensionen zur Grundlage legten, ersetzt durch den Glauben an die Technokratie. Das war fatal. Das blieb fatal, bis heute. Vielleicht handelt es sich dabei um die Tragödie des Westens schlechthin. Hatte er es doch vermocht, mit der Verwissenschaftlichung und Industrialisierung seiner Prozesse die alten Mächte dieser Erde an die Peripherie zu drängen und ungeheure Reichtümer zu schaffen, die alles erdrückten.

Im Rausch des Erfolgs blieben die sozialen und politischen Skills anscheinend auf der Strecke. Durch Technologie kann man herrschen, durch Reichtum auch. Zumindest innerhalb bestimmter Zeiträume. Doch die Perfektionierung eines Mittels wie der Dominanz eines sozialen Zustands sind keine Strategie. Beides hinterlässt ein Vakuum, das ausgefüllt werden will. Selbst oder gerade wenn man zurückgeht in die Welt der Mythen wird evident, dass menschliche Existenz nach Erklärungen für das Sein sucht, nach Mustern für den Sinn und nach Identitäten für das Zusammenleben. Das alles kann weder Konsum noch Wohlstand leisten. Und das scheint zunehmend das Defizit des so grandios daher kommenden Westens zu sein. Das große Paradigma der Demokratie, die ihrerseits sicherlich die formale Grundlage für das Florieren von Technologie und Reichtum war, ist ausgehöhlt durch eben ihre eigene Dialektik. Der Schein des Gelingens hat die Ursache desselben längst übertrumpft. Der Sinn der Demokratie ist nicht seine Degradierung zum Zweck. Technologie und Reichtum scheinen hingegen zum Sinn geworden zu seinen und die Demokratie ihr Zweck. Das kann nich gut gehen und das wird nicht gut gehen.

Das Gespenst der Systemtheorie, Niklas Luhmann, hatte trotz aller politischen Virulenzen, in denen er wirkte, zwei Termini geschaffen, die er aus dem Amalgam der Entwicklung gedeutet hatte. Er sprach von Wert- und von Zweckrationalität. Damit lag er phänomenologisch richtig. Die Vorgehensweise in den Herzländern der Technologisierung und Industrialisierung ist zu einem Absolutismus der Zweckrationalität verkommen und dominiert das Denken wie nie. Die Wertrationalität, die determiniert, warum wir was wie machen, zurückgeführt auf Grundwerte, nach denen wir operieren, ist zu einer Randexistenz geworden, die allenfalls in therapeutischen Kontexten noch eine Relevanz besitzt.

Kommen wir zurück zu dem Diktum der Strategen aus dem Reich der Mitte und Tongking. Die Verblendung, die aus dem Zweckrationalismus entstiegen ist, macht es zunehmend schwer, in Kontexten zu agieren, in denen wesentliche Bestandteile von Wertrationalität Geltung behalten haben. Ob die geteilt werden oder nicht, ist dabei irrelevant. Man muss sie nur verstehen. Bewegt man sich jedoch nicht von dem Erklärungsmuster der Zweckrationalität weg, wird man sie nicht begreifen. Es gilt zu verstehen, dass die Welt der Zweckrationalität nicht überall auf der Welt die Attraktivität besitzt wie in unseren Breitengraden. Anscheinend wird diese Einsicht verweigert. Das verheißt nichts Gutes. Viele Schlachten. Viele Schlappen.

Dostojewski und der Inquisitor

Nahezu täglich erreichen uns Nachrichten, die die Sprache verschlagen lassen. Mal werden Menschen liquidiert, weil sie zum falschen Augenblick am falschen Ort waren. Mal kommen sie um, weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Mal ist es ihre ethnische Zugehörigkeit, die sie dem Tode weiht, mal ihr Glaube, mal ihr Geschlecht und mal die von ihnen gewählte Lebensweise in welcher Hinsicht auch immer. Verantwortlich für die Exzesse des Mordes sind zumeist Überzeugungen. Vermeintlich. Zumeist sind es Eiferer, egal welcher Couleur, die sich in ihrer Überzeugung dazu bemächtigt fühlen, das Urteil über Leben und Tod anderer sprechen zu dürfen. Gleich den schrecklichen Inquisitoren der Vergangenheit wüten sie durch unsere Tage. Sie geben vor, im Sinne einer besseren, guten Sache unterwegs zu sein. Was sie hinterlassen, ist Angst und Schrecken. Ihr Terror lähmt nicht nur das zivile Leben, ihr Terror tötet auch den Diskurs über das Leben.

Die Nachrichten, die uns immer wieder erreichen, bedürfen einer bestimmten Grausamkeit, um es als wert betrachtet zu werden, über die Kommunikationskanäle verbreitet zu werden. Die Quote einer verbreiteten Nachricht entsteht auch über die zu erwartende Größe des Schocks, die sie auslösen. Wie die Busreisenden, die von neuzeitlichen Inquisitoren gefragt wurden, ob sie Verse aus dem Koran aufsagen konnten. Bei Verneinung Kopfschuss. Das wirkt, weil es eine Qualität hat, die in unserem Alltag nicht zu finden ist. Aber es gibt natürlich auch hier, mitten unter uns die Muster, die mit so etwas korrespondieren. Egal, um welchen Konflikt es geht, die Großmeister der reinen Lehre sind schon unterwegs. Auch unsere Gesellschaft ist voll davon. Political Correctness wird genauso als Hexenhammer gelesen wie die katholische Sittenlehre damals und heute. Konfliktäre Positionen in politischen Fragen erleiden das gleiche Schicksal. Wer dort, wo die Macht entschieden hat, ein Fragezeichen macht, darf sich nicht wundern, wenn es ihn ereilt. Geschlossene Gesellschaft, Ausgrenzung, Hohn. Wer dort, wo der Mainstream seine Marken gesetzt hat, ein anderes Leben bevorzugt, wird schnell erfahren, was es mit der Toleranz auf sich hat. Plötzlich fletschen Musterdemokraten die Zähne und werden hysterisch. Nicht, weil die Demokratie bedroht wäre, sondern weil die Bequemlichkeit in Gefahr ist.

Es macht keinen Sinn, die vielen Beispiele vom radikalen, physischen bis zum psychischen, kulturellen Terror durchzuspielen, weil es keine Empörung erzeugte, die praktische Folgen hätte. Aber, und das ist eine Vorstufe praktischer Folgen, es macht Sinn, sich Gedanken über das Konstrukt zu machen, das dort wirkt. Was treibt die an, die vorgeben, Andere von etwas Besserem überzeugen zu wollen und gleichzeitig, quasi im gleichen Atemzug, alles Andere von dieser Erde vertreiben zu wollen? Wie immer ist es da sehr hilfreich diejenigen zu befragen, die das alles schon einmal durchlebt haben.

Dostojevski war so einer. Im fünften Buch seines Romans Die Brüder Karamasow trägt Ivan seinem Bruder Aljoscha ein Poem vor. In Wahrheit handelt es sich um einen Traum, den er auswendig gelernt hat und den er Der große Inquisitor genannt hat. Eigentlich geht es darin um den Begriff der Freiheit und wie sie durch Eiferer gefährdet wird. Die Quintessenz hinsichtlich des Wesens des Großinquisitors, der für die Gefährdung der Freiheit steht, lässt sich in einem Satz zusammenzufassen: Der Inquisitor glaubt nicht an Gott, das ist sein ganzes Geheimnis!

Treffender kann es nicht formuliert werden.